Herr Rapp, Sie können wegen Ihrer Krankheit nicht mehr sprechen. Wir führen dieses Gespräch deshalb schriftlich. Kann ich trotzdem fragen: Wie geht es Ihnen?
Mein Leben hat sich grundlegend verändert. Geistig bin ich topfit, aber ich kann nicht so Sport treiben wie früher. Dafür kann ich mich auf anderes konzentrieren. Ich versuche, das Positive an dieser Krankheit zu sehen.
Das Positive?
Es gibt immer wieder Phasen im Leben, in denen die wirklich wichtigen Themen an die Oberfläche kommen. Ich habe nun viel Zeit bekommen, über Dinge intensiv nachzudenken. Das hat mir gutgetan.
Sie gehen sehr offen mit Ihrer Krankheit um. Wie kommt das?
Ein Teil meines – relativ positiven – Umgangs mit der Krankheit liegt darin begründet, dass ich im Laufe meines Lebens sehr viele meiner Ideen und Visionen umgesetzt oder dies zumindest versucht habe. Dadurch habe ich das tiefe Gefühl, nichts wirklich Wichtiges versäumt zu haben.
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Am Anfang war die Provinz: Siegfried Rapp, Jahrgang 1952, kommt in Echterdingen im Kreis Esslingen zur Welt. In der Grundschule setzt es bisweilen noch Bambushiebe, der Mittelschule soll klassisch eine Lehre folgen. Doch der Junge drängt aufs Gymnasium. Es folgt nach zwei Gewissensprüfungen der Zivildienst in einer Obdachlosenunterkunft. 1974 beginnt Siegfried Rapp sein Studium, er will Lehrer werden. Sinnsucher ist er da schon. Der Student nimmt eine Auszeit, um nach Nicaragua zu reisen, wo das Idol seiner Zeit lebt: Ernesto Cardenal, Priester, Dichter und Revolutionär im Kampf gegen den Diktator Anastasio Somoza. Acht abenteuerliche Monate reist der junge Siegfried kreuz und quer durch den amerikanischen Kontinent, bis er im Februar 1977 am Ziel ist. In Solentiname lernt er den Mann kennen, der wenig später Kulturminister von Nicaragua wird und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.
ALS ist schwer zu diagnostizieren. Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen bemerkbar gemacht?
Anfang September 2020 hatte ich das Gefühl, dass meine Zunge schwerer war als gewohnt. Kurz danach spürte ich Taubheitsgefühle im linken Arm. Es gab viele Untersuchungen, aber erst neun Monate später war es gewiss: Ich habe amyotrophe Lateralsklerose, ALS.
Wussten Sie, was das bedeutet?
Ja. Ich wusste, dass ALS eine der schwersten Erkrankungen ist, die ein Mensch bekommen kann. Stephen Hawking war ja ein prominenter Patient. Und vor ein paar Jahren gab es die viel beachtete Ice-Bucket-Challenge, mit der Spenden für die Forschung gesammelt wurden. Was ich nicht wusste: Es gibt eine besondere Form der Krankheit, ALS bulbär. Bei ihr beginnt der Muskelschwund nicht an Armen und Beinen, sondern im Mund- und Rachenraum. Diese Form habe ich. Dadurch kann ich nicht mehr sprechen, essen und trinken. Arme und Beine kann ich noch immer bewegen.
Sie haben unter anderem Theologie studiert. Hilft Ihnen der Glaube im Umgang mit der Krankheit?
Als Kind und als Jugendlicher hatte ich meine Oma Anna. Sie hat mich bis zu ihrem Tod bedingungslos geliebt und unterstützt. Das gab mir Urvertrauen für das ganze Leben. Die Beschäftigung mit dem Buddhismus hat mich gelehrt, auf meine innere Stimme zu hören und selbstbestimmt zu leben. Mein spirituelles Leben wurde stark geprägt von der Freundschaft mit Ernesto Cardenal. Er formulierte: „Wir sind Sternenstaub.“ Das bedeutet, dass wir alle auf immer, im Hier und im Dort, miteinander verbunden sind. Mit meiner Frau habe ich vereinbart, dass wir uns in der anderen Welt treffen. Wir haben uns dort auch schon an einem bestimmten Ort verabredet.
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Der zutiefst beseelte Reiserückkehrer bringt in Deutschland sein Studium und Referendariat zu Ende. Er ist begeisterter Lehrer, verlegt sich Mitte der 1990er Jahre, nach einem zweiten Studium, aber auf die Erwachsenenbildung. An der Volkshochschule Ludwigsburg ist er unter anderem für Literatur, Theater und Psychologie verantwortlich. Anfang der 2000er Jahre schließlich beginnt er mit etwas, was damals kaum bekannt ist: Mediation. Rapp will Konflikte zwischen Parteien einvernehmlich und außergerichtlich lösen. Die ersten zwei, drei Jahre sind nicht leicht. Doch heute ist sein Ludwigsburger Institut für Konfliktmanagement (Likom) in ganz Deutschland gefragt – unter anderem als Teil des Schlichtungsteams des deutschen Ablegers von Amnesty International. Rapp beschäftigt fünf Mitarbeiter und ist bundesweit über ein Mediatoren-Netzwerk aktiv. Als seine Frau, die Rechtsanwältin Ingrid Hönlinger, 2009 für die Grünen in den Bundestag gewählt wird, geht er mit nach Berlin und arbeitet viel von dort aus. Unter anderem schreibt er Fachbücher.
ALS gilt als nicht heilbar. Wie sieht Ihr Leben seit der Diagnose aus?
Ich benutze jetzt einen Sprachassistenten, der mein Geschriebenes vorliest. Mit meiner Frau unternehme ich täglich einen Spaziergang in der näheren Umgebung. Abends mache ich etwas Gymnastik. Natürlich bin ich viel in Therapie, damit die Symptome der Krankheit gelindert und der Muskelabbau verlangsamt werden. Über Besuche von Freunden freue ich mich sehr, sie wärmen das Herz und beleben den Geist.
Nur ganz wenige Menschen überhaupt erkranken an ALS. Hadern Sie, dass es Sie getroffen hat?
Es schmerzt mich schon, dass ich kein gepflegtes oder ausgelassenes Gespräch führen oder herzhaft in ein Brötchen beißen kann. Die Freude am Leben, am Kontakt mit anderen, am Gespräch waren bei mir immer stark ausgeprägt. Aber ich bin mit meinem Leben völlig im Reinen. Das Vergangene kenne ich, daran ist nichts zu ändern. Das Zukünftige ist noch nicht da, niemand kennt es. Man verliert also lediglich den gegenwärtigen Augenblick. Diese Sicht haben zu können, bewahrt mich vor dem Hadern. Aber manchmal wundere ich mich schon auch, wie ich dieses Schicksal annehme.
Nach der Diagnose beträgt die mittlere Lebenserwartung noch drei bis fünf Jahre. Denken Sie viel an den Tod?
Ja! Und ich habe Angst und bin traurig, weil ich meine Frau, meine Familie, meine Freunde vielleicht viel zu früh verlassen muss. Das tut weh.
Artikulieren Sie das?
Ja, ich lasse diese Gefühle zu. Meine Frau und ich haben bereits eine Grabstätte auf dem Neuen Friedhof in Ludwigsburg erworben, in sonniger Südlage. Und ich habe einen symbolträchtigen Grabstein in Auftrag gegeben.
Haben Sie seit der Diagnose etwas über sich gelernt?
Sehr viel. Bisher habe ich immer nach vorne gelebt. Jetzt habe ich ein Jahr lang intensiv Rückblick auf mein Leben gehalten. Ich bin froh, dass es sich so rund anfühlt. Weniger reden und weniger genießen können – das stärkt jetzt die Achtsamkeit und das Zuhören. Aus bisher Selbstverständlichem wird etwas Besonderes.
Das klingt, mit Verlaub, ziemlich nach Kalenderspruch.
Aber es stimmt, ich empfinde es so. Die Winterwolken, die goldenen Fensterbrüstungen am Ludwigsburger Schloss, das Lachen eines Freundes, das nächtliche Händchenhalten mit meiner Frau: Wenn einfache Momente bewusst wahrgenommen werden, entstehen daraus Glücks-Momente.
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Im Sommer 2019 pflanzt Siegfried Rapp mit einer 17-köpfigen Delegation, darunter zwölf Schüler, in einem zugewucherten Park in Ambato 1000 Bäume. Das Projekt ist Teil der Klimapartnerschaft mit der Stadt in Ecuador, die Rapp initiiert hat. Im Jahr 2014 hat das Land Rapp zum Honorarkonsul ernannt. Als solcher fungiert er von seinem Büro in Ludwigsburg aus als eine Art Notar für die hier lebenden Ecuadorianer, stellt etwa Beglaubigungen oder Vollmachten aus, könnte auch Ehen schließen. Und er macht Ludwigsburg international zu einem Begriff für Umweltschutz. Durch seinen Einsatz etwa nimmt die Stadt 2016 an einer UN-Weltkonferenz in der Hauptstadt Quito teil, oder Experten der Uni Stuttgart unterstützen Ambato bei der Reinigung ihres Abwassers.
Sie haben immer viel mit Menschen gearbeitet. Wie begegnen Ihnen die Menschen in Ihrem Umfeld nun?
Die meisten gehen wie selbstverständlich mit meiner Erkrankung um. Von der Anteilnahme und der aktiven Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis bin ich überwältigt. Eine Nachbarfreundin bereitet mir die leckersten Smoothies, ein Freund praktiziert mit mir Meditation, meine Schwägerin kocht Hühnerbrühe für eine Woche im Voraus. Und viele Freunde und Bekannte aus früheren Zeiten kommen mich besuchen. Diese Unterstützung gibt mir Kraft und berührt mich zutiefst.
Was ist mit Ihrem Mediationsinstitut, arbeiten Sie dort noch mit?
In meinem Homeoffice bin ich in ständigem Kontakt mit Likom. Tätigkeiten, die ich nicht mehr erledigen kann, übernehmen meine Frau und meine Projektleiterin. Das Institut läuft gut weiter. Ich bin sehr glücklich, ein erstklassiges Team zu haben.
Sie sind auch Honorarkonsul von Ecuador. Können Sie das weiterhin sein?
Ja, sehr gut sogar. Ich habe, wie bisher schon, die Unterstützung meiner Frau, die wie ich perfekt Spanisch spricht und viel internationale, auch juristische, Erfahrung hat. Meine Büroleiterin bearbeitet weiterhin alle formalen konsularischen Aufgaben. Und für die protokollarischen oder öffentlichen Auftritte habe ich mehrere Programme, die das, was ich zu sagen habe, in die entsprechende Sprache übersetzen. Außerdem habe ich viel zu viele Ideen, als dass ich aufhören könnte.
Zum Beispiel?
Zusammen mit den liebenswerten Kolleginnen und Kollegen der Deutsch-Ecuadorianischen Gesellschaft entwickle ich zum Beispiel einen „Buen-Vivir-Gutes-Leben-Preis“. Wir wollen hier jeweils einer ganzen Schulklasse eine Projektwoche in der Natur finanzieren. Die nächste Generation soll ihre Schönheit entdecken und erfahren, dass der Mensch Teil der Natur ist. Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, Lösungen zum Leben und Überleben der nächsten Generationen zu finden.
Wenn man sieht und liest, was Sie alles gemacht haben, klingt das, als müsse man nur sein Herz in die Hand nehmen, und dann wird alles möglich. Ist es wirklich so einfach?
Ja! Allerdings sollte man auch den Verstand im Gepäck, einige gute Freunde und viele Schutzengel um sich herum haben.
„Ich sitze am Ufer auf schwarzem Sand / und grabe ins Leere mit ruhiger Hand / Ganz ferne da ragen zwei runde Berge / gütig betrachten sie Menschenzwerge.“ Mit dieser Strophe beginnt eines von Rapps vielen Gedichten, die er während der „Reise seines Lebens“ nach Lateinamerika geschrieben hat. Im ersten, nun erschienenen Band seiner Autobiografie hat er sie abgedruckt. Ebenso wie die Aufzeichnungen aus seinem „geheimen Jugendtagebuch“, in dem es viel um die erste große Liebe geht. Zwei weitere Bände sind in Arbeit. Mit Ernesto Cardenal blieb Rapp bis zu dessen Tod im März 2020 eng befreundet. Ihre erste Begegnung im Februar 1977 hat Siegfried Rapp mit einer Super-8-Kamera gefilmt. Diese Aufnahmen, wie auch die vom Weg dorthin, hat er digitalisieren lassen und seinem Buch beigefügt.
Sie haben begonnen, Ihre Biografie zu schreiben. Ist das Ihre Form, Abschied zu nehmen?
Die Idee dazu hatte ich schon lange gehegt. Corona und meine gesundheitlichen Umstände haben mir die Zeit geschenkt, sie nun Wirklichkeit werden zu lassen. Außerdem sollen die Bücher eher Impulse setzen und sich weniger um mich persönlich drehen.
Wie meinen Sie das?
Freunde haben mich ermutigt, meine Biografie nicht nur im kleinen Kreis zu verteilen, sondern öffentlich zu publizieren. Sie meinten, dass mein Leben spannende und wichtige Impulse für Leserinnen und Leser geben könnte, egal ob sie 20 oder 80 Jahre alt sind. Mit den Büchern will ich Fragen anregen: Wo komme ich her, wo stehe ich, wo will ich hin, was will ich noch tun?
Gibt es etwas, das Sie gerne noch tun würden?
Im äußeren Leben hoffe ich, noch viele „Buen-Vivir-Momente“ mit meiner Frau, Freunden und der Familie erleben zu dürfen. Ich hoffe auf viele Rückmeldungen von Menschen, die meine Bücher lesen, um zu erfahren, was sie daraus für ihr persönliches Leben mitnehmen. Im inneren Leben würde ich gerne noch mehr in der Tiefe erfahren, was der Mensch ist. Dabei hoffe ich, noch gelassener zu werden und noch mehr inneren Frieden zu erreichen.
Gibt es etwas, woran Sie häufig zurückdenken?
Ja, an ein Schlüsselerlebnis als Schüler. Ich hatte die Mittlere Reife abgelegt. Meine Mutter ging mit mir zum Berufsberater. Er sollte herausfinden, ob ich eine Laufbahn als Bankkaufmann, Polizist oder als Beamter einschlagen solle. Der Berater sprach mit mir eine Stunde lang. Danach sagte er zu meiner Mutter: „Lassen Sie Ihren Bub aufs Gymnasium gehen und Abitur machen.“ Ich bin dem Berufsberater bis heute zutiefst mit Dank verbunden.
Und wenn Sie nach vorne schauen: Was soll bleiben?
Von den indigenen Völkern in Ecuador habe ich viel über das Zusammenleben in Harmonie mit den Mitmenschen, der Natur und dem Kosmos gelernt. Wir können nur gut leben, wenn es den anderen Menschen, den Pflanzen, den Tieren und „Pachamama, Mutter Erde“ gut geht. Auf meinem Grabstein werde ich eine Botschaft hinterlassen, die davon handelt. Und über einen Besuch an meinem Grab würde ich mich freuen.
Das Gespräch führte Verena Mayer.
Siegfried Rapp: Visionen leben 1. Vom Liebesbänkle zur Revolution, ISBN 978-3-9812142-6-0, 14,95 Euro, zzgl. Porto, www.winwinverlag.de, Direktbestellung: info@likom.info