Der unendliche Flughafen BER Schluss mit dem Mehltaugefühl

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Am Rednerpult steht Andreas Otto, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, und begründet mit Emphase seinen Antrag für ein ganz neues Expertengremium, das nun mal endlich den Bau des Flughafens überwachen soll. Zwei Drittel der Plätze im Plenum sind leer.

Als Wowereits rot-rote Koalition Anfang des Jahrtausends antrat, da wollte sie Schluss machen, Schluss mit diesem Berliner Mehltaugefühl, Schluss mit einer teigigen Subventionsmentalität, mit dieser Mischung aus Großmannssucht und Schaffnwaschon. Delius sagt, es sei doch interessant, dass Wowereit inzwischen manchmal eine Argumentationsfigur verwende wie damals Klaus-Rüdiger Landowsky, Schlüsselfigur im Bankenskandal, der die Hauptstadt ruinierte. Landowsky nannte jeden einen „Antiberliner“, der die Bankenaffäre für schlimm hielt. „Und Wowereit wirft jetzt allen Kritikern vor, nur die Stadt schlecht zu reden.“

Viele Gipfeltreffen haben wenig Erfolg gebracht. Foto: dpa

Gegenüber vom Plenum liegt das Casino. Der Regierende macht gerade eine Pause, einen Tisch weiter sitzt Ole Kreins, verkehrspolitischer Sprecher in Wowereits SPD-Fraktion, Mitglied im Untersuchungsausschuss. Er ist im Stress, drei Rederunden an diesem Tag. Und jetzt noch Fragen zum Flughafen. „Bloß, weil die Journalisten eine Geschichte wollen.“ Dabei findet Kreins eigentlich alles gar nicht so schlimm. Ein Beispiel: „Alle berichten nur von den 22 000 Mängeln auf der Mängelliste. Dass nur 200 davon systemrelevant sind, will keiner wissen.“ Ein anderes Beispiel: „Die Medien behaupten, dass jeder Monat, in dem der Flughafen nicht in Betrieb geht, 17 Millionen kostet, manche behaupten sogar, es seien 35 Millionen. Dabei sind es eher sechs bis neun Millionen.“ Alles Polemik.

Wenn man Ole Kreins eine Weile zuhört, dann hat man irgendwann das Gefühl, er rede von einem Bus, der zehn Minuten Verspätung habe. „Faktisch“, sagt Ole Kreins, „berührt das Thema die wenigsten Menschen in der Stadt. Die Leute regen sich über jede Straßensperrung mehr auf als über diesen Flughafen.“

Berliner Wirklichkeit

Das ist eine sehr präzise Beschreibung der Berliner Wirklichkeit. Zum Flughafen gibt es alle paar Tage einen neuen Aufreger. Und die Stadt winkt müde ab. Die Verantwortlichen haben in den letzten knapp zwei Jahren Sätze gesagt, die einen fassungslos machen könnten – aber stattdessen fallen diese Ungeheuerlichkeiten lautlos wie Daunenfedern zu Boden.

Gerade zum Beispiel hat sich der Siemens-Chef Joe Kaeser zu Wort gemeldet – der Chef jener Firma, die mit der Brandschutzanlage zu tun hat, welche nicht funktioniert. Es sei doch völlig ausreichend, wenn der Flughafen in fünf bis zehn Jahren eröffne. Bloß keinen Stress. Und dieser Tage bekannte Mehdorn, der gerade ein Jahr im Amt ist, dass er immer noch nicht sagen kann, wann etwa „das Ding fliegt“: „Wir werden erst einen Termin nennen, wenn wir mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen können: Ja, das halten wir ein.“ Eindreiviertel Jahre nach der geplanten Eröffnung. Reaktion? „Er hat unser Vertrauen“, sagt Wowereit.

Der Untersuchungsausschuss zum Flughafen ist für diesen Freitag fertig mit seiner Sitzung. Zur anschließenden Pressekonferenz kommt kein Mensch. „Aber“, sagt Martin Delius. „Der Abschlussbericht wird spannend werden.“