Mit dem Chaos rings um den Bürgerservice haben die Einwohner Leonbergs zuletzt wenig zu lachen gehabt. Beim Online-Reservierungssystem waren Termine oft über Wochen im Voraus ausgebucht. Seit die Verwaltung wieder auf ein offenes Bürgerbüro umgestellt hat, bilden sich lange Schlangen vor dem Rathaus. Aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger alles andere als ein idealer Service. Die Mitarbeitenden in den Rathäusern haben zum Teil aber ebenfalls alles andere als gut lachen. Insgesamt stellen die Verwaltungen in der Umgebung fest, dass die Hemmschwelle für Beleidigungen und Respektlosigkeiten deutlich gesunken ist. Selbst tätliche Gewalt und entsprechende Drohungen sind in Einzelfällen schon vorgekommen – ein Blick in den Altkreis Leonberg.
„Leider stellt die Stadt Leonberg seit einigen Monaten fest, dass die Verrohung der Sprache sowie Beleidigungen und sogar Bedrohungen gegenüber städtischen Mitarbeitenden insbesondere im Bürgeramt, aber auch in den Ortschaftsverwaltungen deutlich zugenommen haben“, berichtet Sebastian Küster, Sprecher der Stadt Leonberg. Doch lässt sich das allein mit den fehlenden Kapazitäten erklären oder damit, dass Leonberg mit rund 50 000 Einwohnern die größte Stadt im näheren Umkreis ist? Offenbar nicht.
„Die Hemmschwelle beziehungsweise der Respekt gegenüber Mitarbeitenden von Behörden ist in den letzten Jahren deutlich gesunken“, stellt auch Jens Schmukal, Sprecher von Ditzingen, fest. „Wir müssen oft als Opfer für die Unzufriedenheit mit Rechtsvorschriften beziehungsweise staatlichen Regelungen und politischen Entscheidungen herhalten.“ Selbst in Orten der Größe von Rutesheim (rund 11 000 Einwohner) Hemmingen (rund 8000 Einwohner) und Heimsheim (rund 5500 Einwohner) erleben die dortigen Bürgermeister ein ähnliches Phänomen. „Insgesamt kann man konstatieren, dass bisweilen der Ton schon rauer geworden ist“, formuliert es Thomas Schäfer, Bürgermeister von Hemmingen.
Nicht nur im persönlichen Gespräch werden die Mitarbeitenden angegangen. „Auch in den sozialen Medien und besonders per E-Mail werden verbale Angriffe vermehrt beobachtet“, sagt Alicia Paulus, Sprecherin von Renningen. Oftmals sei sogar der Bürgermeister direkt das Ziel von Anfeindungen oder Bedrohungen.
Manchmal bleibt es nicht bei Worten
Ein unhöflicher Umgangston ist das eine – aggressives Verhalten, Drohungen oder sogar körperliche Angriffe etwas ganz anderes. Fast jede Verwaltung hat diese Erfahrung schon einmal machen müssen, auch wenn es sich für gewöhnlich um Einzelfälle oder Taten einzelner Personen handelt.
„In ein oder zwei Fällen haben wir auch schon die Polizei hinzugerufen, wenn sich Personen aggressiv, laut oder beleidigend verhalten haben“, berichtet zum Beispiel Thomas Schäfer für Hemmingen. In Mönsheim kam es einmal zu einem „Aggressionsausbruch eines ,nicht Unbekannten‘“, heißt es vom Bürgermeister Michael Maurer. Zudem wurde das Auto eines Mitarbeiters einmal beschädigt, „das wurde ebenfalls zur Anzeige gebracht“.
Der Bürgermeister von Heimsheim, Jürgen Troll, berichtet sogar von einer Morddrohung vor rund fünf Jahren, die von einem Asylbewerber ausging, der einige Zeit später allerdings abgeschoben wurde. In Weissach kam es in der Vergangenheit ebenfalls zu einer Morddrohung im Rathaus. Die betreffende Person ist mittlerweile in staatlicher Obhut. „So etwas kommt glücklicherweise sehr selten vor“, sagt der Bürgermeister Jens Millow. Ein weiterer Weissacher Bürger habe zudem regelmäßig einen „erheblichen Mehraufwand“ bei den Behörden verursacht, teilweise musste die Polizei hinzugezogen werden. „Durch den Wegzug der Person ist es in dem Bereich sehr ruhig geworden.“
Im deutlich größeren Ditzingen sind Gewaltandrohungen im Rathaus durchaus bekannt, in Einzelfällen kam es schon zu Attacken gegen Mitarbeitende der Ordnungs- und Sozialverwaltung. „Insbesondere, wenn für den Antragstellenden oder Betroffenen negative Entscheidungen getroffen werden müssen“, so Jens Schmukal. Und in Leonberg wurden Mitarbeitende im Bürgeramt schon mit Gegenständen beworfen. Bei einem weiteren Vorfall drohte ein Bürger damit, „nach Dienstschluss auf sie zu warten, da er ja wisse, wann die Mitarbeitenden Feierabend hätten“, berichtet Sebastian Küster.
So schützen sich die Rathäuser
Ob präventiv oder als Reaktion auf konkrete Vorfälle: Um ihre Mitarbeiter zu schützen, treffen die Leitungen in den Rathäusern unterschiedliche Vorkehrungen. Ditzingen beispielsweise verfügt über ein Alarmierungssystem für Mitarbeitende im Rathaus. „Mitarbeitende im Außendienst führen einen Notrufknopf mit“, sagt Jens Schmukal. In Korntal-Münchingen wurde präventiv an den Arbeitsplätzen ein Notrufsystem installiert, mit dem in kritischen Situationen per Mausklick Kollegen zur Hilfe gerufen werden können.
Da es in Rutesheim im Besonderen von Schuldnern im Bereich der Kasse zu gefährlichen Situationen kam, wurden die Räume laut der Bürgermeisterin Susanne Widmaier umgehend umgebaut, sodass die Verbindungstüren zu den Nebenbüros jederzeit geöffnet werden können. „Ist eine Kollegin oder ein Kollege allein im Raum, bleibt die Tür geöffnet, bis sie aus Datenschutzgründen geschlossen wird.“
Auch sind alle Beschäftigten, die es wünschen, mit einem akustischen Alarmknopf ausgestattet worden. „Durch die günstige Bauweise unseres Rathauses und die überschaubare Zahl unserer Beschäftigten ist jederzeit gewährleistet, dass Kolleginnen oder Kollegen sofort zur Stelle sind, sobald Schreie oder laute, aggressive Gespräche wahrgenommen werden.“ Die Stadt Leonberg hat sogar einen Security-Service beauftragt, das Bürgeramt während der Öffnungszeiten zu beaufsichtigen, „damit solche Situationen bestenfalls gar nicht erst entstehen“, sagt Sebastian Küster.
Es geht auch anders
Im Alltag sind Vorfälle wie die genannten glücklicherweise selten, in Korntal-Münchingen und Gerlingen beispielsweise sind Fälle von Gewalt bisher noch gar nicht vorgekommen. „Überwiegend ist der Umgangston konstruktiv“, erzählt Sofie Neumann, Sprecherin der Stadt Gerlingen. „In den unterschiedlichsten Bereichen der Stadtverwaltung, vom Ordnungsbereich über den Schwimmbadbetrieb bis zur städtischen Wohnraumvermietung, kam es vereinzelt zwar mal zu Beleidigungen, die jedoch im Nachgang mit den jeweiligen Personen geklärt werden konnten.“ Auch im Rutesheimer Bürgerbüro blieb es bislang ruhig. „Dies liegt aber sicher auch daran, dass wir personell gut ausgestattet sind und die Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen im Vergleich zu anderen Städten sehr schnell erledigen können“, glaubt Susanne Widmaier.
Vielfach ist es ein konstruktives Miteinander
Doch selbst in den betroffenen Kommunen berichten die Rathausvertreter allgemein von einem guten und konstruktiven Miteinander. „Der überwiegende Teil der Bevölkerung weiß den guten Service der Stadtverwaltung zu schätzen und trifft auch den richtigen Ton“, sagt zum Beispiel Alicia Paulus für Renningen.
Auch Jens Millow stellt fest: „Natürlich gibt es mal heiße Diskussionen, diese sind aber selten. Zusammenfassend ist es in Weissach grundsätzlich sehr beschaulich, und wir pflegen einen guten Umgang miteinander.“