Der Stuttgarter Tennisfotograf Paul Zimmer Ein Leben mit Boris Becker und Steffi Graf

Paul Zimmer war bei 158 Grand Slams – und ist in dieser Woche beim Frauenturnier in seiner Heimatstadt Stuttgart. Foto: Baumann

Der Fotograf Paul Zimmer hat die deutschen Tennisstars Boris Becker und Steffi Graf so eng wie kein anderer begleitet. Bis heute reist der Stuttgarter um die Welt, lernt berühmte Menschen kennen und erlebt abenteuerliche Geschichten.

Stuttgart - Am 7. Juli 1985 um 17.26 Uhr, einem der größten Momente deutscher Sportgeschichte, weiß Joan Collins nicht, wohin mit ihren Emotionen. Unten auf dem ramponierten Rasen des Centre Courts von Wimbledon hat Boris Becker gegen Kevin Curren gerade seinen zweiten Matchball verwandelt, oben auf der Ehrentribüne stößt das schöne Biest aus dem „Denver-Clan“ spitze Schreie aus. „What a boy! What a boy“, ruft die Schauspielerin und trommelt ihrem Nebenmann mit der flachen Hand auf den Rücken. Es ist Paul Zimmer, der trotz der Schläge versucht, Dokumente der Zeitgeschichte zu erstellen – und aufpassen muss, dass ihm sein Fotoapparat nicht aus den Händen fällt.

 

Es ist der Moment, der das Leben zweier junger Männer für alle Zeiten ändern wird. Aus Boris Becker, dem 17 Jahre alten Rotschopf aus Leimen, wird ein Tennisidol. Und für Paul Zimmer, den 27 Jahre alten Medizinstudenten aus Stuttgart, beginnen Jahrzehnte der Wanderschaft, die ihn zum bekanntesten und besten Tennisfotografen der Welt machen.

In diesen Tagen ist Paul Zimmer, inzwischen 61 Jahre alt, wieder einmal in der Heimat und fotografiert beim Porsche Tennis Grand Prix, dem Frauenturnier in Stuttgart. Bilder von Aufschlägen, Schmetterbällen und Siegesposen, zwischendurch herzliche Umarmungen mit altvertrauten Spielerinnen. Routine für einen Mann, der die ganze Welt gesehen, die berühmtesten Menschen kennengelernt und die abenteuerlichsten Geschichten erlebt hat.

Seine Karriere beginnt durch Zufall

Paul Zimmer wächst als zweiter Sohn eines Augenarztes in Stuttgart-Sillenbuch auf. Mit 13 bekommt er seine erste Kamera und wird ein Jahr später durch Zufall zum Sportfotografen. Im Skiurlaub mit den Eltern lernt er Gustav Thöni kennen, den Olympiasieger aus Südtirol. Der Skistar, acht Jahre älter, nimmt seinen jungen Freund fortan mit zu Weltcuprennen – als Edelfan und persönlichen Fotografen.

In der Heimat sind es Erich Baumann und sein Sohn Dieter, Pioniere der Sportfotografie aus Ludwigsburg, die dem Gymnasiasten das Handwerk lehren. Gemeinsam reisen sie an den Wochenenden durchs Land, sitzen beim Fußball und Handball, beim Turnen und der Leichtathletik. Und irgendwann auch beim Tennis. Paul Zimmer fotografiert am Stuttgarter Weissenhof und beim ersten Porsche-Grand-Prix 1978 in Filderstadt, in Paris erlebt er sein erstes Grand- Slam-Turnier. Er ist 20 Jahre alt, das Tennis lässt ihn nicht mehr los.

Paul Zimmer reist zu einem Turnier nach Tokio, wo er der einzige europäische Reporter ist und Zugang zum Spielerkreis bekommt. Mit Ivan Lendl spielt er Tennis, für Jimmy Connors holt er Hamburger bei McDonalds, Björn Borg schmuggelt für den Fotografen Essen aus dem Spielerestaurant. Ilie Nastase lädt ihn 1981 als Fotografen zu seiner Hochzeitsparty nach New York ein und stellt ihm „einen Kollegen“ vor – es ist Andy Warhol mit seiner Polaroidkamera. Es ist die Zeit, als Tennisspieler noch Lebemänner sind und sich für Frauen und Partys mehr interessieren als für gesunde Ernährung und guten Schlaf.

Anruf von Hubert Burda

Paul Zimmer ist viel unterwegs, doch ist es für ihn vorerst nicht mehr als eine schöne Freizeitbeschäftigung. Unter der Woche studiert er in Ulm Medizin. Nie käme er auf die Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen. Auch nicht, als während der zweiten Wimbledon-Woche 1985 in Deutschland das Boris-Becker-Fieber ausbricht und Hubert Burda anruft. Nur Stunden später fliegt Zimmer im Auftrag der „Bunten“ nach London, als Honorar werden 3000 Mark für vier Tage vereinbart. Sein Vorteil: kein Journalist kennt Becker so gut wie Zimmer. Bei einem Jugendturnier in Waiblingen sind sie sich fast zehn Jahre vorher erstmals begegnet und haben sich danach immer wieder getroffen. In Beckers Elternhaus in Leimen geht der Hobbyfotograf aus und ein und fotografiert schon 1983 erste Homestorys.

Nach der Ankunft in London begibt sich Zimmer auf direktem Weg in Beckers Herberge, das Gloucester-Hotel in Kensington, in dessen Lobby sich die Klatsch- und Sportpresse aus ganz Deutschland versammelt hat. Irgendwann kommt Becker durch die Drehtür, erblickt inmitten des Trubels seinen Freund und ruft: „Du bist schon da, Paul? Du wolltest doch erst zum Finale kommen?“ Becker zieht tatsächlich ins Endspiel ein, beim Frühstück davor sitzen nicht nur sein Trainer Günther Bosch und sein Manager Ion Tiriac am Tisch, sondern auch Paul Zimmer, der nervöser ist als die Hauptperson. „Keine Sorge, Paul, ich mach das schon“, sagt Becker und hält Wort. Ein paar Stunden später ist er der jüngste Wimbledon-Champion aller Zeiten.

Nach der Siegerehrung und dem Champions-Dinner stehen die beiden Freunde am späten Abend im Hotelaufzug, der neue Superstar und sein Fotograf. „Komm doch in Zukunft einfach mit“, sagt Becker. Es ist der „Point of no return“, wie Zimmer im Rückblick sagt. Einen Hörsaal wird er nicht mehr von innen sehen. Aus dem Hobby- wird ein Berufsfotograf, der mit Becker um die Welt reist und alle Triumphe und Tragödien aus nächster Nähe miterlebt.

Steffi Graf, Lady Diana und Michael Jackson

Von 1987 an muss Becker seinen Haus- und Hoffotografen allerdings teilen. In Paris gewinnt Steffi Graf ihren ersten von 22 Grand-Slam-Titel. Auch sie hat Zimmer schon viele Jahre vorher kennengelernt. Zu Beginn des Turniers waren beide noch in der Stadt, Steffi Graf entdeckte eine Jacke, doch war sie ihr zu teuer. Noch während der Siegerehrung fragt sie Zimmer, der mitten im Fotografenpulk steht, wann die Geschäfte schließen. Gemeinsam machen sie sich anschließend auf und kaufen die Jacke.

Boris Becker und Steffi Graf werden zu Weltstars – keiner begleitet sie in den Jahren des großen Tennisbooms enger als Paul Zimmer. Bei Becker wechseln die Freundinnen und die Trainer, Grafs Vater Peter landet irgendwann im Gefängnis. Der Fotograf aus Stuttgart aber ist immer an ihrer Seite. Mit Becker besucht er den Bundespräsidenten und das Weiße Haus, mit Graf lernt er Lady Diana und Michael Jackson kennen und ersteigert in ihrem Auftrag Kunstwerke bei Sotheby’s. Für Becker besorgt er während der Spiele Brötchen und Bananen, Graf reicht er Allergietropfen.

Seine Fotos werden ihm aus den Händen gerissen. Zimmer bekommt Aufträge von allen großen Magazinen und den Sponsoren der Spieler. Er verdient sehr gut – könnte aber noch viel mehr verdienen. Doch empfindet er es als Beleidigung, wenn Boulevardzeitungen fünfstellige Summen für private Fotos von Beckers Liebeleien bieten. Vertrauen ist das oberste Geschäftsprinzip dieses diskreten Mannes mit Brille und Vollbart, dessen schwäbisches Understatement so ausgeprägt ist wie sein Talent für die Fotografie. Die Geschichten von Wein, Weib und Gesang behält Zimmer auf alle Zeiten für sich. Auch deshalb engagiert ihn Jahre später Michael Schumacher als Hochzeitsfotograf. Ein Vertrag ist nicht nötig – auch die Formel-1-Legende weiß, dass auf Zimmers Wort Verlass ist.

Wimbledon-Pokal für den Fotografen

Im Rhythmus der Turniere jettet Zimmer seit 1985 um die Welt und begleitet Graf und Becker auch in den Urlaub nach Florida oder Gran Canaria. Es gibt Jahre, in denen er an 360 Tagen unterwegs ist. In Hartford sitzt er 1987 nach Beckers Sechseinhalb-Stunden-Triumph gegen John McEnroe mit in der Kabine („Boris sah aus wie Jesus am Kreuz“). In Wimbledon schießt er 1989 das Welt-Sportfoto des Jahres – und hält 1996 Steffi Graf davon ab, ihre Teilnahme wegen Rückenbeschwerden abzusagen. „Fahr’ zumindest hin und riech’ das Gras“, rät Zimmer. Zwei Wochen später reckt Graf ihm nach ihrem letzten von sieben Wimbledon-Triumphen den Pokal entgegen und ruft: „Paul, das ist für dich!“

Am 25. Juni 1999 erklärt Boris Becker seinen Rücktritt, sechs Wochen später tritt auch Steffi Graf von der Tennisbühne ab. „Danach“, sagt Zimmer, „hat mein eigenes Leben begonnen.“ Damals ist er 41.

1999 heiratet er Anastasia, die er ein Jahr vorher in Turkmenistan kennengelernt hat. 2000 wird Katharina geboren, 2005 Alexander. Die Familie wohnt im Zimmers Elternhaus in Sillenbuch. Mit Boris Becker und Steffi Graf ist er bis heute eng befreundet, doch ist er jetzt nicht mehr an 360 Tagen im Jahr unterwegs, sondern nur noch an 180. Zu Daviscup- und Fedcup-Spielen reist er, zu Olympischen Spielen, nach Katar, Miami – und natürlich zu allen Grand Slams. Bei 158 ist er seit 1978 dabei gewesen, so oft wie kein anderer Fotograf. In Wimbledon ist er bis ans Lebensende zum Champions-Dinner eingeladen.

Wie lange wird Paul Zimmer noch Tennisspieler fotografieren? Er weiß es nicht. „Meine Frau sagt, dass ich nie den Absprung schaffen werde.“ Eines aber steht längst fest: „Mein Leben ist ganz anders verlaufen, als ich es mir ursprünglich vorgestellt habe. Aber ich habe Dinge erlebt, von denen andere nur träumen können.“

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