Auszubildende der Firma Fiessler bei der ArbeitFoto: Roberto Bulgrin Foto:
Betriebe in der Region suchen händeringend Nachwuchs. Firmen wie Fiessler Elektronik in Aichwald engagieren sich deswegen immer stärker mit eigenen Angeboten zur Berufsorientierung.
„Die Azubisituation wird immer schlimmer“, sagt der Geschäftsführer Götz Fiessler von der Firma Fiessler aus dem Aichwalder Ortsteil Aichschieß und verdeutlicht: „Aktuell haben wir drei Auszubildende, aber hätten eigentlich Bedarf für das Doppelte“. Damit ist das Unternehmen, welches Sicherheitsprodukte wie Lichtschranken und Standardsensoren herstellt, kein Einzelfall.
Kaum Verbesserung seit der Pandemie
Denn viele Betriebe im Landkreis Esslingen haben Schwierigkeiten damit, ihre Lehrstellen zu besetzen. Erst kürzlich sprach die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Esslingen-Nürtingen (IHK), Heike Kauderer, auf dem IHK-Frühjahrsempfang über die schlechte Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Deshalb appellierte Kauderer an die Mitgliedsbetriebe, Angebote zur Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler wie Praktika nicht als lästige Aufgabe zu sehen, sondern zur Chefsache zu machen. Außerdem kritisierte die IHK-Präsidentin, dass die duale Ausbildung an den Gymnasien immer noch eine untergeordnete Rolle spiele, obwohl mittlerweile 50 Prozent der Jugendlichen das Gymnasium besuchten.
Götz Fiessler, Geschäftsführer der Fiessler Elektronik Foto: Fiessler
Das Unternehmen Fiessler bildet seit gut 60 Jahren Elektronikerinnen und Elektroniker für Geräte und Systeme aus. Mehr als 100 erfolgreiche Azubis waren es seit der Firmengründung. Doch seit Jahren geht die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber zurück. Fiessler sagt, es gebe einfach zu wenige Menschen, die einen Schulabschluss und Lust darauf haben, sich im Unternehmen ausbilden zu lassen.
Die Corona-Jahre haben dazu geführt, dass viele Schulabsolventinnen und Schulabsolventen die Entscheidung für die Berufswahl aufgeschoben haben. Doch einen direkten Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sieht Fiessler nicht: „Ich glaube der Ausbildungsmarkt hat sich weitestgehend von der Pandemie erholt.“ Auch die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit unterstreichen diesen Eindruck. Im März trafen im Kreis Esslingen 1712 Bewerberinnen und Bewerber auf 2785 freie Ausbildungsstellen. Damit gibt es im Vergleich zum Vorjahr mehr Menschen, die eine Ausbildung suchen (Vorjahr 1565) und weniger freie Plätze in Unternehmen (2868).
Lehrstellen werden Leerstellen
Markus Knorpp, Teamleiter bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Esslingen, spricht von kleinen Verbesserungen im Vergleich zu den Vorjahren, aber die Lage sei noch lange nicht so gut, wie vor der Corona-Pandemie. Der Berufsberater hebt hervor, dass die Ausbildungssuchenden sich verstärkt im Bereich Nachhaltigkeit orientieren. Außerdem beginnen mehr Frauen eine Lehre in einem MINT-Beruf und mehr Männer orientieren sich in sozialen Berufen. Aber da sei noch viel Luft nach oben, so Knorpp. Insgesamt reichen die Bewerberinnen und Bewerber bei Weitem nicht aus, um den Bedarf der Firmen im Kreis zu decken: Lehrstellen werden zu Leerstellen. Knorpp rät den Betrieben, aktiv auf die Jugendlichen zuzugehen: „Es reicht nicht aus, einfach nur abzuwarten“.
Abwarten möchte das Unternehmen Fiessler nicht. Weil das Schalten von Anzeigen und das Auftreten auf Ausbildungsmessen bei Fiessler bislang nicht zum erwünschten Erfolg geführt hat, hat sich das Unternehmen nun etwas Neues überlegt: den Ausbildungstag. Fiessler bietet am Freitag, 5. Mai, von 12 bis 17 Uhr allen Interessierten zum ersten Mal die Möglichkeit, sich vor Ort über eine Ausbildung in der Firma zu informieren – einen Tag der Offenen Tür zum Thema Ausbildung. Auch andere Unternehmen in der Region, zum Beispiel der Automobilzulieferer Eberspächer, veranstalten eigene Ausbildungstage oder weitere Angebote, um Nachwuchs zu gewinnen.
Ausbildungsmarkt im Kreis Esslingen
Wer sucht? Die meisten Ausbildungssuchenden im Landkreis sind im Schnitt 19,5 Jahre alt und haben erst kürzlich die Schule abgeschlossen. Mehr als die Hälfte (960) haben zuvor eine Realschule besucht und dort ihren Abschluss gemacht.
Wo wird gesucht? Die Berufsgruppen Verkauf, Arzt- und Praxishilfe, Maschinenbau, Betriebstechnik, Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schiffsbautechnik, Mechatronik und Automatisierungstechnik haben im Kreis Esslingen die meisten unbesetzten Azubistellen.
Praktikumswoche „5 Tage, 5 Berufe, 5 Unternehmen“ – unter diesem Motto gibt es die Möglichkeit, neue Unternehmen kennenzulernen. Interessierte Schüler und Firmen können sich auf praktikumswoche.de registrieren. Aktionszeitraum ist von 30. Mai bis 23. Juni.