InterviewDer Psychologe Jan Ilhan Kizilhan betreut IS-Opfer „Wir müssen helfen“

Jan Ilhan Kizilhan kümmert sich um   Jesidinnen, die aus dem Nord­­irak nach Deutschland geflohen sind.  Foto: DHBW Villingen-Schwenningen
Jan Ilhan Kizilhan kümmert sich um Jesidinnen, die aus dem Nord­­irak nach Deutschland geflohen sind.  Foto: DHBW Villingen-Schwenningen

Fast tausend traumatisierte jesidische Frauen sind aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg geflohen. Der Psychologe Jan Ilhan Kilzilhan kümmert sich um sie.

Villingen-Schwenningen - Baden-Württemberg hat sich als einziges Bundesland bereit erklärt, bis zu tausend traumatisierte jesidische Frauen aus dem Nordirak aufzunehmen. Die Frauen sind von den Kämpfern und Sympathisanten des Islamischen Staates (IS) verschleppt und missbraucht worden. Zehn Kommunen im Land bieten Unterkünfte an. Der Orientalist und Traumatologe Jan Ilhan Kizilhan von der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen koordiniert das bisher einmalige Projekt.
Professor Kizilhan, warum nimmt Baden-Württemberg jesidische Frauen auf?
Es ist wichtig, dass das Land nicht nur jesidischen Frauen, sondern ganz allgemein traumatisierten Kriegsflüchtlingen Asyl gewährt. In unserem Projekt geht es um schutzbedürftige junge Frauen, die in den Händen des Islamischen Staates waren. Das bedeutete für diese Frauen: Vergewaltigung, Folter, Gefangenschaft, Nahrungsentzug und Sklaventum. Davon sind Jesiden, Christen, Schiiten und zum Teil auch Sunniten betroffen, die nicht die Regeln der IS-Ideologie einhalten. In der Haupt­sache sind es aber Jesidinnen. Würde die Landesregierung mit diesem Projekt ihnen nicht helfen, würden sich viele dieser Frauen umbringen.
Von wie vielen Betroffenen sprechen wir?
Ich gehe aufgrund unserer Datenerhebung in den Flüchtlingscamps vor Ort davon aus, dass wir es mit 20 000 bis 30 000 schwer traumatisierter Menschen zu tun haben, die Opfer des IS sind. Zurzeit sind noch etwa 5600 Frauen in den Händen der islamistischen Terrorristen.
Wenn es diese Frauen zu uns schaffen, sind sie dann hundertprozentig in Sicherheit?
Nein. Der internationale Terrorismus hat die Grenzen überwunden. Das heißt, wir haben auch hierzulande Unterstützer des IS. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Betroffenen besonders schützen.
Wie sehen die Schutzmaßnahmen aus?
Dazu kann ich aus verständlichen Gründen nicht viel sagen. Es ist so, dass die Frauen anonym bleiben. Nur ein sehr kleiner Personenkreis erfährt, wo sie unterkommen, wo sie behandelt werden und wo sie eine neue Lebensperspektive erhalten.
Was haben diese Frauen erleiden müssen?
Heute hatten wir einen Notfall, eine junge Frau. Sie ist gerade 18 geworden und stammt aus den Nordirak. Sie wurde vom IS nach Syrien verschleppt, dort mehrfach an ältere Männer verkauft und immer wieder vergewaltigt. Die entführten Frauen werden vom IS nach bestimmten Merkmalen aufgeteilt: in verheiratete und ledige, mit Kindern und ohne Kinder, junge und alte, hübsche und weniger hübsche Frauen. Das läuft alles systematisch ab und wird zentral geplant. Es geht hier nicht um die spontane Befriedigung eines perfiden Triebs.
Wie gelang der jungen Frau die Flucht?
Sie kommt aus einem nordirakischen Dorf, in dem alle Männer ermordet wurden. In Syrien ist sie mit anderen jungen Frauen in einem Haus eingesperrt gewesen. Der Gruppe gelang die Flucht, erst in den Irak, dann bis zur türkischen Grenze, dort hatte das Mädchen Verwandte. Bis dorthin war sie mehrere Wochen gelaufen, ihre Füße waren wund, voller Blasen. Unterwegs aß sie Gras, weil sie nichts anderes hatte.

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