Der Sielminger Horst Böhm hat bereits mehr als 2000 Fußballspiele geleitet. Jetzt ist er 66, zückt noch immer gelbe Karten und wird dafür noch immer beschimpft.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Harthausen - Reihenhäuschen und fetten Filderkrautäckern liegt ein grünes Juwel des Breitensports. Noch ist der Rasen des TSV 1899 Harthausen menschenleer an diesem sonnigen Sonntagnachmittag, aber bald geht es los. Ein paar Lokalmatadoren sitzen schon in der Vereinsgaststätte „Adria“, bekannt für ihren Dubrovnikspieß oder die Leberschnitte Dalmatiner Art. Horst Böhm kommt überpünktlich wie immer, eine Stunde vor Spielbeginn. Man begrüßt sich herzlich: „Pfeifat Sie heut? Oh je.“ – „Spielsch du heut? Oh je.“Zwischen Maisfeldern und Streuobstwiesen, netten

An diesem zweiten Spieltag der Saison steigt die Partie Harthausen gegen SV 1845 Esslingen. Kreisliga B, unterste Klasse im deutschen Fußball. Böhm erwartet einen ambitionierten Kick, beide Mannschaften haben Aufstiegschancen. Und wer Kreisliga B spielt, der will seine Chance auch nutzen. Oder wie Böhm es sagt: „Der will da raus.“

Horst Böhm, 66, ist Schiedsrichter. Der einzige Beteiligte, der nichts zu gewinnen hat. Lob gibt’s eigentlich nie. Wenn man ihn nach dem Spiel in Ruhe lässt, war er ganz gut. Aber meistens ist er der „Dackel“ oder der „Depp“, die „Pfeife“ oder der „Oberblinde“, der „Dummkopf“ oder das „Arschloch“. Seit Jahrzehnten pfeift er, seit Jahrzehnten wird er angeraunzt. Fußball mag im Lauf der Zeit moderner geworden sein, das Trikot atmungsaktiv. Die Schiri-Beschimpfung ist zeitlos. Das meiste überhört er geflissentlich. In Mettingen zum Beispiel lehnen immer zwei Rentner am Geländer und machen Theater. „Die müsste ich im Grunde jedes Mal rausschmeißen“, sagt Böhm. Aber wahrscheinlich würde ihm dann was fehlen.

In der Kreisliga braucht man oft Gelb

Schon wenn ein Schiri aus dem Auto steigt, werde er taxiert, sagt Böhm. Nach ein paar Sekunden merkten Spieler wie Zuschauer: der ist nervös. „Und dann hat er verloren.“ Auf dem Platz das gleiche Spiel: „Die ersten 15 Minuten gehören dem Schiri, da muss er sein Revier abstecken.“ Böhm rät den Jungen, gleich kraftvoll in die Pfeife zu trompeten. „Sonst denken alle: Was rennt da heut für ein Lällabäbbl übern Platz.“

Einlauf der Akteure: Hinter der Harthäuser Betreuerbank haben sich zehn Esslinger Anhänger versammelt, in der Nordkurve, beim Getränkeverkauf, stehen die heimischen Fans, etwa 30 an der Zahl. Einer ruft Böhm seine Bitte nach: „Pfeif bloß oschdändich, gell!“ Die Gastgeber in weißen Jerseys, die Esslinger ganz in Rot und ohne Trikotsponsor. Böhm hat das gelbe Outfit aus seiner selbst finanzierten Kollektion ausgewählt, dazu passend die Hose, Stutzen, Schuhe mit den gelben Details. Ein Schiedsrichter muss auch äußerlich was hermachen. An seinem Handgelenk die Uhr, auf der die 45 Minuten runterlaufen, eine zweite zur Sicherheit. Die gelbe Pfeife in der Hand, bei den alten Modellen fror im Winter manchmal die Kugel fest, dann kam bei den gröbsten Fouls nur ein armseliges Röcheln.

Der Notizblock mit dem Stift steckt in der Brusttasche. Wichtig: immer konzentriert schreiben. Nicht, dass man noch dem falschen 10er Gelb-Rot zeigt. Auch schon passiert. Die rote Karte steckt rechts hinten in der Hose, die gelbe vorn. Früher trug er sie in der Brusttasche, aber das dauerte zu lange, bis er die jedes Mal aufgeknöpft hatte. In der Kreisliga braucht man oft Gelb, da muss es flutschen. „Seien wir ehrlich: in der Klasse wird nicht Fußball gespielt, da wird geklopft.“

„So ein Depp von Schiri“

Anpfiff. Die Esslinger Bank begleitet ihre Spieler, darunter zwei mit deutsch klingenden Namen, voller Leidenschaft. Verstummt dann aber rasch. 1:0 in der 2. Minute. „Rückraum!“ – „Komm, komm, komm!“ – „Jawoll Theo, Ball raus!“ – „Zu machen, zu machen!“ – 2:0. Ein Wortgefecht am 16er. Der Harthäuser schuckt den Esslinger zu Boden. Böhm gibt nur Gelb: „So ein Depp von Schiri, das ist der letzte Schiedsrichter, was gibt!“

Kreisliga ist, wenn man als Zuschauer manchmal den Ball aus dem Unterholz holen darf. Wenn man Abwehrkämpfe so direkt miterlebt, dass vor einem acht Männerbeine zu einem großen Knäuel verschwimmen, begleitet von einem Schnauben wie bei Hengsten. Kreisliga ist, wenn alle zehn Minuten ein schmerzverzerrtes „Aaaargh“ über den Platz gellt. Wenn bei jedem Flankenlauf ein Pinscher an der Außenlinie sein Revier verteidigen will und sein Frauchen ihm die Schnauze zuhält. Wenn anderthalb Stunden Unterhaltung nur zwei Euro kosten. „Aaaargh!“ . . . „Hejjj Schiri, siehst du nicht?“ . . . „Hörat auf da draußa mit dem Neischreia!“ . . . „Jaja“. 3:0, 4:0, 5:0, Pause.

Böhm ist zufrieden. „Kurz hab ich mal gedacht, es zwickt in der Brust, aber es hat doch nicht gezwickt.“ Im Mai wurde er am Herz operiert, es ist sein erstes Spiel danach. Das Lauf- und Krafttraining hat gut geklappt, er geht die Partie trotzdem „piano“ an. Hauptsache, einigermaßen auf Spielhöhe, „immer auf Ballhöhe, das geht gar nicht“.

Sein Ruf: berechenbar hart

Horst Böhm begann als Torwart in Sielmingen, wo er heute noch lebt. Nach einem zweifachen Handbruch war Schluss mit der Karriere. Er baute einen Blumengroßhandel auf und blieb dem Fußball als Schiedsrichter treu. Sein erstes Spiel leitete er in Reichenbach, 1969. Bei einem Foul am Torwart konnte er so gut mitfühlen, dass er den Stürmer sofort vom Platz stellte. Er bekam gleich richtig Gegenwind, um nicht zu sagen einen Gegenorkan, zu spüren. „Das mache ich nicht ewig“, dachte er sich.

Er schaffte es in die Landesliga und zum Oberliga-Assistenten. Sein Highlight war ein DFB-Pokalspiel: VfB gegen Braunschweigs Amateure. Er als Assistent. „Hansi Müller bediente Dieter Hoeneß mit einem Dutzend genialer Pässe, nur waren halt alle Abseits.“ Beim Pausenpfiff rannte Müller zu Böhm: „Lass die Fahne unten! Wenn wir nicht zweistellig gewinnen, macht uns der Sundermann dermaßen zur Sau.“ Es wurde ein 12:0, ohne Böhms Hilfe.

Ein paar Mal verpasste er knapp den Aufstieg in noch höhere Klassen, mit 40 musste er den Jungen Platz machen, trat zurück in die Kreis- und Bezirksliga. Er hat mehr als 2000 Spiele geleitet, sich einen Ruf als „berechenbar hart“ erstritten, wie er sagt. Ein Unparteiischer durch und durch. Böhm kann sich im Fernsehen kein Spiel mehr als normaler Fußballfan angucken. Sein Hirn schaltet automatisch in den Schiri-Modus. Schöne Tore, raffinierte Spielzüge? Beiwerk.

Platzwunden, Blutergüsse und ein Nasenbeinbruch

Seit 44 Jahren steht er jedes Wochenende auf dem Platz. Früher ging seine Frau in der Zeit mit dem Hund spazieren, heute fährt sie Fahrrad mit zwei Freundinnen. Sein Söhne waren oft dabei, als Zuschauer und später als Assistenten – bis zum Relegationsspiel Türk NKV Nürtingen gegen TSV Denkendorf, Juni 2002. In der Nachspielzeit einer ohnehin schon hitzigen Partie, die Türken führen 3:2, pfeift Böhm einen Elfmeter gegen sie. In der allgemeinen Revolte stellt er zwei Nürtinger vom Platz. Denkendorf verwandelt den Strafstoß zum 3:3. Verlängerung. Die Türken drehen durch, beschimpfen Böhm als Nazischwein und drohen, ihn totzuschlagen. Als er das Spiel abbricht, beginnt eine Jagd auf die Böhms. Einem Sohn wird eine Flasche auf den Kopf geschlagen, er verliert das Bewusstsein. Der Vater will helfen, doch eine 20-köpfige Meute stürzt sich auf ihn. Er geht in Embryohaltung, kommt mit Platzwunden, Blutergüssen und einem Nasenbeinbruch davon.

Der älteste Sohn beendete seine Schiedsrichterkarriere, der Jüngere pfeift noch. Horst Böhm hatte eine Weile an dem Vorfall zu knabbern, dann sagte er sich: „Von denen lass ich mir mein Hobby nicht kaputt machen.“ Drei Wochen war der Schiri krank, dann pfiff er wieder, Gott sei Dank.

Horst Böhm teilt die Schiedsrichter im Bezirk Neckar-Fils ein, mehr als 60 Spiele jedes Wochenende. Wer passt am besten zu welcher Begegnung? Wo ist ein ruhiger, wo ein strenger Mann gefragt? Dazu die Sonderwünsche: Griechen wollen keine Türken pfeifen. Türken keine Griechen, Türken keine Türken. Auch im „Adria“ kriegt Böhm zu hören: „Wen hasch uns denn do neilich gschickt? Der war ja gar nix.“ Er hat Bankdirektoren, Bäcker, Bauarbeiter im Angebot. Ein Pfarrer pfiff auch schon, ein sehr gerechter Mann. „Von zehn Schiedsrichtern sind fünf schlecht“, sagt Böhm. Ein paar davon dürfe er eigentlich gar nicht auf Mannschaften loslassen. Einer führt sich stets auf wie ein Mime am Wiener Burgtheater, ein anderer kommt wegen der Leibesfülle kaum aus dem Mittelkreis.

Die Ordner laufen zum Tatort

Die Spiele, die er pfeift, sucht sich Böhm selber aus. Hauptkriterium: der Sportplatz sollte nicht weiter als 20 Kilometer vom Haus entfernt sein. Was ist nur so schön an der Sache? „Die frische Luft“, sagt Böhm, „und die Bestätigung, 22 Leute in den Griff zu bekommen.“

Anpfiff 2. Halbzeit. Nicht jeder konzentriert sich auf Fußball. „Babba, wie lang dauert’s no? Babba, hasch du Geld für a rode Wurschd?“ – „Kira, lässt du deine Jacke bitte an? Kira, hörst du bitte?“ Zwei betagte Harthäuser sind mit ganzem Herzen dabei: „Steck durch!“ – „Ja wia, wen decked denn die?“ – „Jetzt spiel doch!“ – „So ein Scheißdreck!“ – „Jetzt left er durch . . . jetzt muss er schießa . . . gottachgottachgott, des kann i au no.“ – „Des pfeift der? Des isch ein Witz!“ – „Pietro schieß . . . ja!“ 6:0. „Viel zu lommelich, jetzt lassed se sich des ganze Spiel wegnemma.“ – „Hau druff!“

Bei der Esslinger Auswechselbank gibt es Ärger, es wird heftig gestikuliert und gebrüllt. Die Ordner laufen zum Tatort und bekommen von Böhm die Order: „Abführen! Wohin, isch mir egal, i will den nemme säh.“ Das junge Sturmtalent Dominik Staudt macht das 7:0 und den 8:0-Endstand. „Wonderbar! Heidanei!“ Die Bilanz: zehn gelbe Karten, eine gelb-rote, ein Sportplatzverweis, ein halbes Dutzend Spieler und Betreuer in den Senkel gestellt. Ein ruhiger Nachmittag.

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