Der Schriftsteller Ror Wolf ist tot Ein Solitär der deutschen Literatur

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Ror Wolf ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Wie kein zweiter hat der scheue Solitär den Fußball für die Literatur fruchtbar gemacht.

Der Schriftsteller Ror Wolf in seiner Wohnung in Mainz. Am Montagabend ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Foto: dpa/Uwe Anspach
Der Schriftsteller Ror Wolf in seiner Wohnung in Mainz. Am Montagabend ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Foto: dpa/Uwe Anspach

Stuttgart - Der Schriftsteller Ror Wolf ist tot. Er starb am Montagabend nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren in Mainz. Dies teilte der Schöffling-Verlag am Dienstag in Frankfurt am Main mit. Wolf wurde mit der Montage von Fußball-Hörstücken bekannt. In Romanen, Gedichten, Bild-Collagen und Hörspielen sezierte er sprachgewaltig die Wirklichkeit. Der gebürtige Thüringer lebte in den vergangenen Jahrzehnten in Mainz.

2016 erhielt der Schriftsteller, der als Richard Georg Wolf am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Thüringen geboren wurde, die bedeutendste Literaturauszeichnung des Landes Baden-Württemberg – den alle drei Jahre vergebenen Schiller-Gedächtnispreis. Wie kein zweiter hat er den Fußball für die Literatur fruchtbar gemacht. „Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich ein ganz Menge Welt“, lautet ein Satz aus einer seiner Textmontagen, in denen er das Milieu der Eckkneipen und Stehplätze in all ihrer Komik und Absurdität verschachtelt hat.

Mit kühnen Flankenschlägen spielt Ror Wolf den Ball in seinem umfangreichen Werk aus dem gesicherten Raum des Alltags in die Zonen des Ungewissen, wo es ums Ganze geht. Und er bedient sich dabei einer Sprache, die wie ein genialer Mittelstürmer so viele Haken schlägt, dass seine literarischen Spielzüge immer unberechenbar und gefährlich bleiben. „Ror Wolf ist ein Sprachvirtuose, der sich gleichermaßen scharfsinnig wie poetisch zwischen allen Genres bewegt“, hieß es in der Begründung der Schiller-Gedächtnispreis-Jury.

1964 erschien sein Debüt „Fortsetzung des Berichts“

Fußball ist aber nur ein Feld, aus dem der auch als Collagist im Stile Max Ernsts hervortretende Künstler seine Anregungen bezieht. Mit Blick auf sein Debüt von 1964 „Fortsetzung des Berichts“ würde man auch das Essen dazuzählen, denn darin wird geschlachtet, gekocht und serviert, was die Hexenküchen des Surrealismus hergeben. Drei Jahre später erschien eine „Abenteuerserie“, so die Gattungsbezeichnung, mit den beiden Titelhelden „Pilzer und Pelzer“, die über monströse Einverleibungen der Sprache eine Witwe trösten. Wolf entwarf darin eine Welt voller Visionen, Apokalypsen und Hintertüren. Das bislang letzte Kapitel seines lebenslang fortgesetzten Berichts ist der Horrorroman „Die Vorzüge der Dunkelheit“.

Es ist ein Horror-Roman, der Menschen zergliedert, den Aufstand der Worte entfacht, und in dem Amerika immer nur einen Schritt entfernt ist: „In der Nacht fiel Schnee und war bald danach geschmolzen. Unaufhörlich rollte die Sonne von Osten nach Westen. Ein Mann kam vorbei und hob seinen Hut. Er sei Amerikaner.“ Wenig später öffnet etwas krachend den Rachen „und dieser Rachen war groß genug, um die ganze Welt zu verschlingen“. Als Einundzwanzigjähriger war Ror nach seiner Ausreise aus der DDR zunächst in Stuttgart angekommen. Zur Preisverleihung 2016 im Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule konnte er dann aber nicht nach Stuttgart zurückkehren. Dieser scheue Solitär der deutschen ­Literatur, der die großen Auftritte nicht liebte, hatte kurzfristig krankheitsbedingt absagen müssen. Jetzt ist er im alter von 87 Jahren in Mainz ganz verstummt.