Frost hat Deutschland im Winter 1945 fest im Griff. In Überlingen geht in der Nacht zum 1. Dezember eine Frau ins eiskalte Wasser des Bodensees. Kläre Buchmann sieht keinen Ausweg mehr. Die Temperaturen bedeuten auch für eine gute Schwimmerin, wie sie es ist, den sicheren Tod.
„Vor der Kaserne vor dem großen Tor, stand eine Laterne, und steht sie noch davor. So woll’n wir uns da wiederseh’n, bei der Laterne woll’n wir steh’n. Wie einst Lili Marleen . . .“ Kläre Buchmanns Selbstmord setzt auch den Schlusspunkt der Liebe zu Hans Leip, dem Schöpfer dieser berühmt-traurigen Zeilen, die, gesungen von Lale Andersen, zur deutschen Soldatenhymne wurden.
Vieles ist rätselhaft in der Beziehung zwischen dem Star-Autor des Stuttgarter Cotta-Verlags und der stellvertretenden Cotta-Geschäftsführerin. Leips Werk und Leben sind gut dokumentiert. Anders verhält es sich bei Kläre Buchmann, die während des Krieges ein Kind von ihm bekommt und dann im Nichts verschwindet. In gewisser Weise spiegelt ihr Schicksal auch jene Zeit wider, die im kompletten Ruin endete.
Die Romanze zwischen dem Hanseaten und der Bayerin bahnt sich 1936 an. Ihr gefällt sein Stil. Um ihn auf sich aufmerksam zu machen, schickt sie eine Auswahl diverser Bücher nach Hamburg-Blankenese, wo Leip auf großem Fuß lebt. Fanpost. Der gefeierte Autor springt auf die Avancen an und sendet ihr im Gegenzug eigene Bücher zu, garniert mit Komplimenten: „Sie sind nett. Sie schreiben mir so herzliche Sachen.“
„Klein von Gestalt, zierlichen Gesichts . . .“
In seinen Memoiren erinnert sich Leip an Kläre Buchmann: „Klein von Gestalt, zierlichen Gesichts, mit noch zierlicheren Händen. Ihre Tonart verriet, sie sei in München aufgewachsen, und sie lispelte ein wenig, was den Anschein erweckte, sie sei scheu und hilfsbedürftig. Das denn war ihrer agilen sachlichen Geschäftigkeit nur dienlich.“
Bald nach der ersten Begegnung kommt es zu erotischen Annäherungen. Der Schriftsteller spricht von „Krallen“, „samtnen Pfötchen“, „Tastungen“ und „kleinen Narben“. Sie ist 28 und ledig. Er 43 und verheiratet. Ihretwegen wechselt Hans Leip zum Cotta-Verlag. 1937 erscheint dort sein Roman „Der Matrose und Miß Lind“.
Wegen seines Alters und einer Rückgratverletzung aus dem Ersten Weltkrieg wird Leip 1939 nicht mehr zum Militär eingezogen. Nach bohèmehaften Jahren in der Weimarer Zeit hat er sich im Dritten Reich ans System angepasst und zum Beispiel für die von Goebbels herausgegebene Zeitschrift „Das Reich“ gearbeitet. Weil er konform bleibt, wird er zu keiner Zeit verfolgt. Mit „Lili Marleen“ ist er trotz gedämpfter kritischer Töne hilfreich für die Nazis.
Der Flirt mit dem „Lieben Frl. Dr. Buchmann“ hindert Hans Leip nicht, 1940 die Klavierlehrerin Ilse Haack zu heiraten, eine Schwester seiner kurz zuvor verstorbenen Frau Gretel. Doch schon bald nach der Hochzeit flammt das Verhältnis zu Kläre Buchmann wieder auf. Sie treffen sich heimlich, mal für zwei Wochen in einem Gasthof in Überlingen, mal am Gardasee, mal in Berlin.
In einem seiner Briefe an sie heißt es: „Liebes Kätzchen. Ich nehme alles aus Deinen kleinen Händen als pures Ambrosia und küsse die kätzlichen Pfötchen, kleine Faucherin, und Dich überall und vor allem Deinen guten Mund und Dein Herz.“ Trotz alles Liebesschnurrens ist Leip nicht bereit, seine Familie in Blankenese zu verlassen.
„Hans Leip war ein Hallodri“, sagt der Überlinger Historiker Oswald Burger, der die Bodensee-Jahre der beiden unter die Lupe genommen hat. „Er führte nicht nur als Künstler ein wechselhaftes Leben, er hatte auch stets wechselhafte Beziehungen zu Frauen. Mehrfach verheiratet und wieder geschieden, zeugte er vier Kinder, denen er aber genauso wenig sorgender Vater war wie deren Müttern ein treuer Ehemann.“
Innige Zeit am Bodensee
Die innige Zeit am Bodensee beginnt im Sommer 1943. Die Fliegerangriffe der Alliierten auf deutsche Städte treffen nicht nur die Zivilbevölkerung, die Bomben sind auch eine Gefahr für Kulturgüter. Der Cotta-Verlag hat schon zu Kriegsbeginn begonnen, Bestände in ein Salzbergwerk bei Bad Friedrichshall zu bringen. Auch Urach und Kirchheim unter Teck dienen als Schutzorte. Am 21. Juli 1943 spricht Kläre Buchmann, die jetzt Cheflektorin und stellvertretende Geschäftsführerin des Verlags ist, beim Überlinger Bürgermeister vor. Cotta beabsichtige, eröffnet sie ihm, einen Teil seiner wichtigen Buchbestände sowie die literarische Abteilung nach Überlingen zu verlegen.
So kommt es schließlich. Das Archiv mit seltenen Handschriften der Klassiker wird mit Möbelwagen angeliefert und im Gallerturm verstaut, einem Teil der alten Überlinger Stadtbefestigung. Die Evakuierungen waren notwendig, wie sich zeigt: Am 8. Oktober 1943 zerstört ein Bombenangriff das Cotta-Verlagsgebäude in Stuttgart.
Zu der Zeit setzt sich Hans Leip immer häufiger von seiner Familie und dem ebenfalls vom Bombenhagel betroffenen Hamburg ab, um zu Kläre Buchmann an den Bodensee zu reisen. „Vom Mai bis zum September 1943 lebten sie zusammen in Überlingen, machten von da aus einen Sommerurlaub im Montafon“, weiß Oswald Burger.
Einmal unterbricht Leip die Zweisamkeit, um zurück nach Hamburg zu fahren. Am 24. Juli sterben dort im britischen Bombeninferno der „Operation Gomorrha“ Zehntausende. Leips Frau und die Töchter sind nicht unter den Opfern. Er hält die apokalyptischen Eindrücke mit schwarzem Kreidestift fest – der Autor ist auch ein versierter Zeichner. In seinem Buch „Hamburg Juli 1943“ versieht er zehn dieser Kreidezeichnungen mit Kurztexten. Seinem Entsetzen verleiht er auch mit dem „Lied im Schutt“ Ausdruck, das im „Simplicissimus“ erscheint.
Von Februar 1944 an hält sich Leip wieder dauerhaft in Süddeutschland auf. Kläre Buchmann ist schwanger. Er sagt, dass er das seiner Frau nicht sagen könne. Leip zieht es in die Abgeschiedenheit des Galtenberghauses oberhalb von Innsbruck. Kläre begleitet ihn auf die Alm. Hier entsteht „Mitternachtsreigen“, in dem er die Trostlosigkeit der Zeit und ihrer Menschen schildert.
Am 6. Dezember 1944 kommt Tochter Agathe zur Welt. Bald darauf entwickelt Kläre Buchmann eine Psychose. Ihr Arzt berichtet von früheren „zirkulären Störungen und sogar Selbstmordversuchen“. Er rät Hans Leip zu einer Pflegemutter. Die Wirtin des Galtenberghauses, Maria Neumayer, 30 und ledig, nimmt das Baby in Obhut.
Ihre Depression gewinnt die Oberhand
Was weiß man über Kläre Buchmann? Laut ihrer Cousine Martha Schwarz war sie „nicht eigentlich schön“, dennoch attraktiv. „Was ist Schönheit, gemessen am Geist? Ihr Intellekt war ebenso ungewöhnlich wie ihr Temperament. Wer sie erlebte, wie sie arbeitete, Autoren anregend und gelegentlich scharf zurechtweisend, war fasziniert vom Kontrast ihres pausbäckigen Kindergesichts und der Männlichkeit ihrer Diktion.“
Im Sommer 1945 schmiedet sie noch Zukunftspläne, doch ihre Depression gewinnt die Oberhand. Der Cotta-Verlagsleiter Kurt Port erlebt sie in einer solchen Phase: „Sie saß stundenlang über einen Brief gebeugt und vermochte das Ganze nicht mehr zu verstehen und eine Antwort nicht mehr zu geben. Auch die Nächsten wurde ihr fremd, die Gefühle verblaßten. Eine ungeheure Angst bemächtigte sich ihrer. Sie war überzeugt, in Armut enden zu müssen, überzeugt auch, daß der Untergang Cottas vom Schicksal bestimmt sei. Sie drohte im Strudel unverstandener Geschehnisse zu versinken, in dem das Ich das Ich verliert.“
Im Herbst 1945 geht Hans Leip von Überlingen zurück nach Hamburg. Kläre Buchmann lebt mit ihrer Mutter weiter am Bodensee, Agathe bei der Pflegemutter in Tirol. Am 7. November schreibt Leip seiner Geliebten: „Ich hoffe und glaube. Und liebe dich. Ja, ja, spätestens Anfang Januar bin ich wieder bei Dir. Bleib mir treu!“ In einem weiteren Brief schreibt er: „Wer diesen Winter übersteht, darf getrost das Weitere abwarten. Ich werde ihn, so der Himmel will, überstehen. Ich hätte noch viel vor und möchte noch sehr viel Freude mit Dir zusammen erleben.“ Hans Leip übersteht diesen Winter, Kläre Buchmann nicht. Als sein letzter Brief eintrifft, ist die 37-Jährige bereits tot.
In seinen Memoiren schreibt Leip: „Ein Zusammenklang konnte trotz aller Geneigtheit zu attischem Entschweben nur ein Abenteuer bleiben, auf der Kammschneide des Jahrhunderts, jenseits aller Strände und Landemöglichkeiten, begrenzt vom Ablauf der Ereignisse, immer dem Absturz nahe.“
Bald nach dem Krieg trennt sich Hans Leip von seiner Frau Ilse und beginnt mit der Verlagsangestellten Käthe Bade ein neues Leben. Oswald Burger: „Die neue Geliebte mystifizierte er zu einer Art Wiedergeburt von Kläre Buchmann. Sie waren annähernd gleich alt und hatten dieselben Initialen.“
Was bleibt? Wo für kurze Zeit der Cotta-Verlag Unterschlupf fand, steht heute „Alis See-Kebap“. Das Cotta-Archiv konnte als Kulturgut von unschätzbarem Wert gerettet werden. 1952 kaufte der Verleger der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, zusammen mit Mitstreitern die Cotta’sche Handschriftensammlung – mehr als 25 000 Briefe und Manuskripte. Zwei Jahre darauf erwarb Eberle auch die Cotta’sche Archivbibliothek mit vielen Tausend Bänden. Dieser Schatz kam nach Marbach. Ohne ihn wäre das Deutsche Literaturarchiv nicht das, was es ist.
In Überlingen erinnert nichts mehr an sie
Von Kläre Buchmann erschien posthum der kleine Band „Der Mensch und die Götter – Betrachtungen zur griechischen Religiosität“ mit vier klugen Essays. In Überlingen erinnert heute nichts mehr an sie. Bei der Gesellschaft der Kunstfreunde Überlingen gibt es Überlegungen, ob man nicht wenigstens eine Straße nach ihr benennen könnte.
Hans Leip starb 1982 im Alter von 89 Jahren und ist auf der Bodensee-Halbinsel Höri begraben. Der einst gefeierte Autor, der sich von den Nationalsozialisten zwar nicht vereinnahmen ließ, sich aber mit dem Regime arrangierte, ist heute nahezu vergessen. Bekannt geworden durch seine feinen Geschichten vom Meer und der Seefahrt, ist Leip nur noch Insidern ein Begriff. Überdauert hat sein melancholisches „Lili Marleen“: „Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund, küsst mich wie im Traume dein verliebter Mund. Wenn sich die späten Nebel dreh’n, werd’ ich bei der Laterne steh’n ...“