Der Regisseur Paul Leni Der Mann mit dem genialen Blick

Von Kerstin Rech 

Er war einer der größten Regisseure der 20er Jahre, drehte in Berlin und Hollywood mit Stars wie Emil Jannings, Olga Belajeff und Laura La Plante. Eine Erinnerung an den am 8. Juli 1885 im Stuttgarter Hospitalviertel geborenen Paul Leni.

Eine Szene aus dem Stummfilm „Die letzte Warnung“ (USA, 1929)  mit Laura La Plante. Es war Lenis letztes Werk. Foto: picture alliance
Eine Szene aus dem Stummfilm „Die letzte Warnung“ (USA, 1929) mit Laura La Plante. Es war Lenis letztes Werk. Foto: picture alliance

Stuttgart - Graf Ulrich, der Vielgeliebte, ließ im 15. Jahrhundert auf dem „Turnieracker“ Ritterspiele zur Unterhaltung des Adels veranstalten. Mit wachsender Bedeutung Stuttgarts als Residenz wurde dann an der Stelle eine Vorstadt errichtet. Dieses Hospitalviertel florierte, wurde bald als „Reiche Vorstadt“ bezeichnet. Im 19. Jahrhundert blühte dort auch die jüdische Gemeinde auf und baute sich eine maurisch anmutende Synagoge. Künstler und Literaten trafen sich in dem Viertel, das reich an kulturellen Angeboten und ein Zentrum des geistigen Lebens war. Ein Treffpunkt war das Haus von Eberhard Friedrich Georgii, einem Professor der Milit

Paul Leni Foto: Ronald Grant Archive / Mary Evan
ärakademie, den man den „letzten Württemberger“ nannte. Durch die Straßen des Hospitalviertels wehte ein freier Wind der Wissenschaft, Literatur und Kunst.

Vielleicht zog dieser Windhauch am 8. Juli 1885 auch durch ein offenes Fenster in die Wöchnerinnenstube eines Hauses in der Hospitalstraße 22. Dort brachte an diesem Tag Rosa Levi, geborene Mayer, ihren Sohn Paul Josef zur Welt. Wann es dem Jungen bewusst wurde, dass für ihn nur das Leben eines Künstlers in Frage kommt, ist nicht bekannt. Wie überhaupt wenig über den Menschen Paul Levi in Erfahrung zu bringen ist. Aber irgendwann während seiner Stuttgarter Schulzeit muss er beschlossen haben, kein Bankiersdasein zu führen wie sein Vater Moses Hirsch Levi. Paul sollte einer der berühmtesten Regisseure seiner Zeit werden.

Nach der Schulzeit beginnt er noch in Stuttgart eine Ausbildung zum Zeichner in einer Kunstschlosserei. Kurz nach der Jahrhundertwende, mit 17 Jahren, zieht es den jungen kreativen Paul aber unwiderstehlich nach Berlin, in jene am rasantesten wachsende Metropole Europas. Dort vervollständigt er zunächst seine Ausbildung an der Königlichen Akademie der Künste. Seinen Nachnamen ändert er in dieser Zeit von Levi in Leni. Ob aus eigenem Wunsch heraus oder auf das Geheiß seiner Eltern, ist unbekannt.

Paul Lenis Talent ist selbst im großen Berlin schon nach kurzer Zeit unübersehbar, in kürzester Zeit macht er sich einen Namen als Maler, Bühnenbildner, Grafiker und Karikaturist. Er arbeitet häufig für das Theater, vorzugsweise für die Meinhard-Bernauerschen Bühnen, zu denen das Berliner Theater, das Theater in der Königgrätzer Straße, das Komödienhaus, das Hebbeltheater sowie das Theater am Nollenddorfplatz gehören.

Ruhm in Berlin

Berlin entwickelt sich in jenen Jahren zu einem Brutkasten des Films, einer aufregenden, neuartigen Kunstrichtung, die kreativen Köpfen völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten schenkt. Schon bald arbeitet auch Paul Leni im Dunstkreis der Kinematografie. Er entwirft Ausstattungen für die üppigen, luxuriösen Berliner Lichtspielhäuser und kreiert Filmplakate. Mit diesen Filmplakaten wird er berühmt. Sein Ruhm bleibt auch in Stuttgart nicht unentdeckt, so widmet ihm das Landesgewerbemuseum eine Ausstellung in der König-Karl-Halle (heute Haus der Wirtschaft).

Von 1913 an arbeitet er als Filmarchitekt und Szenenbildner für Regisseure wie Max Mack, Ernst Lubitsch und Joe May. Mit May gründet er zehn Jahre später auch das Künstlerkabarett Die Gondel, das von russischen Exilanten finanziert wird. „Die geheimnisvolle Villa“ und „Der Mann im Keller“ heißen die ersten Filme aus der Frühzeit der Kinematografie, in denen Paul Leni für das Szenenbild verantwortlich ist – und die heute keiner mehr kennt.

Wie die meisten jungen Männer marschiert auch der kleine, rundliche Paul Leni in den Ersten Weltkrieg und wird im Laufe seiner kurzen Armeekarriere zum Unteroffizier befördert. Im Auftrag der Militärführung inszeniert er 1916 seinen ersten Film – einen dokumentarischen Propagandafilm über das Sanitätswesen im Feld. Ein Jahr später verlässt er die Armee wieder, um sich ganz der Kinokunst zu widmen.

1919 inszeniert Leni „Prinz Kuckuck“ mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. „Die Licht-Bühne“, eine Filmillustrierte jener Zeit, urteilt nach der Premiere: „Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man bei diesem Werk Paul Leni als den Reinhardt des Films anspricht. Den Film ‚Prinz Kuckuck‘ selber jedoch als das Stärkste, was deutsche Filmkunst bisher geschaffen hat. Die Massenszenen zeigen vielleicht die stärkste Begabung des Maler-Regisseurs Leni. Bilder wie die Pariser Vergnügungsstätten, wie der Karneval in Venedig, zeugen von einem genialen Blick für das Wesentliche solcher Effekte. Und nicht minder weiß Leni die Feinheiten zartester Naturbilder, Wolken und Seestimmungen von seltenem Reiz für seine Zwecke festzuhalten.“

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