Der Schallplattenladen in Jettingen Dieses leise „Fomp“

Eugen Hirneise (links) mit seinem Faktotum Peter, einem seiner Lieblingskunden. Foto: Eibner-Pressefoto/Andreas Ulmer

In Jettingen gibt es seit sechs Jahren einen Schallplattenladen. Hier dreht sich alles um das rotierende Vinyl, das einst das Lebensgefühl einer Generation ausdrückte, die heute ihre Seele sucht – und zwischen Abba und Zappa wiederfindet.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Peter räumt auf, Peter bedient die Platten-Waschmaschine, Peter sortiert, Peter verpackt, Peter stapelt die Platten, macht sie zum Versand fertig - Peter?

 

Peter, reichlich in den Sechzigern, Strickmütze, Jeans, ist nicht der Besitzer des Schallplattenladens in Jettingen. Peter ist ein Kunde – aber was für einer.

Der Besitzer Eugen Hirneise, stattlicher Mann, Jeans und Batschkapp, lässt ihm im Laden freie Hand. Sein Geschäft mit dem Namen „Vinyl Audio Design“ Schallplatten, Boxen und Zubehör in der Herrenbergerstraße 5 ist ein Biotop der Vergangenheit und gleichzeitig ein kulturelles Kontinuum, in dem die Schallplatte aus Vinyl weiterlebt.

Männer, die ihre Seele suchen

Männer und Frauen um die Sechzig kommen in den Laden, die ihre Seele suchen und endlich die Platten kaufen, die sie sich als Teenager nicht leisten konnten. Kunden kommen, die ihre riesigen Sammlungen ausbauen wollen oder Lücken stopfen. Opas und Omas mit dem Enkel kommen, um ihnen zu zeigen, was diese schwarzen Scheiben können, wie man sie benutzt und welche klanglichen Schätze in den 60 Quadratmetern von Vinyl Audio Design auf sie warten. Es gibt Kunden, die haben bis zu 30 000 Schallplatten mit Spezialsammlungen, vor denen Eugen Hirneise den Hut zieht: „Ich habe einen Kunden, der besitzt rund 3000 Schallplatten alleine von den Rolling Stones.“

Beatles oder Stones? „Stones“, sagt Eugen Hirneise. /Andreas Ulmer

Beatles oder Stones? „Stones“, beantwortet Eugen Hirneise die Frage aus dem Ende der 60er Jahre, die damals die Teenager in unversöhnliche Lager teilte: Wer Rolling Stones hörte, war cool, aufmüpfig, Revoluzzer, wer Beatles hörte, war angepasster, softer, aber musikalischer. Rebelliert haben mit dieser Musik jedoch beide Lager der Jugendlichen in Deutschland gegen die Elterngeneration, die Klassik, Schlager und volkstümliche Musik hörte, und zwar unversöhnlich und erbarmungslos. Dieser Kampf in den 60ern dürfte deswegen so hart geführt worden sein, weil Deutschland durch Krieg und Nachkriegszeit von der Entwicklung der internationalen Musik 20 Jahre lang abgekoppelt gewesen war. Heute würde Eugen Hirneise eher „Beatles“ sagen, die musikalisch und künstlerisch mehr zu bieten hätten als die Stones. Eugen Hirneise selbst ist versöhnlich geworden, nach einem harten Arbeitsleben, dessen Pausen er mit seiner Gitarre gefüllt hat.

Ein Arbeitsleben lang Steinmetzmeister

Obwohl die CDs Anfang der 80er Jahre die Vinyl-Schallplatten vom Markt verdrängten, obwohl die Streamingdienste die CDs in den Orkus beförderten, hat sich Eugen Hirneise vor sechs Jahren im Alter von 61 Jahren einen Traum erfüllt und einen Schallplattenladen aufgemacht. Nachdem er ein Leben lang Steinmetzmeister gewesen ist, einen eigenen Betrieb in Nebringen geführt hat, mit Größen wie dem Bildhauer Lutz Ackermann zusammenarbeitete, in Architektur und in Restauration viel geleistet hat, war es nicht nur an der Zeit, den Betrieb zu übergeben, sondern etwas anderes zu tun. „Der Laden soll mit zu meiner Altersvorsorge beitragen“, sagt Hirneise bescheiden.

Peter ist unbescheiden, wie das ein echtes Verkaufstalent eben sein muss: „Das hier ist der schönste Plattenladen, den ich kenne, hier kriegst du alles, hier hast du übersichtliche Verkaufsboxen, hier ist eine Abteilung mit den gängigen Bands von Abba bis Zappa, hier gibt es eine Abteilung nach Genres wie die Japanpressungen oder Raritäten, und da ist mein Sammelgebiet Krautrock der Siebzigerjahre . . .“ Die richtige Schublade zu finden ist nicht immer leicht. Sind Deep Purple Heavy Metall oder Hardrock?

Hilft zur Altersvorsorge

Eine halbe Stunde später ist keine Einigkeit in Sicht, Zeit für Kaffee. Wer hier zum Fachsimpeln kommt, dem trocknet auch mal die Kehle aus. An der Stirnwand steht über der Kaffeemaschine auch ein Regal mit ein paar versöhnlichen Weinflaschen, um die Gemüter zu beruhigen. Daneben Devotionalien von Rockstars, Trommelfelle, Fotos, Plakate. Wie lange ist David Bowie schon tot? Und warum in aller Welt kauft jemand Schallplatten, die seit mindestens zwei technischen Umwälzungen außer Mode sind? Peter weiß die Antwort: „Guck mal, dieses Cover, das sind doch Kunstwerke, ich kauf ja manchmal Platten nur wegen des Covers, und dann setzt Du dich in einen Ledersessel und hast neben Dir ein Glas Wein, und dann hörst Du die Platte und Du schaltest ab, und der Klang ist viel weicher und viel besser als bei einer CD, und für die Bewegung tust Du ja auch was, weil Du musst ja alle 20 Minuten aufstehen und die Platte umdrehen. . .“

Die Cover sind doch Kunstwerke

Vielleicht müsste die Frage noch ganz anders lauten. Warum in aller Welt macht jemand einen Schallplatten-Laden auf, und noch dazu in Jettingen, Schrägstrich Oberjettingen, und nicht in London, Amsterdam oder Berlin? „Man kann hier gut parken“, sagt Eugen Hirneise in seiner zurückhaltenden Art.

Außerdem hat der Laden in Jettingen viel Platz, und den braucht Eugen Hirneise auch: Es gibt einen Plattenspieler zum Probehören, es gibt eine sensationell coole Plattenwaschmaschine, es gibt einen Techniker, der alte Plattenspieler repariert, und es gibt zwei Steinblöcke, aus denen Eugen Hirneise Lautsprecher-Boxen gemeißelt hat, geschätzte Lebensdauer ohne technische Teile: etwa 10 000 Jahre. Solche Boxen verkauft er auch, sogar maßgefräst. Natürlich könnte er manches besser präsentieren: Seinen leuchtenden Röhrenverstärker und die Klassikabteilung im Nebengebäude, aber er hat ja noch so viel Zeit.

Coole Plattenwaschmaschine

Mit sich, seinen Platten, seinen Ladenkunden, seinen Versandkunden, den Kunden, deren Plattensammlungen er aufkauft und weiter verkauft, und dem Glas Wein und dem bequemen Sessel. Wenn sich der Plattenteller dreht und das vielleicht schönste Geräusch im Leben eines Vinyl-Plattensammlers ertönt, das Peter und Eugen Hirneise mehr als alles andere lieben, das Geräusch, sagen sie, mit dem die Nadel auf der Platte aufsetzt: „Dieses leise Fomp“.

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