Der Beginn: Fieberambulanz in der Jugendherberge
Seither gibt es im Kampf gegen das Coronavirus in Stuttgart kaum ein Projekt, bei dem nicht auch der Name von Hans-Jörg Wertenauer genannt wird. Schon eine Woche nach dem Mailverkehr meldete sich Johannes Fechner seinerseits bei ihm und fragte, ob er sich vorstellen könne, in Stuttgart eine Fieberambulanz aufzubauen. Der heute 50 Jahre alte Mediziner sagte zu, die Dinge nahmen ihren Lauf. Sein Sohn, der auch Medizin studiert, trommelte über die sozialen Medien kurzfristig 30 andere Medizinstudenten zusammen, die um diese Zeit wegen der Pandemie „nichts zutun hatten“, sagt Wertenauer. Wenige Tage später ging es in der Jugendherberge in Bad Cannstatt los.
„Ich bin da reingeschlittert und habe einfach eine Aufgabe nach der anderen gemacht“, sagt der im Stadtteil Rohracker aufgewachsene Arzt mit Understatement. Ziemlich viele Aufgaben sind seit damals zusammengekommen. Statt der geschlossenen Fieberambulanz in der Jugendherberge betreibt Hans-Jörg Wertenauer nun ein großes Testzentrum auf dem Wasen, wo zu Spitzenzeiten bis zu 2100 PCR-Tests am Tag gemacht wurden. Als das städtische Gesundheitsamt frühzeitig in Schulen und Kitas mit dem Schnelltesten von Lehrern und Erzieherinnen begann, war Wertenauer mit von der Partie. Ebenso, als man das Selbsttesten der Schüler einführte, weil das dort in dieser Masse von Externen nicht zu leisten war.
Bis zu 4000 Schnelltests am Tag
Als im Sommer das soziale Impfen in ärmeren Stadtteilen begann, weil man festgestellt hatte, dass dort nicht nur besonders viele Corona-Infektionen auftraten, sondern die Impfquote auch gering ist, war Hans-Jörg Wertenauer beteiligt. Und als Schnelltests zur Bekämpfung der Pandemie eingesetzt und kostenlose Bürgertests eingeführt wurden, hatte Wertenauer neun solcher Stationen gegründet, bevor die Anforderungen für die Betreiber von Teststellen drastisch gesenkt wurden und die Einrichtungen wie Pilze aus dem Boden schossen. Mit dem großen Testzelt auf dem Schlossplatz war er im Herzen der Stadt präsent. Damals waren rund 300 Beschäftigte in den Praxen und Pandemie-Projekten Wertenauers tätig.
Er behandelt auch noch Patienten
„Zur Hochzeit haben wir bis zu 4000 Schnelltests am Tag gemacht“, sagt der 50-Jährige, der von sich selbst sagt, er habe eine „unternehmerische Ader“. Das bedeutet, dass er in der Woche „60 bis 70 Stunden“ arbeitet. Wobei er auch jetzt noch rund 20 Stunden in der Woche selbst Patienten behandelt, vor allem in der Praxis in Vaihingen. „Ich will den Bezug zum Hausarztsein nicht verlieren“, sagt der Internist. „Auch wenn mir das Spaß macht, will ich nicht nur Organisator sein.“
Kooperation mit der Stadt und der Ärzteschaft
Seine Tätigkeit als Pandemiebeauftragter der KV für Stuttgart beschreibt er als Gemeinschaftsarbeit. Diese leiste er in enger Kooperation mit dem Gesundheitsamt, mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem städtischen Klinikum, mit seinen „sehr erfahrenen Praxismangerinnen“ und nicht zuletzt mit der Ärzteschaft, die er etwa durch das Testen von asymptomatischen Infizierten und von Kontaktpersonen entlasten soll. Manchmal habe er den Eindruck, sagt Wertenauer scherzhaft, „dass ich eine Außenstelle des Gesundheitsamts bin“.
Dabei geht er als Unternehmer durchaus ins Risiko. Nicht alles, was der Bekämpfung der Pandemie diene, sei auch wirtschaftlich und so erfolgreich wie das Testzelt auf dem Schlossplatz. Die Schwierigkeit zeigt sich beim Impfen. Hans-Jörg Wertenauer betreibt die Impfambulanzen in der Klett-Passage und im Milaneo, vor allem aber die große in der Schleyerhalle. Heute hat er insgesamt rund 450 Leute angestellt. Doch die Einrichtung, die auf 2800 Impfungen am Tag ausgelegt ist, war von Anfang an viel zu wenig ausgelastet. „Die Höhen und Tiefen der Pandemie sind eine Herausforderung“, sagt er.
Unausgelastete Schleyerhalle als Problem
Das war schon im Sommer so, als im Testzentrum auf dem Wasen nichts mehr los war und er wenigstens 20 erfahrene Mitarbeiter halten konnte, wohl wissend, dass er im Herbst wieder viel mehr brauchen würde. „Das erfordert eine unwahrscheinliche Flexibilität und ist für alle sehr anstrengend“, betont er. Jetzt in der Schleyerhalle „beklagen sich die Leute, weil sie zu wenig Schichten bekommen“, räumt er ein. Da aber der Bedarf an PCR-Tests wieder stark gestiegen ist und er dort zu wenig Personal hat, sind schon 30 Beschäftigte aus dem Impfzentrum fürs Testen auf dem Wasen geschult worden.
Auf Hoffnung folgt Frustration
In dieser schwierigen Lage ärgert den Mediziner, „dass die Impfpflicht vielleicht doch nicht kommt“. Auch er habe die Hoffnung gehabt, sagt der 50-Jährige, dass die Pandemie „im Sommer vorbei ist“. Dafür brauche es aber „die Impfpflicht als wesentliches Instrument“. Die Aussicht, dass es „im Herbst wieder losgeht“, frustriert Hans-Jörg Wertenauer so sehr, dass er überlegt, aufzuhören: „Meine Gemütslage ist im Moment so, dass ich dann nicht mehr mitmache.“