Stephan B. und der Anschlag in Halle Eine Anleitung zum Vernichtungsfeldzug

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Der Täter von Halle stellte vor seinem Anschlag auf die Synagoge drei Dokumente ins Netz. Sie geben einen verstörenden Einblick in die Gedankenwelt des 27-Jährigen.

Sein Waffenarsenal und seinen  Angriffsplan  hat der Täter von Halle ausführlich im Internet  präsentiert. Foto: dpa/Uncredited, RIAS
Sein Waffenarsenal und seinen Angriffsplan hat der Täter von Halle ausführlich im Internet präsentiert. Foto: dpa/Uncredited, RIAS

Berlin/Karlsruhe - In seiner ersten Vernehmung beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat der Todesschütze von Halle den Anschlag auf die Synagoge und die Morde gestanden und auch sein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. In dem mehrstündigen Termin beim Ermittlungsrichter hat der 27-jährige Stephan B. nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa umfangreich ausgesagt.

Erstaunlich ist das nicht: Schließlich wollte der Attentäter ganz offenkundig im Internet weltweit Ruhm für seine Verbrechen ernten – seinen Versuch eines Massenmordes filmte er mit einer Helmkamera und streamte die Aufnahmen live im Netz. Für die Ermittler werden neben diesem Bekennervideo, das den Tatablauf genau zeigt, auch die drei Dokumente wichtig sein, die Stephan B. vor der Beginn der Tat ins Netz gestellt hat und die unserer Zeitung vorliegen.

Sie geben einen Einblick in die Gedankenwelt eines Rassisten, Antisemiten und Frauenhassers. Im eigentlichen Sinne handelt es sich nicht um ein „Manifest“ oder eine Erklärung, in der der Täter einen kompletten politisch-ideologisch rechtsextremistischen Überbau offenbaren würde. Das mehrteilige Dokument zeigt eher ein hassdurchtränktes Sammelsurium von Verschwörungstheorien und der Idee von der Überlegenheit einer weißen Rasse. Es lehnt sich damit sprachlich und inhaltlich genau wie das Video deutlich an die Gaming-Welt mit ihren Egoshooter-Spielen an. Hier liegt zwar auch eine Parallele zu Amoktaten der Vergangenheit. Aber Spieleplattformen und Gamerforen sind nach Ansicht von Experten inzwischen Orte, in denen hauptsächlich Männer sich radikalisieren und virtuell vernetzen. Teil dieser Welt ist auch die Mischung aus Hass auf Juden, Ausländer, Muslime und Feministinnen. Wie Helden werden Terroristen wie Anders Breivik oder der Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant hier betrachtet, der seinen Vernichtungsfeldzug als Egoshooter-Ereignis anlegte.

Ein Todesplan

Das Dokument liest sich zum Teil wie die Ankündigung für einen Coup in einem Computerspiel mit furchtbarem Ziel: so viele Juden wie möglich zu töten. Auf neun Seiten dokumentiert der Täter zunächst die von ihm angeblich zumeist selbst gebauten Waffen und weist auf deren Handhabungsdefizite hin – die Fotos samt Beschreibung zeigen wie in einem Spiel die möglichen Mittel.

Unter den abgebildeten Waffen ist auch ein langes Schwert. Auch der Rest der Ausrüstung wird dokumentiert – darunter ein Kevlar-Schutzhelm angeblich aus Beständen der Bundeswehr und eine Schutzweste angeblich von der Polizei.

Unter der Überschrift „Der Plan“ erklärt der Täter dann auf Englisch, dass sein Ziel die örtliche Synagoge sei. Sein übergeordnetes Ziel stammt aus einer in rechtsextremen Kreisen verbreiteten Verschwörungstheorie einer jüdischen Weltregierung, die mit „ZOG“ für „Zionist Occupied Government“ abgekürzt wird und die es zu besiegen gelte.

Ein schlechter Rechercheur

Dies und die örtliche Nähe der Synagoge nennt er als Grund für seine Auswahl – auch wenn er, wie er schreibt, eigentlich lieber eine Moschee oder ein linkes Kulturzentrum angegriffen hätte, da diese „deutlich schlechter gesichert“ seien.

Interessant ist, dass obwohl Stephan B. sich offensichtlich ausführlich mit der Tatplanung beschäftigt hat, es ihm nicht gelungen ist, sein Ziel ordentlich auszuspähen – weder kennt er das Innere der Synagoge noch die Sicherheitsvorkehrungen. Zumindest rechnet er auch mit der Möglichkeit zu scheitern und selbst zu sterben.

Wie voller Judenhass und entkoppelt von der Realität das Denken von Stephan B.s ist, zeigt sich in der Formulierung von „Zielen“, verschiedenen „Erfolgen“ und einem möglichen „Bonus“ – wie in einem Spiel. Ein Ziel lautet: „Töte so viele Anti-Weiße wie möglich, Juden bevorzugt“. Es geht Stephan B. auch darum, mit der Verbreitung seiner Tat über das Internet die „Moral anderer unterdrückter Weißer“ zu stärken und das Können selbst gebauter Waffen zu beweisen. Seinen selbsterdachten Bonus hat der Täter von Halle erreicht, anders als zwei Menschen, die er am Mittwoch erschoss: „Stirb nicht.“