Er war einer der größten Regisseure der 20er Jahre, drehte in Berlin und Hollywood mit Stars wie Emil Jannings, Olga Belajeff und Laura La Plante. Eine Erinnerung an den am 8. Juli 1885 im Stuttgarter Hospitalviertel geborenen Paul Leni.

Stuttgart - Graf Ulrich, der Vielgeliebte, ließ im 15. Jahrhundert auf dem „Turnieracker“ Ritterspiele zur Unterhaltung des Adels veranstalten. Mit wachsender Bedeutung Stuttgarts als Residenz wurde dann an der Stelle eine Vorstadt errichtet. Dieses Hospitalviertel florierte, wurde bald als „Reiche Vorstadt“ bezeichnet. Im 19. Jahrhundert blühte dort auch die jüdische Gemeinde auf und baute sich eine maurisch anmutende Synagoge. Künstler und Literaten trafen sich in dem Viertel, das reich an kulturellen Angeboten und ein Zentrum des geistigen Lebens war. Ein Treffpunkt war das Haus von Eberhard Friedrich Georgii, einem Professor der Milit

Paul Leni Foto: Ronald Grant Archive / Mary Evan
ärakademie, den man den „letzten Württemberger“ nannte. Durch die Straßen des Hospitalviertels wehte ein freier Wind der Wissenschaft, Literatur und Kunst.

Vielleicht zog dieser Windhauch am 8. Juli 1885 auch durch ein offenes Fenster in die Wöchnerinnenstube eines Hauses in der Hospitalstraße 22. Dort brachte an diesem Tag Rosa Levi, geborene Mayer, ihren Sohn Paul Josef zur Welt. Wann es dem Jungen bewusst wurde, dass für ihn nur das Leben eines Künstlers in Frage kommt, ist nicht bekannt. Wie überhaupt wenig über den Menschen Paul Levi in Erfahrung zu bringen ist. Aber irgendwann während seiner Stuttgarter Schulzeit muss er beschlossen haben, kein Bankiersdasein zu führen wie sein Vater Moses Hirsch Levi. Paul sollte einer der berühmtesten Regisseure seiner Zeit werden.

Nach der Schulzeit beginnt er noch in Stuttgart eine Ausbildung zum Zeichner in einer Kunstschlosserei. Kurz nach der Jahrhundertwende, mit 17 Jahren, zieht es den jungen kreativen Paul aber unwiderstehlich nach Berlin, in jene am rasantesten wachsende Metropole Europas. Dort vervollständigt er zunächst seine Ausbildung an der Königlichen Akademie der Künste. Seinen Nachnamen ändert er in dieser Zeit von Levi in Leni. Ob aus eigenem Wunsch heraus oder auf das Geheiß seiner Eltern, ist unbekannt.

Paul Lenis Talent ist selbst im großen Berlin schon nach kurzer Zeit unübersehbar, in kürzester Zeit macht er sich einen Namen als Maler, Bühnenbildner, Grafiker und Karikaturist. Er arbeitet häufig für das Theater, vorzugsweise für die Meinhard-Bernauerschen Bühnen, zu denen das Berliner Theater, das Theater in der Königgrätzer Straße, das Komödienhaus, das Hebbeltheater sowie das Theater am Nollenddorfplatz gehören.

Ruhm in Berlin

Berlin entwickelt sich in jenen Jahren zu einem Brutkasten des Films, einer aufregenden, neuartigen Kunstrichtung, die kreativen Köpfen völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten schenkt. Schon bald arbeitet auch Paul Leni im Dunstkreis der Kinematografie. Er entwirft Ausstattungen für die üppigen, luxuriösen Berliner Lichtspielhäuser und kreiert Filmplakate. Mit diesen Filmplakaten wird er berühmt. Sein Ruhm bleibt auch in Stuttgart nicht unentdeckt, so widmet ihm das Landesgewerbemuseum eine Ausstellung in der König-Karl-Halle (heute Haus der Wirtschaft).

Von 1913 an arbeitet er als Filmarchitekt und Szenenbildner für Regisseure wie Max Mack, Ernst Lubitsch und Joe May. Mit May gründet er zehn Jahre später auch das Künstlerkabarett Die Gondel, das von russischen Exilanten finanziert wird. „Die geheimnisvolle Villa“ und „Der Mann im Keller“ heißen die ersten Filme aus der Frühzeit der Kinematografie, in denen Paul Leni für das Szenenbild verantwortlich ist – und die heute keiner mehr kennt.

Wie die meisten jungen Männer marschiert auch der kleine, rundliche Paul Leni in den Ersten Weltkrieg und wird im Laufe seiner kurzen Armeekarriere zum Unteroffizier befördert. Im Auftrag der Militärführung inszeniert er 1916 seinen ersten Film – einen dokumentarischen Propagandafilm über das Sanitätswesen im Feld. Ein Jahr später verlässt er die Armee wieder, um sich ganz der Kinokunst zu widmen.

1919 inszeniert Leni „Prinz Kuckuck“ mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. „Die Licht-Bühne“, eine Filmillustrierte jener Zeit, urteilt nach der Premiere: „Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man bei diesem Werk Paul Leni als den Reinhardt des Films anspricht. Den Film ‚Prinz Kuckuck‘ selber jedoch als das Stärkste, was deutsche Filmkunst bisher geschaffen hat. Die Massenszenen zeigen vielleicht die stärkste Begabung des Maler-Regisseurs Leni. Bilder wie die Pariser Vergnügungsstätten, wie der Karneval in Venedig, zeugen von einem genialen Blick für das Wesentliche solcher Effekte. Und nicht minder weiß Leni die Feinheiten zartester Naturbilder, Wolken und Seestimmungen von seltenem Reiz für seine Zwecke festzuhalten.“

Leni, der Shooting Star des Films

Es folgen „Die platonische Ehe“, eine Komödie um einen mittellosen Grafen, der sich in ein reiches Mädchen verliebt, und „Fiesco oder die Verschwörung zu Genua“, ein Historienfilm nach Motiven Friedrich Schillers. Paul Leni arbeitet, obwohl er jetzt selbst Regisseur ist, immer wieder für andere Regisseure als Szenenbildner. So auch 1920 für Ewald André Dupont und dessen Film „Der weiße Pfau“. Bei den Dreharbeiten lernt Paul Leni die Tänzerin und Schauspielerin Lore Sello kennen. Sie verlieben sich und heiraten ein Jahr später. Die Ehe bleibt kinderlos.

1921 kommt der Film „Hintertreppe“ mit Wilhelm Dieterle und Henny Porten, die auch die Produzentin des Films ist, in die Kinos. Hier führt Leni gemeinsam mit Leopold Jessner Regie. Der Film ist ein großer Erfolg, Leni der Shooting Star in der Weltstadt Berlin.

1923 steht für ihn im Zeichen seines berühmtesten Films „Das Wachsfigurenkabinett“ mit Olga Belajeff, Emil Jannings, Werner Krauß und Conrad Veidt. Ein armer junger Dichter soll für ein Wachsfigurenkabinett drei Figuren literarisch zum Leben erwecken: Harun al-Raschid, Iwan der Schreckliche und Jack the Ripper.

„Das Wachsfigurenkabinett“ wird oft als Horrorfilm bezeichnet. Dabei ist gerade sein erster Teil eher ein Märchenfilm, der an „Tausendundeine Nacht“ erinnert. Der Kalif Harun al-Raschid verliebt sich in die Frau des Bäckers, während der Bäcker versucht, den Wunschring des Kalifen zu stehlen, um seiner Frau alle Wünsche zu erfüllen. Die Geschichte des zweiten Teils, die sich um Iwan den Schrecklichen dreht, passt schon eher ins Horrorgenre. Der Zar von Russland ergötzt sich in seiner Folterkammer an den Qualen seiner Opfer. Als perfide Spezialität wird den armen Seelen eine Sanduhr vorgehalten, auf der ihre Namen eingeschrieben sind. Schließlich schläft der junge Dichter ermüdet von der Arbeit ein und träumt den dritten Teil des Films: Er und die Tochter des Schaustellers, in die er sich verliebt hat, werden von Jack the Ripper gejagt. Durch perfekt eingesetzte Überblendungen mit den Jahrmarkt-Karussells, den dunklen Berliner Hinterhöfen und dem fliehenden Liebespaar wird die Enge und Aussichtslosigkeit des Entkommens meisterlich filmisch umgesetzt. Ein Meilenstein der damaligen Filmkunst, der bis heute Lenis bekanntestes Werk geblieben ist.

Der Ruf nach Hollywood

1925 gründet Paul Leni die Rebus-Film GmbH, für die er acht sogenannte Rätselkurzfilme dreht. Darin bekommen die Zuschauer Fragen gestellt, die dann im nächsten Film beantwortet werden. Ein Jahr darauf bietet ihm Carl Lämmle, der berühmte Hollywood-Produzent aus dem oberschwäbischen Laupheim, einen Vertrag an. Leni sagt zu und reist mit seiner Frau nach Hollywood, um in der Welthauptstadt des Films seine Karriere fortzusetzen.

Sein erster Hollywood-Streifen „The Cat and the Canary“ ist eine Horrorkomödie und wird 1927 sein erster großer Erfolg in Amerika. Gelobt werden die Experimentierfreude der Kamera, die spannende Dramaturgie, mit der die Geschichte erzählt ist, sowie die außergewöhnlichen Bildeffekte. Leni begründet mit diesem Film das Genre des „Old-dark-House“-Horrorfilms: Das Motiv wird in den Jahrzehnten danach häufig kopiert: Ein exzentrischer reicher Mann stirbt. Im Testament hat er bestimmt, dass sich seine erbschleicherische Verwandtschaft in seinem düsteren Haus zusammenfindet. Dann wird’s gruslig.

Nach diesem Kassenschlager inszeniert Leni den Kriminalfilm „The chinese Parrot“, der in deutschen Kinos unter dem Titel „Der Chinesen-Papagei“ läuft und wie sein Vorgänger sehr erfolgreich ist. 1928 arbeitet Leni erneut mit Conrad Veidt zusammen. In der Verfilmung eines Romans von Victor Hugo „The Man who laughs“ („Der Mann, der lacht“) spielt Veidt einen Mann, der grausam entstellt wird. Ein künstlich geschaffenes andauerndes, irres Grinsen verurteilt ihn von nun an dazu, ewig über seinen Vater zu lachen, der einst den König beleidigt hat. „Der Mann, der lachte“ erreicht Publikum und Kritiker nicht in dem Maß wie seine Vorgänger.

1929 dreht Leni seinen letzten Film, wieder ein Krimi, mit dem Titel „The last Warning“ („Die letzte Warnung“), in dem Laura la Plante wie schon in „The Cat and the Canary“ die Hauptrolle spielt. La Plante ist damals der größte Star der Universal Studios und wird meist als nettes Mädchen von nebenan in Komödien besetzt. Bei Leni wird es schaurig und brenzlig für die Hollywood-Schönheit.

Der Tod mit 44 Jahren

Einen weiten Weg hat Paul Josef Levi alias Leni zurückgelegt, ein großer Stummfilm-Regisseur ist aus ihm geworden. Er hätte auch ein großer Regisseur des Tonfilms werden können, aber es kommt anders. Leni muss sich einer Zahnbehandlung unterziehen. Durch unsauberes Hantieren des Zahnarztes gelangt Eiter in den Blutkreislauf, und er bekommt eine Sepsis. Seine Assistentin findet ihn ein paar Stunden nach der Behandlung ohnmächtig im Büro vor, jedoch kommt alle Hilfe zu spät.

Paul Leni ist gelähmt und hat seine Stimme verloren. Am 2. September 1929 stirbt er im Alter von 44 Jahren an einer Herzhautentzündung. Er wollte nie, dass seine Filme dem Expressionismus zugeordnet werden. Er sah sie immer als malerische und fantastische Werke, die nirgendwo eingeordnet werden sollten.

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