Der Stuttgarter Rössleweg 56 Kilometer rund um den Talkessel

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Auf dem Rössleweg kann man 56 Kilometer rund um den Stuttgarter Talkessel laufen. Unser Autor hat die Strecke an einem einzigen Tag zurückgelegt.

Unser Autor Uli Stolte wandelt  auf einem schmalen Pfad am Lindenbach. Foto: Wilhelm Mierendorf 26 Bilder
Unser Autor Uli Stolte wandelt auf einem schmalen Pfad am Lindenbach. Foto: Wilhelm Mierendorf

Stuttgart - Jede Herausforderung birgt das Scheitern in sich. Ich erzähle Wilhelm Mierendorf, dem Fotografen, der mich zur 56 Kilometer langen Tagestour rund um Stuttgart eingeladen hat, dass ich einmal „Das Handbuch des vollkommenen Scheiterns“ schreiben wollte. Während er mich im Wald am Start unterhalb des Stuttgarter Fernsehturms fotografiert, bedenkt er mich mit einem misstrauischen Blick. Was aus dem Handbuch geworden sei? Na ja, das Projekt scheiterte.

Steil herab geht der Rössleweg von der Waldau, der Heimstatt der Stuttgarter Kickers – Abstiege ist man hier ja gewöhnt. Nach der Waldebene Ost treten wir aus dem Wald heraus auf die Wangener Höhe. Wir bleiben stehen und schauen: Vom Mond ist ein verwaschener Fleck übrig geblieben, der über Sillenbuch und Rohracker steht. Aus der Sicht eines Wanderers sind es keine zwei Stadtteile in einem der großen Ballungsgebiete Europas, sondern lieblich an die Wälder geschmiegte Dörfer. Den Biergarten Onkel Otto, gibt es den noch? Ja, es gibt ihn noch.

Die Morgensonne schickt erste Lichtpfeile. Bei Kilometer neun steigen wir in das Neckartal ab, überqueren in Obertürkheim die Bahngleise, den Neckar und die B 10 durch den fast greifbaren bläulichen Widerstand der Abgase. Auf der anderen Talseite sehen wir wie durch trübe Plastikfolie auf den Neckarhafen hinab. Ein Kran surrt über einem Stapel Schiffscontainer, ein Zug rattert, ein unbestimmtes Brummen von Verkehr und Arbeit ist in der Luft, das Hintergrundrauschen einer Großstadt.

Eine positive Auswirkung der Trockenheit

Die Winzer in Untertürkheim schneiden die kleinen blauen Beeren an den Rebstöcken in große grüne Wannen. „Das ist unser Ausflugsberg“, sagt Karin Rebmann von der Weinmanufaktur Untertürkheim, „schön flach und mit dem Schlepper gut zu erreichen.“ Ich beiße in die volle Traube, wie es mich meine Großmutter gelehrt hat. „So schmeckt’s am besten“, meint auch Karin Rebmann, sie pflückt nur eine Beere ab und lässt die Traube dann in die Wanne sinken, es muss ja auch Wein gekeltert werden. Keine einzige faulige Beere ist dabei – die Trockenheit hatte auch etwas Gutes.

Den Weg rund um Stuttgart geht man normalerweise in mehreren Etappen. Er wurde von 1968 bis 1980 vom Schwäbischen Albverein und vom Verschönerungsverein Stuttgart angelegt. Er ist wie jeder Wanderweg: mal gut und mal schlecht markiert, am liedrigsten in Untertürkheim. Wir verlaufen uns unter der Grabkapelle bei Rotenberg. Die Hochhäuser von Fellbach zeigen die Richtung und dienen als Landmarke, hier wird die Strecke flach und ein wenig eintönig. Mädchen mit Hunden laufen herum, ein großer Gartenzwerg steht in einem Schrebergarten und eine noch größere VfB-Fahne. Wollte man beschreiben, was den Mittleren Neckarraum von allen anderen Räumen der Welt unterscheidet, dann wäre es das: die aufgelassenen Weinberge, die erst zu Streuobstwiesen wurden, dann zu Schrebergärten und nun vor sich hin verwildern vor dem Hintergrund hochaufschießender Fabrikbauten.

Bad Cannstatt: das Frühlicht, das unser Freund und Augentrost war, hat sich davongemacht und nur gleißende Helligkeit zurückgelassen. Der Hochbunker in der Zuckerbergstraße kommt in Sicht mit merkwürdig vermauerter Türe, ein Graffito zeigt Schemen mit weißen Stirnbinden. Ein Mann, der aussieht wie ein Harley-Fahrer, schuftet mit freiem Oberkörper im Garten. Bis zwölf Uhr haben wir etwa 25 Kilometer gemacht. Schon etwas müde trotte ich den Berg hinab zum Cannstatter Ruderclub. Die Gedanken verwirren sich. Sie kehren zum Begriff des Scheiterns zurück. Was passiert, wenn ein Scheitern vollkommen scheitert? Das Scheitern des Scheiterns müsste ja wohl das Gelingen bedeuten.

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