Ludwigsburg - Eine Feierstunde, viel politische Prominenz, warme Worte – und das war es dann. Frank Rebholz ist Polizist mit Leidenschaft, 13 Jahre leitete er die Polizei in Ludwigsburg, an diesem Mittwoch wird er verabschiedet. Offenheit, Menschlichkeit, Verlässlichkeit – Werte wie diese hat er vertreten und sich damit viele Freunde gemacht. Im Interview spricht er über den schwindenden Respekt gegenüber Polizisten, seinen ungewöhnlichen Wechsel von der CDU zu den Grünen und die schwerste Entscheidung seines Lebens.
Herr Rebholz, an diesem Mittwoch endet eine Ära, für die Polizei in Ludwigsburg und für Sie. Wie fühlt sich das an?
Es ist ein ambivalentes Gefühl. Mit viel Freude auf das, was kommt. Darauf, mehr Zeit zu haben. Aber auch mit Wehmut. Es fällt schwer, eine derart spannende und verantwortungsvolle Aufgabe hinter sich zu lassen. Das hat so etwas Endgültiges.
Wie meinen Sie das?
Nach einem langen Urlaub hat man irgendwann wieder Lust, zu arbeiten. Zu wissen: Jetzt darfst du nicht mehr zurück – das ist nicht leicht.
Wie fällt ihre Bilanz aus?
Unterm Strich sehr positiv. Die Akzeptanz der Polizei in Ludwigsburg ist hoch. Wir haben die Polizeireform und die damit zusammenhängende Fusion der Direktionen in Böblingen und Ludwigsburg gemeistert. Die Sicherheitslage ist gut.
Was war die größte Herausforderung?
Die sehr hohe Zahl an Wohnungseinbrüchen hat uns in Atem gehalten. Aber in den vergangenen drei Jahren ist es uns gelungen, die Zahl jährlich um 20 Prozent zu senken. 60 Prozent insgesamt – das ist ein Wort und ein großer Erfolg.
Und was macht Ihnen am meisten Sorgen?
Die Gewalt gegen Polizeibeamte. Es vergeht fast kein Tag, an dem unser Führungs- und Lagezentrum nicht meldet, dass Polizisten attackiert oder verletzt wurden. Das tut mir fast selbst körperlich weh, denn ich kann da kaum helfen. Anrufen, im Krankenhaus besuchen, eine Karte schreiben – das kann man machen, klar. Aber man fühlt sich hilflos angesichts der Aggression, die da zu Tage tritt.
Wird es schlimmer?
Ja, das zeigt unsere Statistik, die Zahl der Aggressionsdelikte nimmt zu, auf den Straßen, im Öffentlichen Nahverkehr, überall. Vor allem werden die Übergriffe brutaler. Das betrifft nicht nur uns, sondern auch andere, die helfen wollen.
Inwiefern?
Dass die Polizei angegriffen wird, kann man zwar nicht entschuldigen, aber zumindest ein bisschen nachvollziehen. Wir greifen ein, wir treten Leuten auch mal auf die Füße. Aber inzwischen sind sogar Sanitäter oder Feuerwehrleute nicht mehr sicher.
Woran liegt das?
Wenn ich das wüsste. Früher hatten die Menschen vor jedem, auch jungen Streifenbeamten Respekt, heute stellen sie alles in Frage. Wenn Polizisten eingreifen, hören sie oft den Vorwurf: Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Vielleicht haben wir zu sehr den Fokus darauf gelegt, eine bürgernahe und freundliche Polizei zu sein. Ich finde das prinzipiell gut, aber im Einsatz muss es heißen: Was die Polizei anordnet, gilt. Danach kann man alles in Frage stellen und rechtsstaatlich überprüfen lassen, das ist richtig und wichtig. Aber erst einmal müssen die Handlungen der Polizei respektiert werden.
Ist das ein Problem der Polizei oder der Gesellschaft?
Vielleicht hat sich unsere Gesellschaft zu sehr an Gewalt gewöhnt. Macht man das Fernsehen an, sieht man nur noch Krimis, überall Gewalt. Das kann nicht gut sein. Das betrifft sicher nicht nur die Polizei, die Ursachen liegen viel tiefer. Das hat auch etwas mit Erziehung zu tun. Damit, jungen Menschen gewisse Werte mit auf den Weg zu geben.
In den vergangenen Jahren sind viele Menschen aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland gekommen, mit teils ganz anderen Werten. Spielt das eine Rolle?
Nicht bei diesem Thema. Angriffe auf Polizisten werden statistisch gesehen nicht häufiger von Flüchtlingen oder Menschen mit Migrationshintergrund begangen als von Deutschen.
Hat die Flüchtlingsthematik in anderen Bereichen Auswirkungen?
In den ersten Jahren nach der Flüchtlingswelle lebten die Neuankömmlinge in Sammelunterkünften. Wenn es zu Problemen kam, dann in diesen Unterkünften. Inzwischen wohnen die meisten in der Anschlussunterbringung, und damit hat sich das Kriminalitätsgeschehen stärker in die Öffentlichkeit verlagert. Es bleibt nicht bei Gewalt untereinander, jetzt kann bei Auseinandersetzungen auch mal ein Deutscher Opfer oder Täter sein. Auch Rauschgiftkriminalität spielt dabei eine Rolle. Man muss aber betonen, dass nur ein sehr kleiner Teil der Flüchtlinge kriminell wird.
Viele Menschen fühlen sich heute unsicherer als früher.
Das muss man ernst nehmen, auch wenn wir hier sehr sicher leben. Und natürlich gibt es Probleme, das darf man nicht verschweigen. Uns beschäftigt gerade sehr, dass Streitigkeiten, an denen Migranten beteiligt sind, häufiger mit Messern ausgetragen werden. Die Polizei arbeitet bundes- und landesweit daran, diesen Befund auszuwerten und Gegenmaßnahmen zu entwickeln.
Wenn ein Flüchtling eine Gewalttat begeht, folgt regelmäßig eine kontroverse Debatte in Medien und Politik. Etwa als in Freiburg eine Studentin von einem Afghanen ermordet wurde. Wie beurteilen Sie das?
In Freiburg kam hinzu, dass in kurzer Zeit mehrere schlimme Delikte begangen wurden – auch das hat die mediale Aufmerksamkeit befeuert und dazu geführt, dass Freiburg plötzlich als unsicherste Stadt des Landes galt. Was natürlich so nicht stimmte. Ich glaube außerdem: Wäre es ein deutscher Täter gewesen, wäre das mediale Echo vermutlich nicht so laut ausgefallen. Es gibt leider Menschen, die morden, und es gibt Menschen, die vergewaltigen. Deutsche und Ausländer. Über viele schlimme Taten wird nur am Rande berichtet, bei anderen entsteht ein regelrechter Hype. Warum das so ist, müssen eher Vertreter Ihrer Zunft beantworten. Ich kann es nicht.
Täuscht der Eindruck, dass viele Polizisten mit der AfD sympathisieren?
Ja, das täuscht. Es gibt sicher welche, die das tun, und viele andere, die auf der ganz anderen Seite des politischen Spektrums stehen. Die Polizei bildet die gesamte Bandbreite der Gesellschaft ab.
Der Ludwigsburger AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess ist mit diesem Thema auf Stimmenfang gegangen. Er schürte Ängste vor Ausländern und verwies auf seine Erfahrungen als Polizist.
Ich bin froh, dass Herr Hess nicht zu meinem Präsidium gehört. Aber die AfD ist nun einmal eine demokratisch gewählte Partei. Nicht meine Partei, nicht meine Richtung. Aber das müssen wir akzeptieren. Natürlich gibt es auch unzufriedene Polizisten, die dann für Botschaften der AfD empfänglicher sind.
Warum unzufrieden?
Es gibt manche, die sich darüber ärgern, dass mit den Flüchtlingen noch mehr Menschen ins Land kamen, mit denen die Polizei sich auseinandersetzen muss – ohne dass im Gegenzug zusätzliches Personal eingestellt worden wäre. Viele sind verärgert, dass ihre aufwendigen Ermittlungen oft zu keinem Ergebnis führen, keine Konsequenz haben. Der Vorwurf richtet sich dann an die Justiz. Denn wenn eine Staatsanwaltschaft ein Verfahren einstellt, hat der Polizist oft das Gefühl, für den Papierkorb gearbeitet zu haben.
Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie in Ihrer Karriere treffen mussten?
Das war während einer Geiselnahme in Holzgerlingen im Jahr 2015. Der Täter hatte sich bewaffnet und mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern in einem Haus verschanzt. Er wollte unbedingt seine Ex-Freundin sehen, die Mutter der beiden Kinder. Wir haben die halbe Nacht im Lagezentrum verhandelt, alle Optionen durchgespielt. Der Mann hat sich keinen Millimeter bewegt, ist auf nichts eingegangen. Wir haben stundenlang versucht, auf ihn einzuwirken, es hat nichts gebracht. Irgendwann musste ich, als Polizeiführer, eine Entscheidung treffen.
Welche?
Nach mehreren Stunden bekamen wir den Eindruck, dass der Mann bald durchdreht. Ihn in Kontakt mit der Ex-Freundin zu bringen, war keine Option, denn es war klar, dass das nicht gut ausgehen würde. Also habe ich entschieden, dass das Sondereinsatzkommando eine günstige Gelegenheit zum Zugriff nutzen soll – und den Schusswaffengebrauch freigegeben.
Wie ging es weiter?
Als die Beamten rein sind, hat er mit seiner Pistole auf sie gezielt. Es hat geknallt. Im Lagezentrum wussten wir nur, dass Schüsse gefallen sind. Bis zur nächsten Lagemeldung verging eine gefühlte Ewigkeit: Täter getroffen, Geiseln unversehrt. Der Mann ist später seinen Verletzungen erlegen.
Was macht das mit einem?
Ich habe in den Nächten danach nicht viel geschlafen. Ich bin überzeugt, dass der Zugriff notwendig war. Auch die Staatsanwaltschaft hat es so gesehen. Aber trotzdem, wenn ein Mensch stirbt, auch wenn es der Täter war, lässt einen das nicht kalt.
In Zukunft wird Ihr Leben ruhiger verlaufen, aber Sie werden weiter in der Öffentlichkeit stehen: Sie kandidieren mit besten Chancen für den nächsten Kreistag in Ludwigsburg – für die Grünen. Früher saßen Sie für die CDU im Gemeinderat. Ein ungewöhnlicher politischer Richtungswechsel.
Ja, das hat viele überrascht. Manche sehen in einem fast so etwas wie einen Hochverräter, wenn man sich einer anderen Partei annähert. Dabei hatte ich früher kein CDU-Parteibuch und werde jetzt nicht Mitglied der Grünen. Ich habe nichts gegen die CDU und ihre Werte, aber wegen bestimmter Themen fühle ich mich heute bei den Grünen besser aufgehoben.
Wie waren die Reaktionen der Kollegen?
Es gibt manche, die das nicht verstehen. Aber die positiven Reaktionen überwiegen deutlich.
Was reizt Sie an den Grünen?
Ich bin sicher, dass Klima- und Umweltschutz die wichtigsten Aufgaben unserer Zeit sind. Ich habe selbst einen Garten und merke, dass es dort immer weniger Bienen und Insekten gibt. Wir vermüllen die Meere mit Plastik, und wir verschmutzen die Luft. Die Klimaschutzziele, die wir uns gesetzt haben, haben wir alle nicht eingehalten. Wir spielen immer noch auf Zeit, aber die Zeit wird knapp. Auch die CDU hat den Umweltschutz für sich entdeckt, aber ich glaube, dass es mit den Grünen schneller vorangeht. Wir müssen völlig umdenken.
Wo hat die Politik versagt?
Jetzt, wenn Fahrverbote drohen, stellt die Politik den Standort der Messstellen in Frage oder die geltenden Grenzwerte. Ich halte das für falsch. Ich bin kein Ideologe und immer für pragmatische Lösungen, ich will auch keine Fahrverbote. Aber wir müssen handeln.
Wenn solche Themen Sie umtreiben und mit Ihrer Führungserfahrung: Sie wären ein guter Kandidat als Landrat oder Oberbürgermeister in Ludwigsburg. Beide Ämter stehen zur Wahl. Bewerben Sie sich?
Die Frage ehrt mich und vor zehn Jahren hätte ich darüber nachgedacht, ja. Aber mit 62 Jahren bin ich dafür jetzt zu alt. Außerdem wünsche ich mir, dass es nach all dem Stress mal etwas ruhiger zugeht in meinem Leben.
Polizist –
Frank Rebholz ist in Stuttgart geboren und seit den 1970er Jahren im Polizeidienst. Nach dem Studium und verschiedenen anderen Positionen war der inzwischen 62-Jährige elf Jahre lang Referatsleiter im baden-württembergischen Innenministerium. Seit 2006 leitet er die Polizeidirektion in Ludwigsburg.
Präsident
– Im Zuge der Polizeireform wurden 2014 die Direktionen in Böblingen und Ludwigsburg zu einem Polizeipräsidium zusammengelegt – und Rebholz zum Präsidenten befördert. Am 1. Juni geht er in Ruhestand, der bisherige Vize-Chef Burkhard Metzger übernimmt seinen Posten. Das Präsidium verfügt über rund 1800 Mitarbeiter in beiden Landkreisen, der Hauptsitz ist in Ludwigsburg.
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