Fellbach - Den großen Traum vom Tunnelbau unter dem Neckar wollen Rüdiger Stihl und seine Mitstreiter noch nicht aufgeben. Mit einer Vorstellungstour durch die Rathäuser der Region wirbt der Unternehmer seit dem vergangenen Frühjahr für seine Idee, mit einem in den Untergrund verlegten Nord-Ost-Ring eine Lösung für die viel beklagten Verkehrsprobleme am Rand des Stuttgarter Kessels zu schaffen. Begeisterung freilich hat die Initiative für einen vierspurigen Bypass für täglich 70 000 Autos und Lastwagen vor Ort eher wenig ausgelöst – was erstens an den offenen Fragen zu der von dem Waiblinger Motorsägenhersteller vorgelegten Machbarkeitsstudie und zweitens an der ungeklärten Finanzierung liegt.
Jetzt, nach einer auch dem Corona-Lockdown geschuldeten Atempause, will Stihl mit einem stellenweise nachgeschärften Konzept einen neuen Anlauf nehmen. Wohl nicht ohne Grund ein knappes halbes Jahr vor der Bundestagswahl und mitten in den grün-schwarzen Koalitionsgesprächen in Stuttgart fand er am Mittwoch beim württembergischen Ingenieurverein ein Podium. Bei der per Online-Livestream aus dem VDI-Haus übertragenen Runde präsentierte der Unternehmer leicht überarbeitete Pläne für den – mit Abstand – längsten Straßentunnel der Republik.
Geblieben ist der Wunsch nach „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“
Geblieben ist bei der als „Landschaftsmodell Nord-Ost-Ring“ apostrophierten Tunnelidee, dass Stihl und seine Mitstreiter den Flächenverbrauch durch die Verlegung der Straße in den Untergrund minimieren wollen. „Wir müssen massive Verkehrsprobleme lösen und wollen gleichzeitig wertvolle Landschaftsräume erhalten“, heißt das bei Stihl. Das vom Dauerstau auf der Neckarbrücke geplagte Remseck soll durch einen Nord-Ost-Ring dem Berufsverkehr entgehen, im von Straßen durchschnittenen Kornwestheim soll für die Spaziergänger eines schönen Tages ein freier Zugang in die umgebende Natur entstehen.
Neu ist bei den Plänen ein Bonbon, das sich die neben Stihl auch vom Elektronik-Konzern Bosch, dem Kabelhersteller Lapp und dem Lasertechnik-Weltmarktführer Trumpf getragene Initiative für den Startpunkt der 10,7 Kilometer langen Trasse zwischen Fellbach und Waiblingen ausgedacht hat: Im Gegensatz zur ersten Version der Machbarkeitsstudie soll nun nicht nur der größte Teil des Nord-Ost-Rings im Boden verschwinden, sondern tatsächlich die gesamte Strecke mit einem Deckel versehen werden.
Der Vorteil der neuen Variante ist aus Sicht von Rüdiger Stihl, dass durch die Verlängerung des Tunnels um weitere 800 Meter oberirdisch sogar ein Flächenplus entsteht. „Teile der derzeit oberirdischen und häufig von Stau geplagten Westumfahrung könnten rückgebaut werden. Das macht einen Zugewinn an Landschaft und wertvollen Böden möglich“, sagt der ehemalige Justiziar der Waiblinger Weltfirma.
Die Verlängerung der Röhre würde noch mal Geld kosten
Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Verlängerung des Tunnels noch mal mehr Geld verschlingt, als der Vorschlag mit der Röhre ohnehin schon kosten würde. Auf 1,6 Milliarden Euro katapultiert der kleine Zusatzdeckel die Kostenschätzung für den tiefergelegten Nord-Ost-Ring. Der für die erste Machbarkeitsstudie verantwortliche Verkehrsplaner Helmuth Ammerl weist darauf hin, dass in der Prognose durchaus Luft ist. Er spricht von einem „Sicherheitszuschlag“ von 20 Prozent, auch Kosten für Planung und fachkundige Begleitung seien in der Schätzung eingearbeitet.
Mit ein Kostentreiber dürfte bei einem Bau auch das Modell sein, das der in der Schweiz lebende Bodenkundler Matias Laustela auch einem Projekt wie dem Nord-Ost-Ring ans Herz legt. Der unter anderem bei einem im Tagbau entstandenen 55-Kilometer-Tunnel der Schweizer Bundesbahnen tätige Experte sieht einen getrennten Abtrag und die anschließende Lagerung von oberen und unteren Bodenschichten als logistisch aufwendig, aber technisch lösbar an. Allerdings müsse nicht nur beim Bau mit auf Stahlplatten fahrenden Kettenbaggern ein hoher Aufwand gelten, auch acht Jahre lange Nachsorge sei nötig: „Da muss man auf die Landwirtschaft zugehen – und einen Verdienstausfall finanziell ausgleichen.“