Der Südwesten und seine Erfindungen Die Bausparer: eine Generation wird zuteilungsreif

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Der Bausparfuchs prägte eine ganze GenrationHersteller 60er Jahre - Die sechziger Jahre machten den Südwesten zur oft karikierten, aber genauso bewunderten Heimstatt des Hausbaus. Stein auf Stein wurde die Vergangenheit eingemauert, und die Gegenwart erhielt etwas unverrückbar Sicheres. Die Utopien des Jahrhunderts, die Angebote der Weltverbesserer und Philosophen zerschellten am kleinen Traum vom Eigenheim. Und im Südwesten war diese Sehnsucht besonders ausgeprägt. Die erste Bausparkasse war 1924 in Wüstenrot gegründet worden. In den sechziger Jahren drängte die demografische Entwicklung zur Schaffung von Wohnraum. Die Deutschen machten es kaum noch unter vier Kindern pro Familie, und die mussten untergebracht werden. Eine ganze Generation von Menschen drängte dem ersehnten Zustand entgegen, der mit dem technokratischen Begriff zuteilungsreif bezeichnet wurde. Zuteilungsreif war, wer bauen konnte und sein erspartes und verzinstes Geld in Beton und Ziegel umtauschte. Behilflich waren die Bausparkassen, deren größte damals die Bausparkasse Schwäbisch Hall. Das Unternehmen warb mit dem Logo der vier Bausteine. In den sechziger Jahren wurde dieses optische Ausrufezeichen durch den Slogan „Auf diese Steine können Sie bauen“ ergänzt. Die Deutschen ließen sich das nicht zweimal sagen und bauten. Sie bauten Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser, waren beseelt vom Pioniergeist und riskierten doch keine gestalterischen Eskapaden. Der Hausbau und die Familie forderten alle Kräfte. Und mancher Familienvater war am Ende der Bauzeit selbst auch mehr als zuteilungsreif. Das Geschäft der Bausparkassen entwickelte sich entsprechend. Will sagen: atemberaubend. Mit mehr als 270 000 neu abgeschlossenen Verträgen über eine Bausparsumme von 6,1 Milliarden Mark setzte sich Schwäbisch Hall Ende der sechziger Jahre erstmals an die Spitze der Branche.

Seltsam nur, dass da in den Kinder und Jugendzimmern und an den Universitäten eine Generation heranwuchs, die mehr auf den Beton in den Köpfen ihrer Elterngeneration sah als auf die Eigenheime. Ihre bohrenden Fragen nach der Vergangenheit durchbrachen auch die Selbstgewissheit der Bauspargeneration. Aber auch wenn es bröckelte – totzukriegen war die Idee des Bausparens nicht. Das schaffen vermutlich erst die Nullzinsen und die erzwungene Nomadenhaftigkeit des Erwerbslebens der Jüngeren.