Der Tänzer und Choreograf Johannes Blattner Raus aus der Komfortzone, rein in die freie Szene

Der Tänzer Johannes Blattner als Zeus in „Metamorphosen“, einer Produktion des Pforzheimer Theaters Foto: Andrea D’Aquino/Theater Pforzheim/Theater Pforzheim 13 Bilder
Der Tänzer Johannes Blattner als Zeus in „Metamorphosen“, einer Produktion des Pforzheimer Theaters Foto: Andrea D’Aquino/Theater Pforzheim/Theater Pforzheim

Johannes Blattner kennt die Wunden unserer Zeit. Der Tänzer und Choreograf hat die Komfortzone eines Stadttheaters verlassen, um in der freien Szene von Stuttgart neue Erfahrungen zu sammeln.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)
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Stuttgart - Johannes Blattner war Zeus auf der Bühne des Pforzheimer Theaters und hat dort im Erfolgsmusical „Falco“ den Titelstar getanzt. Doch große Gesten, wie man sie mit dem Interpreten solcher Rollen verbinden könnte, sind dem jungen Mann fremd, der an diesem Morgen der Reporterin in coronakonformem Abstand im Produktionszentrum gegenübersitzt. Groß ist dafür die Nachdenklichkeit, mit der sich der Tänzer über den neuen Abschnitt in seiner Karriere äußert. Und schnell ist das Gespräch mit ihm bei den drängenden Themen und den Widersprüchen, in denen wir uns ganz bequem eingerichtet haben. „A cozy place“ und „Die gemütliche Wahrheit“ hießen passenderweise seine Stücke, mit denen er sich als neue Stimme der freien Szene in Stuttgart vorgestellt hat.

Bereut der in der Coronakrise den Neuanfang?

Obwohl Johannes Blattner im Pforzheimer Ensemble von Guido Markowitz als vielseitiger und charismatischer Interpret auf sich aufmerksam machte, entschied er sich, nach vier Jahren einen Neuanfang zu wagen. Seit Ende 2019 arbeitet der inzwischen 33-Jährige, der in Filderstadt geboren und in Göppingen aufgewachsen ist, frei als Tänzer und Choreograf in Stuttgart. Bereut hat er den Seitenwechsel nicht, auch wenn ihm die Coronapandemie den Start ordentlich erschwert hat. „Ich genieße die Freiheit, jenseits eines Ensembles nach einem vielseitigen Zugang zum Tanz zu suchen, und fühle mich in Stuttgart offen aufgenommen.“ Im jungen Pforzheimer Team, in dem er einer der Ältesten gewesen sei, sagt der Tänzer, habe ihm der Austausch mit reiferen Kollegen gefehlt.

Was macht ein Eisbär auf der Tanzbühne?

Den findet Johannes Blattner nun in der freien Szene. „Menschen, die wie Lisa Thomas einen ganz anderen Blick auf Kunst und Tanz haben, sind eine riesige Inspiration für mich.“ Als Videoperformerin war die Tanz- und Improvisationskünstlerin mit im Team der Multipluralwesen, einem Zusammenschluss um Blattner und die Figurenspielerin Hanna Malhas, der jüngst das Tanzstück „Die gemütliche Wahrheit“ zumindest im Livestream zeigen konnte. Am 15. Dezember soll die Premiere im Analogen folgen; dann wird die Bühne im Theaterhaus neben tollen Tänzerinnen wie Selina Koch auch einem Teddy und einem Eisbären gehören.

Formen der Gemütlichkeit erkundet die Performance und deutet doch unbequeme Wahrheiten an. „Wir spüren der Ambivalenz nach zwischen dem Bedürfnis, gemütlich sein zu dürfen, und dem herrschenden Optimierungszwang. Es geht auch um die Notwendigkeit, in unserer Gemütlichkeit Platz zu machen für andere“, sagt Blattner und betont: „Dass unser Komfort auf Kosten anderer geht, muss gesellschaftlich relevant sein.“ Aus der Reibung zwischen diesen Polen generiert das Stück seine Energie. Beispiele dafür, wie wir das Sofa dem harten Boden der Tatsachen vorziehen, hat der Künstler einige: „Wir sehen Meerestiere, die vollgestopft mit Plastik verenden, und beschäftigen uns dann mit Strohhalmen. Über unseren Fischkonsum nachzudenken, der durch die Fischerei und deren Netze den Plastikmüll mitverursacht, ist uns zu unbequem.“

Der Austausch mit dem Publikum fehlt ihm

Das Sofa, das coronabedingt an Bedeutung gewinnt, ist nicht der richtige Ort für einen Tänzer wie Johannes Blattner. Jüngst konnte er mit der Mixtability-Kompanie von Grégory Darcy immerhin für eine Fernsehaufzeichnung tanzen. Und rechtzeitig vor der Pandemie hat er bei einer Live-Improvisation im Alten Schloss den Kontakt zu Hanna Malhas geknüpft. „Das Figurenspiel spricht nicht nur das Kind in mir an“, sagt Blattner, „es ist gerade auch ein ideales Medium, um auf der Bühne Abstand zu halten und doch in Kontakt zu etwas zu sein.“

Das Hybride, die Mischform interessiere ihn, sagt Johannes Blattner und will nun mit den Multipluralwesen klären, welche Perspektiven des Digitalen sich in den analogen Bereich übertragen lassen. Bei seinem Stuttgarter Debüt, der in der Hum-Base, einer ehemaligen Kirche, mit Hanna Malhas gezeigten Performance „A cozy place“, konnte das Publikum an verschiedenen Stellen über QR-Codes Videos abrufen. „Wir wollten sehen, wie man Videos anbringen kann, und ihre Konkurrenz zum Live-Bild testen.“ Letztendlich musste jeder Zuschauer selbst entscheiden, wohin er den Blick richtet. Den Austausch mit dem Publikum vermisst Blattner besonders. „Die tollsten Erlebnisse habe ich im Dialog mit Menschen, die nicht angefressen sind vom Tanz, sondern eher zufällig in eine Aufführung geraten. Jetzt bleibt jeder in seiner Bubble, und ein richtiger Austausch ist rar.“

Das Positive der Krise

Trotzdem versucht der Tänzer, der Coronakrise auch Positives abzugewinnen. Seine eigene Situation sieht er durchaus als privilegiert, das städtische Stipendium „10 qm/Corona Katalyse“ ist ein Grund dafür. Die dreimonatige Förderung war verbunden mit dem Arbeitsauftrag, die Krise konstruktiv zu sehen und gesellschaftliche Problemfelder künstlerisch zu reflektieren. Blattner schätzt das Interdisziplinäre, wie ihn das Projekt im Dialog von Bildhauern bis politischen Aktivisten ermöglichte.

Toxische Männlichkeit und neue Impulse

Sich persönlich weiterzuentwickeln, neue Strukturen zu entdecken und mitzubestimmen – das erhofft sich Johannes Blattner in Stuttgart. Er selbst fing über den Paar- und Jazztanz Feuer, das er nun auch als Pädagoge weitertragen will; momentan leitet er in der New York City Dance School einen zeitgenössischen Kurs. Wichtiger als eine Ausbildung sei beim Unterrichten die persönliche Erfahrung, sagt Blattner, die man weitergeben könne. Von Musical bis Oper ist er selbst breit aufgestellt und sorgt nun für neue Impulse in der freien Szene, auf die man gespannt sein darf.

Als nächstes Thema hat sich Blattner, der gern im Kollektiv arbeitet, die toxische Männlichkeit vorgenommen. „Der Mann ist einem Rollenverständnis ausgeliefert, das er meint, ausfüllen zu müssen. Das wird mich die nächsten Monate umtreiben“, sagt der Tänzer, der statt auf große Gesten lieber auf einen ausgewogenen Umgang mit Emotionen setzt.

Info

Tänzer Johannes Blattner, 1988 in Filderstadt geboren, schloss 2013 seine Ausbildung zum Tanzpädagogen und Bühnentänzer in Freiburg ab. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Zürich war er als freier Tänzer unterwegs, in New York zu einer Weiterbildung. Von 2015 bis 2019 war er am Theater Pforzheim engagiert.

Bühne Seit September 2019 ist Johannes Blattner als Tänzer und Choreograf in der freien Szene Stuttgart aktiv. Mit der Figurenspielerin Hanna Malhas hat er die Performance „A cozy place“ und mit dem Kollektiv Multipluralwesen das Stück „Die gemütliche Wahrheit“ entwickelt, das am 15. und 16. Dezember im Theaterhaus Live-Premiere feiert.




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