„After tonight the Theatre will be shut down permanently“, sagt eine freundliche Stimme zu Beginn der Aufführung am Donnerstagabend. Abwegig ist diese Vision nicht, in Zeiten in denen Kürzungen den Kultursektor treffen. Der Studiengang Figurentheater der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst – HMDK Stuttgart – spielt in den Überresten alter Theaterproduktionen, spielt mit Fragmenten.
Faszination für Poes morbide Fantasie
Dabei bleibt Komik, des finsteren Sujets zum Trotz, nicht aus. Die Faszination für den Untergang, für die morbide Fantasie des Edgar Allan Poe, ist aber zentral. Das Haus Usher, als Bild, darf in sich zusammenfallen, schon ganz zu Beginn.
Das Klangbild dazu, das Rauschen, Knallen, Pfeifen, Scheppern, der finstere Zauber des infernalischen Sturms, entsteht auf der Bühne: Die Studierenden werden zu Geräuschemachern.
Der Erzähler, bei Poe noch namenlos, heißt im Wilhelma Theater natürlich Wilhelm. Er erhält einen Brief von seinem ältesten Freund Roderick Usher, der schwer erkrankt ist, ihn bittet, schnell zu ihm zu reisen, auf sein Anwesen. Ein Schriftzug zieht sich kratzend über ein leuchtendes Papier, zerreißt, eine Marionette schaut aus dem Spalt hervor. Und Wilhelm reitet – auf der Attrappe eines Pferdes, während auf einer Leinwand hinter ihm düsteres Gezweig wie in Fetzen vorüber fliegt.
Die Studierenden lesen Sätze aus Poes Erzählung, beschwören mit ihnen eine Atmosphäre der Dekadenz herauf, brechen sie immer wieder auf. Projektionen schaffen Szenen, teilen die Bühne, Nebel schwebt über dem Boden. Hier leuchtet das Bild einer mechanischen Schreibmaschine, die Kapitelüberschriften tippt – „The Crypt“ beispielsweise, die Gruft, in der Roderick und Wilhelm Rodericks vermeintlich tote Schwester Madeline beisetzen. Madeline aber ist nicht tot; um ihren Zustand zu verdeutlichen verlesen die Studierenden die medizinische Definition der Katalepsie. Und sie lesen Teile aus Poes Gedicht „Das Geisterschloss“ („The Haunted Palace“), während projizierte Handpuppen ein ausgelassen makabres Spiel aufführen.
Spiel mit Versatzstücken
Zoé Broneer, Mara Jawetz, Anna-Maria Shawky, Isabel Schrader spielen unter der Regie von Stephanie Rinke; Kersten Paulsen schuf Bühne und Kostüme, Álvaro Garcia besorgte die Videotechnik, Kalle Kalmbach das Licht.
„Der Untergang des Hauses Usher“ am Wilhelma Theater ist eher Dekonstruktion als Schauermär, ein Spiel mit Versatzstücken, Erkunden eines Motivkreises, und doch dem morbiden Zauber seiner Vorlage ganz verfallen. Wilhelm und Roderick, zwei fast lebensgroße groteske Figuren, sitzen beisammen am Tischchen vor gruseliger Mustertapete, und sprechen vom Unausweichlichen: „Du kannst dem Schicksal nicht entkommen. Wir müssen uns fügen“, röchelt Roderick. „So, das war’s“, sagen die Studierenden des Fachs Figurentheater zuletzt – und spielen doch weiter.