Der Stuttgart-21-Gegner Freerk Valentien Wutbürger von der Gänsheide

Von Thomas Borgmann 

Der 78-jährige Galerist und Kunsthändler Freerk Valentien verkörpert den Protest der kultivierten Stuttgarter Halbhöhenlage gegen Stuttgart 21. Ein Porträt.

Freerk Valentien ist Galerist, Kunsthändler – und Widerständler. Foto: Achim Zweygarth
Freerk Valentien ist Galerist, Kunsthändler – und Widerständler. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Plötzlich greift Freerk Valentien in seine Rocktasche, zieht seinen Personalausweis hervor und hält ihn mit der Rückseite demonstrativ in die Kamera: „BPC BC 128“ steht da, geschrieben mit dickem Filzstift. Dazu lacht er verschmitzt, gerade so, als handle es sich um eine Trophäe, um einen Ritterschlag: „Das hat mir die Polizei bei einer Demo vor dem Südflügel auf den Mantel gebäbbt“, ruft Freerk Valentien triumphierend, „ich weiß gar nicht, was der Code bedeuten soll.“

Nun sei er zwar „polizeibekannt“, aber die Staatsmacht habe sich nicht bei ihm gemeldet, eine Strafe für sein unbotmäßiges Verhalten habe er bisher nicht bekommen. „Als sie mich wegtragen wollten, bin ich aufgestanden und weggegangen.“ Mit dem Widerstand gegen Stuttgart 21 sei es ihm ernst, jawohl – aber bis zum Äußersten, bis zum Handgreiflichen, werde er es nicht kommen lassen. Lange Zeit hatte Valentien stets seine Trillerpfeife parat, um beim „Schwabenstreich“ in den schrillen Chor der Unbeugsamen einstimmen zu können. Den Schwabenstreich gibt es nicht mehr, die Trillerpfeife liegt irgendwo daheim.

Was macht einen 78-jährigen promovierten Kunstgeschichtler zum Gegner des Bahnprojekts? Warum versäumt der angesehene Stuttgarter Galerist und Kunsthändler so gut wie keine Montagsdemo? Weshalb nimmt ein hochgebildeter Bürger persönliche Schmähbriefe in Kauf und schert sich einen Dreck um gute alte Kundschaft, die nicht mehr bei ihm kauft, obgleich er doch genau das zu bieten hat, was sie seit ewigen Zeiten sammelt und worauf beide Seiten gemeinsam stolz sind: Dix und Schlemmer, Baumeister und Hölzel, Picasso und Grieshaber, Antes und ja, auch die Arbeiten des schwierigen Alfred Hrdlicka, an dem sich so sehr die Geister schieden?

Hier fährt man Porsche oder Daimler – oder gleich beides

In der Gellertstraße, im Herzen der Gänsheide, ist das wohlhabende und kultivierte Stuttgart ganz bei sich. Die legendäre Bosch-Villa nur einen Steinwurf entfernt, die Konzernzentrale des Holzbrinck Verlages in der Nachbarschaft, auch der Evangelische Oberkirchenrat residiert in der Nähe. Die viel zitierte Halbhöhenlage schlechthin, auf der Talseite der traumhafte Blick über Stuttgart: hier fährt man Porsche oder Daimler oder gar beides, hier besitzt man seit Generationen eine Miete in der Oper und im Ballett, an den heimischen Wänden nur echte Bilder, nicht selten vom Valentien. Dem gehört das Haus Gellertstraße Nummer 6, Baujahr 1911.

„Paul Bonatz hat unsere Villa vor hundert Jahren entworfen und gebaut“, sagt Freerk Valentien und weist mit stolzer Geste auf die hohen Stuckdecken, den original erhaltenen Marmorwaschtisch im Bad und hinaus in den schneebedeckten Garten. Ein Traumhaus, das seiner Familie seit Mitte der siebziger Jahre gehört. Hier haben Millionenwerte gehangen, hier hat es zahlreiche beschwingte Vernissagen gegeben, auch spannende Auktionen und eher diskrete Begegnungen zwischen Künstlern und Politikern, großen Sammlern und kleinen Kunstfreunden, Sängern und Musikanten – ein kultureller Treffpunkt, durchaus ein magischer Ort voller Geschichte und Geschichten.

Natürlich, ganz klar: wer eine Bonatz-Villa besitzt und bewohnt, der kämpft mit vollem Herzen für den Bonatz-Bahnhof! Nein, so unreflektiert sieht es Freerk Valentien nicht: „Es stimmt ja, dass Bonatz in den Zwanzigern hart gegen die Weißenhofsiedlung polemisiert hat. Das war aber doch der Futterneid des hiesigen Architekten gegen die Prominenz von außerhalb und kein Ablehnen des modernen Stils“, sagt er. Paul Bonatz stehe keineswegs für eine rückwärtsgewandte Architektur, nie im Leben. Wenn man sich vorstelle, der Bahnhof sei über und über weiß gestrichen, dann lasse sich unschwer erkennen, „dass das ein früher Bauhausstil ist und keine Naziarchitektur, wie manche bösartig behaupten“.

Nein, die Gründe für Valentiens Widerstand gegen S 21 liegen tiefer, betreffen ihn persönlich, haben unmittelbar mit seiner Herkunft und mit seiner Heimatstadt zu tun: „Mein Vater war ein Ostfriese von der Insel Norderney. Der ist nach Stuttgart gekommen, um meine Mutter zu heiraten, die stammte aus dem Ortsteil Berg, wo ihr Vater Maschinist war beim Ludwig Blankenhorn im Mineralbad Berg.“ Eigentlich ein Eisenhändler, widmete sich der legendäre Fritz Valentien der Kunst: 1933, ausgerechnet am 30. April, dem sogenannten Judentag, eröffnete er seine erste Galerie mit einer Ausstellung von Werken Adolf Hölzels, des Gründers und Mittelpunkts der Stuttgarter Schule. Der alte Valentien, Spross hugenottischer Vorfahren, scheute sich nicht, stellte die den Nazis verhassten „Entarteten“ aus, ließ sich von der gleichgeschalteten Presse drangsalieren, organisierte noch 1938 die erste Werkschau für den Bildschnitzer Grieshaber von der Achalm, der sich später HAP Grieshaber nannte. Auch Macke und Hofer, Münter und Kerkovius gab es bei Valentien zu sehen und zu kaufen. „Die Arbeiten von Paul Klee handelte mein Vater buchstäblich unterm Ladentisch“, sagt Freerk Valentien.