Unterwegs zwischen Start-up-Boom und Schattenwirtschaft: ein Essenskurier Foto: /Seeliger
Brandheiß: In „Liefern“ folgt Tomer Gardi der Spur jener, die überall in der Welt für einen Hungerlohn das Päckchen der Essenswünsche Privilegierter zu tragen haben.
Egal wohin man kommt, sie gehören zum Stadtbild: Eilige Radler auf E-Bikes, Motorrädern oder Rollern, beladen mit würfelförmigen Rucksäcken in bunten Farben. Was sie transportieren, wissen nur die, die sie mittels einer App beauftragt haben, weil sie sich selbst den Weg zum Restaurant ihrer Wahl lieber sparen wollen. Im digital vernetzten globalen Dorf gibt es keine Wirtshäuser, aber dafür alle Arten von Lieferdiensten. So sehr die, auf deren Schultern die Genüsse Privilegierterer ausgetragen werden, ein alltäglicher Anblick geworden sind, und so gerne ihre Leistungen in Anspruch genommen werden, sind es nicht selten die gleichen, die in den herablassenden Augen mancher als Problem des Stadtbildes gelten. Zeit für einen Perspektivwechsel und einen Roman wie „Liefern“ von Tomer Gardi.
Der in Israel geborene und in Berlin lebende Autor hat schon in seinen früheren Büchern die Transitzonen der Gegenwart durchquert und gebrochenes Deutsch literaturfähig gemacht. In „Liefern“ findet er denkbar klare Worte für das gebrochene Weltverhältnis des neuen Subproletariats, welches das Tischlein-deck-dich der Plattform-Ökonomie zu tragen hat.
Tomer Gardi Foto: Maximilian Gödecke
Wobei es bei dem Eritreer Filmon mit klaren Worten so eine Sache ist. Auf der Flucht vor der Diktatur in seinem Land ist er in Israel gestrandet, und nachdem das Café bankrott ging, in dem er bisher all die Gerichte für die ungeduldigen Kuriere auf Rädern bereitgestellt hat, muss er die Seite wechseln. Nun radelt er selbst unter ruinösen Bedingungen durch Tel Aviv, in der Hoffnung, irgendwann auch einmal die deutsche Botschaft beliefern zu können, um auf diesem Weg seinem Visum-Antrag für Deutschland Nachdruck zu verleihen. Dorthin haben es seine Frau und Tochter bereits geschafft.
„Der Reisepass is himl bloi“ – Filmons Weg ins gelobte Land
Er lernt fleißig Deutsch allerdings mit stark jiddischem Einschlag, vermittelt von einem anderen befreundeten Eritreer, der einen Putzjob in einer Synagoge gefunden hat: „Der Reisepass is himl bloi“ – und ähnlich schwierig zu erlangen wie der Einlass in Kafkas berühmter Türhüter-Parabel. Trotzdem wird man Filmon später im gelobten Land wiederbegegnen, abermals als Fahrradkurier.
Doch erst einmal geht es nach Delhi, wo die Journalistin Megha das Diwali-Fest, die Feier des Siegs des Guten über das Böse, am liebsten mit ihren Kindern zuhause in ihrer gepflegten Gated Community erleben würde. Man kann sich ja etwas zum Essen kommen lassen, Burger aus Hähnchen oder Lamm, auf keinen Fall heiliges Rind. Schon nähert sich der blaue Punkt des Fast-Food-Boten auf der App – bis er sich plötzlich nicht mehr bewegt.
Die Gründe vernetzen diese Geschichte mit Schauplätzen und Schicksalen in anderen Teilen der Welt: einer argentinischen Mutter, deren Sohn bei einem Unfall während eines Indienaufenthalts ums Leben kommt, und einer jungen Deutschen, die normalerweise Leuten wie Filmon Deutsch beibringt, sich für ein Übersetzungsprojekt aber vorübergehend in der Hauptstadt des Subkontinents aufgehalten hat. Und überall drehen die von Algorithmen und Bewertungen gehetzten Vorreiter eines globalen Prekariats ihre Runden. „Keiner mag die Essenslieferanten, auf der Straße hassen sie uns, weil wir zu schnell fahren, zu Hause hassen sie uns, weil wir zu langsam sind.“ Dabei hat jeder und jede von ihnen eigene Pläne und Hoffnungen, der digitalen Infrastruktur zu entkommen, die sie aussaugt – „Abwarten in Bewegung“.
Tomer Gardi: Liefern.
In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer.
Klett Cotta.
320 Seiten, 25 Euro.
Am Ufer des Bosporus offenbart Resul, dessen Name im Koran der Bote Gottes bedeutet, wie man statt eines Lehrers für türkische Literatur zum Lieferanten wird. Sein Gesprächspartner ist der Ich-Erzähler, den es auf den Wegen einer Internationalen der Selbstoptimierung nach Istanbul verschlagen hat, um sich seinen schütteren Haarwuchs aufpolstern zu lassen. Das ist eine andere Geschichte, und doch hängt hier alles zusammen: die Rose, die der haartransplantierte Autor in der Berliner Bar seines Vertrauens wässert, mit der jungen Frau in Kenia, die sie pflückt; oder der vor den Nazis nach Istanbul geflüchtete Romanist Erich Auerbach, der dort sein berühmtes Werk „Mimesis“ über die Darstellung des Alltagslebens in der Literatur schrieb, mit dem Buch, das man gerade in den Händen hält.
Tomer Gardi zeigt Facetten zeitgenössischen Alltagslebens zwischen Start-Up-Boom und Schattenwirtschaft in allen Abstufungen von Sub- und Sub-sub-Unternehmern. Für die Vernetzung von Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen findet er eine Erzählform, in der die einzelnen Geschichten wie Lieferketten miteinander verknüpft sind. Jeder für sich, der Plattform-Kapitalismus gegen alle.
Das klingt finsterer als es ist. Besser gesagt: es liest sich nicht annähernd so finster, wie es in Wirklichkeit ist. Unter literarischen Gesichtspunkten bietet „Liefern“ mindestens ein so reichhaltiges Angebot wie die einschlägigen Essensdienste: Sex, Crime und eine große Portion des grotesken Humors, der Tomer Gardi den Ruf eines Literaturclowns eingebracht hat. Man wird ihm nur gerecht, wenn man den tiefen Ernst seiner Späße ermisst. Oder in der Logik der Bewertungssysteme: fünf Sterne – mindestens.
Info
Autor Tomer Gardi, geboren 1974 im Kibbuz Dan in Galiläa, lebt als Schriftsteller in Berlin. Sein Debüt „Stein, Papier“ erschien 2011 auf Hebräisch und 2013 in deutscher Übersetzung. 2016 erschien sein Roman „Broken German“. Für den Roman „Eine runde Sache“ erhielt er 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse. Seine Arbeiten wurden mehrfach mit renommierten Stipendien ausgezeichnet. Für „Liefern“ hat Tomer Gardi über drei Jahre in sechs Städten vor Ort recherchiert.
Termin Am 16. März stellt Tomer Gardi seinen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.