Der Stuttgarter Unternehmer Lapp in Afrika Häuptling ehrenhalber
Der Stuttgarter Unternehmer Andreas Lapp unterstützt den Bau einer Schule in einer westafrikanischen Kleinstadt. Eindrücke von der Einweihungen des Collège Andreas Lapp.
Der Stuttgarter Unternehmer Andreas Lapp unterstützt den Bau einer Schule in einer westafrikanischen Kleinstadt. Eindrücke von der Einweihungen des Collège Andreas Lapp.
Galebre/Stuttgart - Der Tag, auf den sich Désiré Kope so gefreut hatte wie wohl noch auf keinen anderen Tag in seinem Leben, beginnt mit einer Kopfschmerztablette. Das Blut pocht und schlägt Kope schon seit Stunden gegen die Schläfen, die Nacht konnte er kein Auge zutun. Die Aufregung.
Kope, 63, steht an diesem Morgen am Rande einer afrikanischen Kleinstadt vor einem frisch gestrichenen Gebäude. Hier in Galebre, zentrale Elfenbeinküste, ist er aufgewachsen, dann vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert. Nun ist er zurückgekehrt, um eine Schule einzuweihen. Von seinem in 20 Jahren ersparten Geld in Deutschland hat der Lagerarbeiter Désiré Kope in seinem Heimatdorf eine Schule bauen lassen. Und in wenigen Stunden wird sein Chef, Andreas Lapp, Vorstandsvorsitzender der Lapp Holding AG aus Stuttgart, hier eintreffen und bei der Eröffnung dabei sein.
An der Fassade steht Collège Andreas Lapp. Kope schaut über einen rotbraunen Acker auf das noch von frischer Farbe glänzende Schild. Die frisch gelieferten Schulbänke müssen noch aufgestellt werden. Die Tür zur Mädchenlatrine klemmt. Mein Gott, wo ist der Fahnenmast? Kope rennt über den Platz, ruft Bauarbeitern etwas zu, schaut verzweifelt zu einer erst zur Hälfte fertigen Mauer, die das Gelände umgrenzt. Kope wünscht sich, der Tag wäre schon zu Ende.
Andreas Lapp, 64, sitzt zu diesem Zeitpunkt in einem weißen Toyota-Geländewagen und wundert sich. Die Autobahn, die von der Hauptstadt Abidjan in nordwestlicher Richtung ins Landesinnere führt, ist auch nicht schlechter als die A 81 zwischen Stuttgart und Ludwigsburg. Ein bisschen kennt sich Lapp in der Welt aus. War viel in Indien, in Europa sowieso.
Aber Afrika ist für ihn ein weitgehend unbekannter Kontinent. Schon bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Abidjan war er beeindruckt. Eine Krankenschwester kontrollierte seinen Impfpass. „Hab ich in Deutschland oder Europa noch nicht erlebt“, sagt Lapp, der Geländewagen ist inzwischen auf eine staubige Landstraße eingebogen.
Die Firma Lapp gehört zu jenen Weltmarktführern, die eher im Verborgenen wirken. Mit ihren Produkten im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie ist sie überall dort zu finden, wo Leitungen, Industriestecker und moderne Verschraubungstechnik benötigt werden, um Maschinen, ganze Anlagen und Fabriken auszustatten. Gut eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschafteten die 4200 Mitarbeiter im vergangenen Geschäftsjahr. Lapp ist bis heute vollständig im Familienbesitz, ein Global Player, dessen Namen viele im Ländle nicht einmal kennen.
Andreas Lapp, Sohn des Firmengründers, ist heute Vorstandsvorsitzender der Lapp Holding AG. Irgendwann, es muss im Frühjahr 2019 gewesen sein, bat ein Mitarbeiter in seinem Sekretariat um ein Gespräch. Désiré Kope, er hatte sich einen dunkelblauen Anzug angezogen, saß kurze Zeit später im Büro des Chefs und erzählte von seinem Plan. Über viele Jahre habe er Geld beiseitegelegt und außerdem einen Kredit aufgenommen. Nun sei es so weit. In seiner Heimat in der Elfenbeinküste werde er mit diesem Geld eine Schule bauen und aus Dankbarkeit werde sie nach Andreas Lapp benannt.
Weil Lapp „selten so charmant um finanzielle Hilfe gebeten“ wurde, sagte er aus seinem privaten Vermögen eine Unterstützung zu und versprach, zur Einweihung vorbeizukommen – nicht, ohne vorher über seine Tochter und einen Mitarbeiter die Lage in Galebre geprüft zu haben.
Draußen vor Lapps Autofenster zieht ein grüner Vorhang aus Kaffee-, Kakao- und Kautschukplantagen vorbei. Hier im Südwesten ist die Elfenbeinküste fruchtbar und dicht bevölkert. Lapp winkt ein paar Kindern am Straßenrand zu und kommt ins Sinnieren: „Wir wissen viel zu wenig über diesen Kontinent. In Stuttgart hält man Obervolta wahrscheinlich für eine Joghurtsorte.“
Bei Lapp denkt man schon seit einigen Jahren darüber nach, stärker ins Geschäft mit afrikanischen Ländern einzusteigen. Die Bevölkerung wächst rasant, 2050 wird die Zwei-Milliarden-Marke geknackt. „Die brauchen Infrastruktur“, sagt Lapp. Fast fünf Stunden sitzt er jetzt schon im Wagen, und die Schlaglochdichte nimmt mit jedem Kilometer zu, die er seinem Ziel näher kommt. Am Ortsschild von Galebre geschieht etwas Ungewöhnliches: Als Jugendliche den Geländewagen erkennen, schwingen sie sich auf zwei Dutzend Motorräder und umkreisen ihn wie ein Schwarm Wespen. Manche fahren nur auf dem Hinterrad, andere im Stehen, alle hupen und schreien, und es dauert einen Moment, bis Andreas Lapp begreift, dass das kein Überfallkommando ist, sondern eine Begrüßungseskorte. Auf einigen T-Shirts steht: „Welcome Mr. Andreas Lapp“.
Vor dem Collège Andreas Lapp wartet ein sichtlich erleichterter Désiré Kope. Die deutsche Fahne weht am Mast, und das halbe Städtchen hat sich auf dem Schulhof versammelt. Die Menschen sitzen vor der Sonne geschützt unter weißen Zelten. Die Dorfältesten begrüßen den Gast aus Deutschland, legen Lapp einen Umhang auf die Schulter, setzen ihm eine Krone auf und segnen ihn mit dem Blut eines toten Huhns.
Etwas angespannt steht Andreas Lapp wenig später auf einer improvisierten Bühne im Schulhof und spricht in das Mikrofon. Er spricht auf Französisch, es ist die Amtssprache, dreht den Honoratioren den Rücken zu, wendet sich zu den Schülern, die hinter der Bühne sitzen und sagt: „Wegen euch bin ich hier, um euch geht es, euch gehört die Zukunft, und ihr werdet einmal in diesem Land, auf diesem Kontinent, auf dieser Welt entscheiden, wie es weitergeht.“
Kope und Lapp stehen jetzt beide auf der Bühne. „Es war seine Idee, er ist einer von euch, ich habe ihm nur dabei geholfen“, sagt Lapp. Alle klatschen begeistert, weil sie verstehen, dass der eigentliche Held aus ihrer Mitte kommt. Lapp bleibt nach den Reden noch im Schatten sitzen, schaut den Tänzen der Schüler zu. Dann fährt er auch schon wieder zurück in die Hauptstadt. Er hat den Termin der Eröffnungsfeier kombiniert mit mehreren Geschäftstreffen.
Lapp will in Afrika groß einsteigen. Seit 2010 ist Lapp in Südafrika mit einer eigenen Tochtergesellschaft vertreten, die Kabel, Stecker und Verbindungslösungen für Infrastrukturprojekte, die Energiebranche und die Industrie liefert. Auch im Norden des Kontinents, in Marokko, Algerien, Ägypten, ist Lapp bereits präsent. Doch Andreas Lapp sieht in Afrika einen viel größeren Zukunftsmarkt. Länder wie Ruanda, Äthiopien oder die Elfenbeinküste hatten zuletzt Wachstumsraten von sieben bis neun Prozent. Hunderte Millionen von Smartphonenutzer brauchen gute Netzverbindungen und damit eine flächendeckende Infrastruktur.
Schon heute bezahlen die Einwohner vieler afrikanischer Staaten ihre Rechnungen oder auch alltägliche Einkäufe mit mobilen Bezahlsystemen. Allein in Kenia nutzen 30 Millionen Menschen Systeme wie M-Pesa, das die Digitalisierung auch abgelegener Regionen notwendig macht. Industrieausrüster wie Lapp profitieren von dieser rasanten Entwicklung. Den Umsatz im Afrikageschäft habe man in den vergangenen drei Jahren verdreifacht, sagt Lapp – allerdings auf geringem Niveau. Rund 45 Millionen Euro waren es im Geschäftsjahr 2018/19.
„Da geht noch viel mehr“, sagt Daniel Ibanez. Der Portugiese ist Lapp-Vertriebsleiter für Afrika. Er und der Chef treffen sich am Abend im Hotel Ivoire, einer Luxusherberge in Abidjan. Lapp plant Logistikzentren zunächst im Westen und Osten Afrikas, anschließend will sich das Unternehmen als Anbieter nach und nach auf dem ganzen Kontinent etablieren. In Afrika, sagt Ibanez, liefen die Geschäfte etwas anders. „Da musst du erst mal Vertrauen zu deinen Geschäftspartnern aufbauen. Das hat nichts mit Vetternwirtschaft oder Korruption zu tun.“ Aber es dauere alles einfach etwas länger. „Afrika wird oft als ein einziger großer Kontinent angesehen, aber das sind 54 Länder mit teils ganz unterschiedlichen Kulturen und sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen.“ Als nächster Schritt in Westafrika soll zunächst die lokale Präsenz aufgebaut werden.
Bildung sei der Schlüssel zum Wohlstand, sagt Lapp. Die Schule in Galebre soll erst der Anfang sein. Zusammen mit der katholischen Hilfsorganisation Don Bosco hat Lapp schon Pläne geschmiedet, ein Berufsschulzentrum in der Elfenbeinküste aufzubauen. Désiré Kope will bis zur Rente noch ein paar Jahre im Lager in Ludwigsburg arbeiten. Dann wird er wieder ganz zurück ziehen nach Galebre.