InterviewDer Schriftsteller Kurt Oesterle im Interview „Die Zerreißprobe empfinde ich sehr stark“

Kultur und Gesellschaft: Ulrike Frenkel
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Wollen Sie damit auch das Fundament beleuchten, auf dem unsere Gegenwart beruht? In einem Augenblick, in dem die Demokratie vor Zerreißproben steht wie lange nicht?
Ja, natürlich! Was Sie Zerreißprobe nennen, empfinde ich zurzeit sehr stark. Viele Menschen in Europa scheinen gegenwärtig unseren Wohlstand nicht für verhandelbar zu halten, wohl aber Demokratie und Rechtsstaat. Offenbar sind beide Grundlagen inzwischen keine absoluten Normen mehr, von denen man in jedem Fall die Finger lässt. Das zeichnet sich leider auch in Ländern ab, in denen die Demokratie älter ist als bei uns, etwa in Frankreich. Wenn ich das drohende Austrocknen von demokratischem Empfinden beobachte, stellt sich mir die Frage, was da an Unterströmungen aus älteren Zeiten noch wirksam ist. Und wenn ich sage, dass auch ich Marthas Sohn bin, dann beschäftigt mich dabei, wie innig mein Verhältnis zur Demokratie wohl sein wird, wenn einmal echte Bewährungsproben kommen. Ich habe mich beim Schreiben immer wieder gefragt: Bist du der Oberdemokrat, dass du andere anbellen darfst? Oder bellst du dich selber an in härter werdenden Zeiten?
Sind Sie als Schriftsteller auch Seismograf für gesellschaftliche Unterströmungen?
Mich treibt oft die Sorge um, was da wohl insgeheim mit uns reist. Welche blinden Passagiere in unserer Seele, unseren Mentalitäten haben wir denn an Bord? Gerade in Deutschland mit seinen vielen Zeitbrüchen scheint mir diese Frage von besonderer Bedeutung. Kein Land in Europa hat zwischen 1914 und 1989 so viele teils gewaltsame Auf- und Untergänge erlebt. Auch das ist ein Thema in meinem Roman, etwa in der Rede an die kleinen Leute, die der erste Bürgermeister nach dem Krieg hält und in der es unter anderem heißt: „Nicht zwei Generationen hintereinander haben hier in ein und demselben Land gelebt und dieselben Erfahrungen gemacht.“ So wird keine politische Reife erworben! Es dominieren Risse und Brüche, auch im persönlichen Habitus. Erst die Demokratie hat so etwas wie positive Kontinuität gebracht.
Mit welchen Folgen?
Zeit ist wohl der wertvollste Rohstoff, den die Demokratie uns zur Verfügung stellt. Zeit, um zu reifen, uns zu entwickeln, sich des Irrationalen oder jener teils gefährlichen Unterströmungen bewusst zu werden und ihnen die Macht zu nehmen. Erst durch die Arbeit am eigenen Material wird eine Demokratie sicher und findet festen Grund zum Ankern. Ob sie fest genug verankert ist, muss die Zeit zeigen und die Herausforderung, die sie mit sich bringt. Es sollte aber auch die Erkenntnis nicht auf der Strecke bleiben, dass die Demokratie hin und wieder und notfalls mit allen Mitteln verteidigt werden muss.
Wie stellt sich das heruntergebrochen auf Ihre Herkunftsregion dar?
So, dass man nicht mal im Scherz sagen kann: „Was geht mich die nationale Geschichte an, ich bin schließlich württembergischer Monarchist.“ Das hat ein überaus witziger Freund bei gewissen Anlässen immer wieder von sich gegeben. Aber ich finde, man muss das, was war, in seiner jeweiligen regionalen Färbung erkennen. Wenn, so wie 1945, die großen Diktatoren sich am Ende in den Metropolen umgebracht haben, dann stehen die kleinen Leute auch draußen im Wald vor übermächtigen Siegern mit der Schuld ganz alleine da. Auch deshalb habe ich diesem Freund stets geantwortet: Monarchist? So wirst du dem Schlamassel nicht entrinnen!

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