Stuttgarter Stadtdekan zur AfD Hermes seziert den Rechtspopulismus

Von Martin Haar 

Christian Hermes vertritt den Standpunkt, dass Kirche sich in die Politik einmischen muss. Er tut das besonders pointiert – zum Ärger der AfD.

Streitbar: der katholische Stadtdekan Christian Hermes. Foto: Fg/Achim Zweygarth
Streitbar: der katholische Stadtdekan Christian Hermes. Foto: Fg/Achim Zweygarth

Stuttgart - Es dürfte im Jahr des 500. Reformationsjubiläums einer der meistzitierten Sätze sein: „Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott, helfe mir, Amen!“ Mit diesen Worten soll Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms seine reformatorische Haltung bekräftigt haben. Die Erzählung ist heute eine Art Urbild für Gewissensentscheidungen, die auch in den eigenen Reihe für Widerspruch sorgen.

Auch der katholische Stadtdekan Christian Hermes sieht sich seinem Gewissen verpflichtet in seiner Haltung gegenüber den Rechtspopulisten von der AfD. Obwohl es durchaus in der Gesellschaft und auch in seiner Kirche Stimmen gibt, die anderes von ihm erwarten. Deren Tenor: Ein Kirchenmann dürfe nicht politisch agieren. Es gebe keine christliche Politik.

Gibt es doch, sagt Hermes. Kirche müsse sich einmischen. Auch weil die Bücher Mose bis heute die Normen und Werte unserer Gesellschaft prägten. Also legt sich der Monsignore mit allen an, die diesen Wertekanon zersetzen wollen. Sei es die Radikalen der „Weltanschauungsplattform PI-News“ oder eben die „Hetzer“, die er in der AfD ausgemacht hat – die Höckes, Petrys und Fiechtners. Besonders kritisch sieht er AfD-Stadtrat Bernd Klingler. Dessen Facebook-Post hat Hermes überhaupt mobilisiert. Klingler schrieb im sozialen Netzwerk über „Invasion von Eindringlingen in unseren Sozialstaat“. Gemeint waren die Flüchtlinge. Damit war für Hermes die Grenze der Toleranz überschritten. „Wo immer Vorurteile und Hass gestreut werden, ist es unsere Pflicht, mutig das Wort zu ergreifen“, schreibt Hermes in einem Aufsatz, der in dem Sammelbandes „AfD, Pegida und Co. – Angriff auf die Religion?“ im Herder Verlag erschienen ist.

AfD äußert „großes Befremden“

Die Angegriffenen reagierten umgehend: „Großes Befremden haben die Vorwürfe von Herrn Stadtdekan Christian Hermes gegen die AfD ausgelöst“, protestierte der Stuttgarter AfD-Kreisvorstand und wies „mit Entschiedenheit die Vorwürfe zurück.“ Die AfD-Vertreter fühlen sich nicht nur verunglimpft, sie wähnen umgekehrt Hermes selbst im Abseits. „Uns sind gläubige Katholiken bekannt, die bereits die Predigten des Stadtdekans in der Domkirche St. Eberhard meiden.“ Belege dafür gibt es keine.

Christian Hermes lässt sich davon nicht beirren. Streitbar arbeitet er sich in seinem Aufsatz an der AfD ab. Er seziert die Positionen der Partei, argumentiert auf der Basis seines christlichen Weltbildes und rechnet ab: „Eine Partei, deren Spitzenpersonal dafür eintritt, dass deutsche Polizisten an der Grenze auf Flüchtlinge schießen sollen, (…) die unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit Ausländerfeindlichkeit und Hass schürt, ist keine Alternative für Deutschland. Die AfD ist mit unseren ethischen und politischen Grundüberzeugungen als katholische Kirche unvereinbar.“

Im Mittelteil seines Essays wechselt der 45-Jährige schließlich die Stoßrichtung. Aus der Offensive wird keine Demut, aber er geht doch in die Defensive. In Teilen liest sich das Stück wie eine Apologie, eine Verteidigungsrede. Christian Hermes nennt diesen Duktus lieber „begründend statt apologetisch“, denn er sieht seine Kirche „diffamiert“, wenn sie von der AfD als „Profiteur der Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird. In solchen Momenten stellt er sich die Fragen: „Wie lange darf und soll Kirche schweigen? Und wann muss sie sich zu Wort melden?“ Spätestens dann, wenn die rechtsstaatliche Kultur und der innere Frieden des Landes bedroht wird. Und dieser Fall ist für den Stadtdekan eingetreten.

Hermes will nicht schweigen

Die politische Meinungsäußerung wird für ihn so zum Bürgerrecht – ja zur moralischen Bürgerpflicht. Hermes verwendet dabei den Begriff der Polis, des antiken Staates, wie der griechische Philosoph Platon ihn einst skizziert hat. „Die Sache der Politik ist die Sache der Polis und damit aller Bürgerinnen und Bürger.“ Weiter heißt es in seinem Aufsatz: „Weder kann der Staat den Kirchen vorschreiben, noch kann er ihnen verbieten, dass und wie sie sich entsprechend ihrer Glaubensüberzeugung im Rahmen der Verfassung für politische Angelegenheiten engagieren.“ Aus der historischen Perspektive ergibt sich für den Stadtdekan eine Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen. Aus der geschichtlichen Erfahrungen der nationalsozialistischen und sozialistischen Diktaturen leitet er einen „Öffentlichkeitsauftrag“ ab.

Schließlich ist dies aber auch eine ganz persönliche Haltung für Hermes. Eine Gewissensentscheidung, wenn man so will: „Ich will mir von niemanden vorhalten lassen, zu lange geschwiegen zu haben.“ Die deutsche Geschichte solle sich nicht wiederholen“, sagt er. In diesem Zusammenhang fallen mitunter die Namen von zwei katholischen Bekennerpersönlichkeiten aus Stuttgart, die dem Stadtdekan Orientierung geben: Pater Rupert Mayer und der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz. Beide haben sich im Nationalsozialismus „gegen eine menschenverachtende Ideologie gestellt, lange bevor diese auf demokratischem Weg die Macht ergreifen konnte“. Eugen Bolz bezahlte diese Haltung mit dem Leben; er wurde von den Nationalsozialisten hingerichtet. Rupert Mayer kostete es die Freiheit. Auch ohne Pathos wird beiden, Bolz und Mayer, ein gewisser Heldenmut zugesprochen, dessen Kraft sie auch aus ihrem katholischen Glauben schöpften.

Umso bemerkenswerter ist die Geschichtsdeutung des AfD-Kreisverbandes im Hinblick auf den Essay von Christian Hermes: „Ein Beispiel sollte sich Dekan Hermes an Rupert Mayer nehmen, der als Pfarrer in St. Eberhard gewirkt hat und Zeit seines Lebens sich gegen nationalsozialistische Gewaltherrschaft aufgelehnt hat. Heute werden tausende Christen weltweit von Islamisten bedroht, vertrieben und umgebracht. Es stünde Herrn Dekan Hermes gut an, sich zu dieser Gewalt zu äußern und sie zu verurteilen.“ Hermes meint dazu nur: „Nichts zu sagen, ist auch eine Aussage.“ Doch ist es nicht sein Schlusswort. Das lautet: „Die AfD ist ein Teil des Problems, aber kein Teil der Lösung.“ Wer dies überprüfen wolle, der solle sich nur die Frage stellen: Wer war eigentlich an allem Schuld, bevor die Flüchtlinge an allem Schuld waren? „Das süße Gift der einfachen Antworten, das ist der Köder, den die AfD auslegt.“

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