Der Tenor Ilker Arcayürek im Porträt Der Einsame

Von Markus Dippold 

In Stuttgart hat der Österreicher mit türkischen Wurzeln 2016 den Wettbewerb für Liedkunst der Hugo-Wolf-Akademie gewonnen. Seither macht der junge Tenor Ilker Arcayürek Karriere – und singt an diesem Sonntag in Stuttgart Schuberts „Winterreise“.

Ilker Arcayürek Foto: Janina Laszlo
Ilker Arcayürek Foto: Janina Laszlo

Stuttgart - O, wie ich mir gefalle / in meiner stillen Ländlichkeit! / Was in dem Schwarm der lauten Welt / das irre Herz gefesselt hält, / gibt nicht Zufriedenheit.“ Diese fünfte Strophe aus Franz Schuberts Lied „Der Einsame“ bildet den Kern einer ungewöhnlichen Debüt-CD. Der 33-jährige Tenor Ilker Arcayürek stößt mit diesem Schubert-Recital ins Zentrum des deutschsprachigen Liedgesangs vor, was Erstaunen auslöst, aber auch die Frage, wie mutig man als junger Sänger sein muss, um sich so weit aus dem Fenster zu lehnen.

„Natürlich könnte man sagen, dass das mutig ist“, meint ein sichtlich entspannter Arcayürek bei einem Treffen am zweiten Weihnachtstag in Nürnberg. „Aber für mich ist das weniger mutig als vielmehr ganz natürlich, denn ich habe eine große Affinität zum Kunstlied.“ Während der Sänger über diese Gattung spricht, entsteht beim Beobachter ein seltsamer Eindruck. Vielleicht ist es der weiche, unüberhörbar wienerische Zungenschlag, vielleicht ist es eine Aura, als sei dieser höfliche, auf Form und Manieren bedachte Mann ein wenig aus der Zeit gefallen, als könnte er sich auch in der Welt des 19. Jahrhunderts, der Zeit der Romantik, heimisch fühlen.

Die goldenen Zeiten der Gesangskultur sind vorbei

Verstärkt wird diese Assoziation durch die freundlich, aber durchaus mit Selbstbewusstsein formulierte Aussage des Tenors, dass es ihm vor allem darauf ankomme, „glaubhaft“ zu wirken, „den eigenen sängerischen Idealen und Prinzipien“ zu folgen, ohne sich in Schubladen pressen zu lassen oder sich dem Druck zu beugen, dass es gerade auf diesem Gebiet klangvolle, auch einschüchternde Namen aus der Vergangenheit gibt. Das wiederum bietet den Anlass für eine intensive Reflexion Arcayüreks über die Auseinandersetzung mit Vorbildern. „Ich höre mir viele alte Aufnahmen an, aber nicht, um die Sänger und ihre Interpretationen zu kopieren, sondern um ihre Technik zu studieren.“ Das Interesse des in der Türkei geborenen Tenors reicht dabei weit in die Vergangenheit zurück, wenn er Sängergrößen des frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhunderts nennt, an denen er sich orientiert. Ein bisschen wehmütig wirkt er dabei, zum einen weil diese goldenen Zeiten der Gesangskultur vorbei sind, zum anderen weil Arcayürek intelligent und reflektiert ist und weiß, dass er nicht unbedingt dem heutigen Stimmideal entspricht, wenn er sich in diese Tradition stellt.

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Bewusstsein des Außergewöhnlichen, des Einsamen auf der Suche nach Gesellschaft durch das bemerkenswert offene Gespräch. „Ich bin zwar in Wien aufgewachsen, aber lange Zeit habe ich nicht dazu gehört, weil ich in der Türkei geboren wurde, weil ich erst die Sprache lernen musste.“ Noch heute stört es Arcayürek, wenn er als türkischer Sänger bezeichnet wird. „Ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft, nur die österreichische!“, sagt er, der mit einer Österreicherin verheiratet ist, mit Nachdruck.

Eine Musikhochschule hat Arcayürek nie besucht

Die Mitgliedschaft im Mozart Knabenchor Wien eröffnet dem Jugendlichen die Welt der klassischen Musik, allerdings auf einem eher unüblichen Weg. Denn Arcayürek muss seinen Lebensunterhalt verdienen, da bleibt keine Zeit für ein ordentliches Studium an einer Musikhochschule, stattdessen nimmt er privat Gesangsunterricht bei Sead Buljubasic in Wien. „Ich glaube, für mich war das ein richtiger und sinnvoller Weg“, meint Arcayürek. Wer selbst an einer Musikhochschule studiert hat, weiß, dass dort von Anfang an ein Konkurrenzkampf zwischen den Studenten besteht. „Mir fehlt also ein bisschen die Ellbogenmentalität, die man an den Hochschulen lernt“, sagt Arcayürek mit einem Lachen in der Stimme, „dafür hatte ich die Chance, mich völlig unbelastet von Vergleichen und Erwartungen zu entwickeln.“




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