Der Tonmeister Ralv Milberg Auf der Suche nach dem richtigen Klang

Ralv Milberg in seinem Reich. Foto: Lg/Max Kovalenko

Der wichtigste Indie-Produzent Stuttgarts, Ralv Milberg, hat sein Aufnahmestudio in einem Hinterhof in Heslach. Hier gehen die prägenden Köpfe der Stuttgarter Musikszene ein und aus – und natürlich die, die es werden möchten.

Stuttgart - In Heslach tanzen die Geister der Vergangenheit durch den Regen. Schon einmal gab es in diesem Hinterhof in der Möhringer Straße einen solchen Regen. Damals nahmen Die Nerven hier gerade ihren Durchbruch „Fun“ auf, badeten nach der Hitze eines Rekordsommers in den erdwärts schießenden Fluten. Das ist sechs Jahre her, die Nerven sind längst eine internationale Kapazität. Zu verdanken ist das auch dem Tontechniker, der hier, hinter einem Sanitärgeschäft, sein exzellent ausgestattetes Aufnahmestudio hat: Ralv Milberg, Empath, Klangforscher, Kaffeetrinker.

 

Wo zuvor eine Dreherei untergebracht war, entstand in den letzten Jahren das Gros jener Werke, das Stuttgart mit harschen, gellenden Produktionen erst den Ruf eingebracht hat, das neue Seattle zu sein. Korrodierender, destruktivistischer Rock gegen Wohlstandslethargie und eine satte Gesellschaft, die den Wert der Kultur nicht anerkennen will. Zuvorderst natürlich Die Nerven, die sich bei ihrem Haus- und Hofproduzenten Ralv Milberg in Stahlgewittern verlustierten.

Die Sache mit den Nerven, sie geht Milberg aber manchmal auch auf selbige. „Mit dem Nerven-Stempel bin ich fast ein wenig gebrandmarkt“, sagt er und das Prasseln des Regens untermalt seine Worte. „Das soll gar nicht abfällig klingen, denn natürlich haben mir diese Produktionen viel gebracht und die Musiker gehören längst zu meinen engsten Freunden; sie sind für mich aber Fluch und Segen zugleich.“ Eine Zeitlang, so Milberg, habe man ihm das Recht abgesprochen, irgendeine andere Art von Musik zu produzieren – „obwohl ich das zuvor jahrelang gemacht habe: Jazz, Filmmusik, Klaviermusik, Ska, Reggae, türkische Popmusik...“

Dann kam „Fun“. Und aus Ralv Milberg wurde über Nacht Stuttgarts „Noise-Papst“. „Ich mag Noise, keine Frage.“ Er hebt die Brauen. „Aber doch nicht ausschließlich.“ Viel lieber fuchst er sich in die verschiedensten Musikstile rein und überlegt, wie er sie am Besten zum Klingen bringen kann. Das Debüt-Album der Stuttgarter Dream-Pop-Ästheten Mayla beispielsweise, entstanden vor einiger Zeit, war da eine mehr als willkommene Abwechslung.

Das Flüchtige zu etwas Fixem machen

Karies, Human Abfall, Kaufmann Frust, Hawelka, Levin Goes Lightly, Bees Made Honey In The Vein Tree – alle pilgern sie zu ihm, weil sie das Besondere suchen. Das Echte in sich selbst und in ihrem Klang. „Ich habe mir wohl mittlerweile einen Namen gemacht und darf relativ frei Schnauze sagen, was mir gefällt und was nicht“, sagt er und holt frischen Kaffee aus der kleinen Studioküche. „Ich gebe auch nicht klein bei, wenn ich ein genaues Bild von einer Aufnahme habe. Mein Bruder pflegt an der Stelle gerne erzürnt zu sagen: Die sind doch schon zufrieden, warum hörst Du nicht auf?“

Doch wo manche Band bereits ihre Sachen zusammenpacken würde, fängt die eigentliche Arbeit für Milberg erst an. Noch drei, wenn es sein muss auch noch sieben weitere Takes, bis er genau das hat, was er will: Eine Band, die irgendwann den Kopf abschaltet und nur noch spielt. Ein nahezu tranceartiger Zustand, bei dem oftmals die Magie entsteht, die man nicht einfach anknipsen kann wie einen Lichtschalter. „In diesen Zuständen wachsen Bands oft über sich hinaus“ weiß er. „Die Nerven hatten mehr als einmal blutige Finger, klebten sie ab und spielten dann einfach weiter.“

Das sieht man ihm nicht an: Er ist ruhig, besonnen und ausgeglichen, erzählt seine Geschichten und Anekdoten in einem wunderbaren Singsang, der selbst fast Musik ist. Ein Tonmeister und Therapeut im Personalunion, mit offenen Ohren für den richtigen Klang und ein ordentliches Miteinander, noch dazu erschwinglich selbst für kleinere Bands: kein Wunder, dass sein Terminkalender überläuft. 70 Wochenstunden seien eher die Regel als die Ausnahme, hört man da, für einen Familienvater sicherlich nicht die leichteste Übung.

Und dennoch lebt er für die Musikproduktion und für den Klang. Gerade hat er sich eine neue Mastering Suite für 40 000 Euro gegönnt, er leitet Kurse und ist Gastdozent. Ralv Milberg nimmt Klang nicht nur ernst. Er will ihn verstehen, ergründen, einfangen und das Flüchtige zu etwas Fixem machen. Mit Timo Hermes hat er seit dem Sommer auch einen Angestellten, den er in die hohe Kunst der Tonmeisterschaft einzuweihen gedenkt.

Noise-Geister der Vergangenheit

Der Ursprung dieser Leidenschaft war die Tonbandmaschine des Vaters und das Kassettendeck des Bruders. Und schon wurde die Waschmaschinentrommel, abgespielt in vierfacher Geschwindigkeit, zum Gabba-Techno-Beat. Bald nach seinen ersten Gehversuchen führte ihn sein Weg in die Jugendhäuser rund um Hemmingen, in denen er sich nach ausufernden Selbstversuchen und Studien bald einen Namen als probater Tontechniker machte, der sogar Jugendhaus-Combos mit einem anständigen Sound ausstatten konnte. Danach: Dorffeste, kleinere und größere Konzerte. Seitdem hat er nicht mehr aufgehört, zu lernen, auszuprobieren, zu basteln und zu experimentieren. Alles für den Klang eben.

Den wollen längst nicht mehr nur Stuttgarter Bands. Mit Feuilleton-Darlings wie Kuhn Fu und Apneu aus Amsterdam waren zuletzt vermehrt überregionale Gruppen bei ihm zu Gast. Was die Zukunft bringt, weiß niemand. Vielleicht nimmt Milberg endlich sein Solo-Album auf. Vielleicht ja auch mal einen richtig großen Pop-Act. Es wäre spannend zu sehen, was Milberg aus einem solchen Job herauskitzelt. Fürs Erste sind es aber weiterhin die Noise-Geister der Vergangenheit, die in diesem Heslacher Hinterhof durch den Sommerregen tanzen.

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