Der Rechtserklärer: Richter Wolfgang Armbruster geht in Ruhestand Wie hoch darf eine Tuja-Hecke sein?

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Die Fälle Wolfgang Armbrusters sind manchmal kurios – eine schillernde Mischung bundesrepublikanischer Wirklichkeit eben. Aber viel lieber, als ein Urteil zu sprechen, spricht der Vizepräsident des Sigmaringer Verwaltungsgericht mit Klägern und Beklagten und löst den Fall einvernehmlich.

Richter mit pädagogischer Ader: Armbruster bei einem Vortrag für  Flüchtlingsberater des Roten Kreuzes  Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Richter mit pädagogischer Ader: Armbruster bei einem Vortrag für Flüchtlingsberater des Roten Kreuzes Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Sigmaringen - Es ist 9.25 Uhr. Wolfgang Armbruster bindet sich die weiße Krawatte um und schlüpft in seine schwarze Richterrobe. Im Besprechungszimmer nebenan warten seine beiden Richterkolleginnen und die zwei Schöffen der siebten Kammer des Verwaltungsgerichts Sigmaringen auf ihn. In fünf Minuten beginnt der Gerichtstag. Es ist Armbrusters letzter. Er ist 65 Jahre alt. Man ahnt: Die schillernde Mischung bundesrepublikanischer Wirklichkeit, in die er täglich blickt, wird ihm fehlen. Bevor der Tag richtig begonnen hat, hat seine Kammer bereits über die Vergabe einer Buslinie entschieden und sich über Turbinen zur Stromgewinnung sowie die von ihnen ausgehende Gefahr für die ­Fische im Gewässer informiert.

Manchmal geht es aber auch um die Höhe von Tuja-Hecken, die Rechtmäßigkeit von (Kampf)Hunde-Steuerbescheiden, die Zulässigkeit von Werbetafeln in freier Natur oder genehmigte Baugesuche und die daraus resultierenden Nachbarschaftsstreitigkeiten. Die Reihe ließe sich schier endlos fortsetzen. Und immer menschelt es, wenn die Realität auf Paragrafen und Vorschriften trifft, wenn es knirscht zwischen den Bürgern und ihrem Staat.

Wolfgang Armbruster will das Knirschen beseitigen. Am besten ohne Gerichtsurteil, einvernehmlich mit einem Vergleich. Reden und erklären ist seine Methode. Darauf, dass ihm das oft gelingt, ist er stolz. Zum Dank haben zwei gebändigte Streithähne sogar mal einen kleinen Privatweg nach ihm benannt.

Jede Klage ein Schicksal

Im Moment stehen die Zeichen der Zeit jedoch nicht so sehr auf Nachbarschaftsstreitigkeiten, sondern eher auf Asylrecht. Im April sind allein am Verwaltungsgericht Sigmaringen 800 Klagen gegen die Bescheide des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eingegangen. Im März waren es um die 400, im Februar etwa 300. Jede Klage ein Leben, ein Schicksal. Wolfgang Armbruster ist aufgrund der weltpolitischen Entwicklungen fast wieder bei seinen Anfängen gelandet. 1980 hat er sich nach einem Jahr als Rechtsanwalt bewusst für das Richteramt entschieden und begann als Asylrichter am Verwaltungsgericht Stuttgart. Da stand er gleich mitten im prallen Leben und musste darüber befinden, ob der Mensch, der da vor ihm sitzt, wirklich verfolgt wird oder nicht.

Heute ist Armbruster bundesweit einer der profiliertesten Ausländer- und Asylrechtsexperten, schreibt mit den Hypertextkommentar, das Standardwerk auf diesem Gebiet. „Da jeder irgendwann in seinem Leben mit Ausländern zu tun hat, sollte er wissen, was einem das Verwaltungsrecht oder das öffentliche Recht vorgibt“, sagt er an seine Berufskollegen gerichtet. Für sich selbst hat er entschieden, seinen Anteil am besseren Gelingen des Miteinanders zu leisten. Und so bildet er Richter, Anwälte, Sozialarbeiter, Polizisten und Studenten quer durch die Republik fort. Beim Roten Kreuz in Stuttgart, wo er noch kurz vor seiner Pensionierung Flüchtlingshelfer schult, gibt es keinen freien Sitzplatz mehr. Dem Mann geht der Ruf voraus, anschaulich und kurzweilig zu referieren.

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