Der Stuttgarter Zigarettenfabrikant Emil Molt Finanzier der Waldorfschule

Berta Molt führt ihren Mann Emil an die Theosophie heran, beide sind von Rudolf Steiner begeistert. Foto: : Verlag Freies Geistesleben

Vor 100 Jahren prägt der Stuttgarter Zigarettenfabrikant Emil Molt das nachrevolutionäre Württemberg: Er gründet die Waldorfschule – und hat noch Größeres vor.

Stuttgart - Vor 100 Jahren befindet sich das Land nach der Novemberrevolution im Schwebezustand. Die neue demokratische Ordnung ist fragil. Die Stimmung wird radikaler. „Eine neue Welt müsse im Handumdrehen aus den Trümmern der alten errichtet werden“, beschreibt der Historiker Helmut Zander das Grundrauschen dieser Zeit.

 

In Stuttgart will ein Zirkel um den Anthroposophen Rudolf Steiner nichts weniger als eine neue Gesellschaftsordnung errichten. Steiner hat einen großen Einfluss auf eine der zentralen Figuren dieser Zeit in Württemberg, den Stuttgarter Emil Molt. Ohne Molt gebe es heute keine Waldorfschule. Auf seinen Wunsch hin und mit seinem Geld wird vor 100 Jahren das Mutterschiff der „erfolgreichsten Privatschule des 20. Jahrhunderts“ (Helmut Zander) auf der Uhlandshöhe gegründet.

Benannt wird die Schule nach dem ersten Teil des Namens von Molts Zigarettenfirma. Die Lizenz der Waldorf-Astoria hatte Molt in Amerika erworben: Einst war Johann Jakob Astor aus dem badischen Walldorf nach Amerika ausgewandert, um dort mit dem Handel von Pelzen zum reichsten Menschen seiner Zeit aufzusteigen. Astors Urenkel gründen später die berühmte Herberge Waldorf Astoria. „Emil Molt wollte mit seiner Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart vom Edel-Image des New Yorker Hotels profitieren“, schreibt die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Sein Aufstieg ist nicht vorgezeichnet

Dieser Plan funktioniert, Molt ist bald ein Mann von Einfluss: Von der ersten demokratischen Landesregierung wird er beauftragt, den Kauf von Lebensmitteln in der Schweiz zu organisieren. Er ist an Versuchen beteiligt, eine Bank einzurichten, die Soldaten Arbeit verschaffen soll.

Emil Molts Aufstieg ist nicht vorgezeichnet. Am 14. April 1876 wird er in Schwäbisch Gmünd als Sohn eines Bäckers und Kolonialwarenhändlers geboren. Seine Eltern sterben früh. Emil kommt zu seinem Onkel und besucht das Reallyzeum in Calw. Einer seiner Mitschüler ist Hermann Hesse, mit dem er sich anfreundet und von dem er in seinen Erinnerungen später erzählen wird, dass Hesse im gemeinsamen Urlaub morgens unausstehlich sei – der Schriftsteller käme wegen seiner Schlafstörungen erst nachmittags auf Touren. 1899 arbeitet Emil Molt bei einem Stuttgarter Zigarettenhändler. Bald beschließt er, sich in dieser Branche selbstständig zu machen.

Grundstein für Molts Einfluss wird sein finanzieller Status, der auf dem Tabakhandel beruht: „Die Waldorf-Zigaretten hatten ihren eigenen Charakter, der bedingt war durch die weitgehende Handarbeit und das richtige Verhältnis in der Verwendung der drei Haupttabaksorten: Mazedonien, Smyrna und Samsun. Die erste gibt die Fülle, die zweite das Aroma und die letzte gibt die Kraft und den Ausgleich“, schreibt er in seinen Erinnerungen.

Unternehmer mit sozialem Gewissen

Nach und nach erhöht er seine Anteile an der Waldorf-Astoria, unter anderem, indem er einen Garten verkauft, der an einer zentralen Stelle in Stuttgart liegt. „Es zeigte sich eine Verkaufsgelegenheit zu einem für uns sehr günstigen Preis, da bekannt wurde, dass nebenan mit der Parkanlage der künftigen Villa Reitzenstein zu rechnen sein würde“, schreibt Molt.

Molts Aufstieg geht weiter. Mit seiner Frau Berta und seinem Sohn Walter zieht er in eine Wohnung in der Landhausstraße. Sie hat sechs Zimmer, ein Bad, ein Mädchenzimmer und Etagenheizung. „Wir brauchten auch wegen der gesellschaftlichen Verpflichtungen, die das Größerwerden des Geschäftes mit sich brachte, Räume, in denen wir ein wenig repräsentieren konnten“, schreibt er. „Wir kamen uns in dem ungewohnten Luxus wie Grafen vor.“

Bei allem gesellschaftlichen Aufstieg hat Molt auch die im Blick, denen es nicht so gut geht: Im ersten Weltkrieg lässt er den Soldaten Zigaretten der Waldorf-Astoria an die Front schicken. Bald will er nicht nur Tabak als Gabe verschenken, sondern auch geistige Anregungen. Molt sorgt dafür, dass den Kippenschachteln Literatur im Kleinformat beigelegt wird. Die sogenannten „Farbigen Heftchen“ enthalten Texte von ganz unterschiedlichen Autoren, darunter auch von Hermann Hesse.

Erste Begegnung mit Rudolf Steiner

Molt sucht selbst nach einem spirituellen Sinn. Seine Frau Berta weckt sein Interesse für die Theosophie. Die Heranführung an die „Gottesweisheit“, wie die wörtliche Übersetzung des Begriffs, ist für die damalige Zeit en vogue. „Der typische Theosoph war eine Frau: gebildet, nicht arm und Protestantin“, schreibt Helmut Zander in seiner Biografie über Rudolf Steiner. Zander sieht in der Theosophie ein Eldorado für selbstbewusste Frauen: Hier könnten sie Leitungsfunktionen übernehmen und ihre oft gut betuchten Männer von ihrem spirituellen Weg überzeugen.

Die erste Begegnung mit Rudolf Steiner verändert das Leben des Ehepaars Molt: „Seine Art zu reden war ganz anders, als wir es je vorher erlebt hatten. Als Dr. Steiner seinen Vortrag beendet hatte, wussten wir beide: Das ist es, was wir schon so lange suchten. Nun hatten wir die Richtung für unser Leben“, schreibt Molt.

Steiner kommt schon seit Jahren nach Stuttgart. Er beschäftigt sich für seine Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer Philosophie der Freiheit“ intensiv mit Goethe. In Stuttgart wiederum lebt Joseph Kürschner, ein deutscher Verleger, der für Goethes naturwissenschaftliche Schriften verantwortlich ist. Steiner knüpft Kontakte zu einflussreichen und sozial engagierten Industriellen. Die Beziehung zu Molt wird besonders eng. Ohne ihn hätte Steiner sein heute wohl bekanntestes Erbe, die Waldorfschule, nicht initiieren können: „Am Anfang stand nicht Rudolf Steiner, sondern Emil Molt“, schreibt Helmut Zander über die Gründung der Schule.

Molt wird zum Mäzen der Schule

Der Patriarch Molt hat aus der Novemberrevolution gelernt: Er will seine Arbeiter – 1919 hat die Waldorf-Zigarettenfabrik etwa 1000 Mitarbeiter – durch Fortbildung an sich binden. Als sich herausstellt, dass nicht jeder Mitarbeiter für Weiterbildung empfänglich ist, will er die Kinder seine Angestellten unterrichten lassen. Er bittet Steiner, ihm bei diesem Unterfangen zu helfen. Den Tag, an dem Steiner ihm zusagt, den 23. April 1919, bezeichnet Molt später als den Geburtstag der Waldorfschule. Offiziell wurde die erste Schule jedoch erst am 7. September 1919 gegründet.

In den vier Monaten zwischen diesen beiden Terminen liegt ein rasantes Tempo vor, um die Schule zu gestalten. Für das pädagogische Großprojekt nutzt er seine Beziehungen und setzt sein Vermögen ein. Die Sozialdemokraten sind an der Macht und bereit, Molts Pläne zu unterstützen. Er spricht mit dem württembergischen Arbeitsminister Hugo Lindemann. Kurze Zeit später treffen sich Molt und Steiner mit Kultusminister Bertold Heymann: Der Schule wird Lehrfreiheit zugesichert.

Molt finanziert sein Herzensprojekt, indem er auf die Rückstellungen der Waldorf-Astoria zurückgreift: 450 000 Mark kostet das ehemalige Ausflugslokal Uhlandshöhe, 50 000 Mark der Umbau zur Schule. Auch Nachbargrundstücke kauft Molt auf. Ernst August Karl Stockmeyer, Mathelehrer, wird damit beauftragt, qualifiziertes Lehrpersonal zu suchen und zu verpflichten.

Emil Molt reicht es nicht, von Rudolf Steiner eine neue Schule konzipieren zu lassen. Bei Ministerpräsident Wilhelm Blos wirbt er darum, Steiner ins Kabinett aufzunehmen, „er sei der bedeutendste Mann Europas und kenne die Geheimnisse aller Regierungen“ – ohne Erfolg. Blos schreibt später: „Ich war mir klar, dass ein Mann, der mit Geheimwissenschaften, mit Theosophie und Anthroposophie (. . .) operiert, der auch ‚Inneres Schauen‘ beansprucht, zur Mitwirkung an der Schaffung der Grundlagen eines neuen demokratischen Staates nicht berufen sei.“

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