Er würde ja gern richtig mitsingen, aber Karl Rossmann fehlen die Worte und die Melodie. Kein Wunder, er ist ja gerade erst angekommen im gelobten Land. In das er eigentlich gar nicht wollte. Die Eltern haben ihn aus Europa verschifft, „ausgesetzt wie eine Katze“, wird Karls Onkel später sagen. Die amerikanische Nationalhymne, die von der Freiheitsstatue mit dem gezückten Schwert angestimmt wird, klingt also ziemlich unharmonisch, sobald Karl Rossmann einstimmt. Ein Menetekel. Es wird ihm nicht gut ergehen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bis von ihm kaum mehr was übrig ist und er nicht mehr Karl Rossmann, sondern „Zero“ ist. Ein Nichts und Niemand.
Das hört sich ziemlich düster an, und tatsächlich ist die Inszenierung von „Der Verschollene“ bei aller Überdrehtheit, die zuweilen auf der Bühne des Alten Schauspielhauses herrscht, die eher beklemmende Wiedergabe eines Niedergangs in mehreren Akten. Was nicht weiter erstaunlich ist, handelt es sich hier doch die Dramatisierung eines Romanfragments von Franz Kafka. Der 1924 verstorbene Schriftsteller war selbst nie in Amerika, hat aber viel über das Land recherchiert. „Der Verschollene“, früher veröffentlicht unter dem Titel „Amerika“, ist ein Stoff, der im nächsten Jahr im Deutschabitur geprüft wird und so auch Schülerinnen und Schüler ins Theater ziehen soll.
Sternchenthema mit sympathischem Helden
Karl Rossmann, der mit 16 Jahren einen Neuanfang in Amerika machen muss, ist ein aufrechter Kerl. Ein bisschen naiv, dem Alter entsprechend, aber durchaus in der Lage sich zu wehren und auf seinem Recht zu bestehen. Aber egal, wo er auch landet – im Haus seines Onkels, im Hotel Occidental, wo er den Lift bedient oder im Haushalt einer durchgeknallten und liebestollen Sängerin, wo er unter drei Dienern der niedrigste ist – überall meint man es schlecht mit ihm. Keiner meint, was er sagt, sondern meistens das Gegenteil. Die Worte tragen nicht, die Umstände sind immer gegen ihn. „Ihr spinnt hier doch alle“, schreit Karl Rossmann wütend, nachdem ihm die Tochter eines angeblichen Freundes und ein Geschäftspartner seines Onkels – oder gar der Onkel selbst? – übel mitgespielt haben. Das mag ihm so zwar vorkommen, aber ist aber doch Teil eines größeren, unheimlichen und rätselhaften Systems, in dem die Logik außer Kraft gesetzt ist.
Lion Leuker spielt diesen Karl Rossmann und seine zunehmende Verzweiflung beeindruckend intensiv: Man würde diesen jungen Kerl gern behüten vor den seltsamen Gestalten, die ihn nicht aus ihren Fängen lassen. Die Regisseurin Catja Baumann, die den Roman auch zum Schauspiel umgeschrieben hat, findet immer wieder eindrückliche Bilder, die Karls Unbehaustheit und Isolation vor Augen führen: Wenn er etwa sehnsuchtsvoll seine Eltern imaginiert, diese hinter ihm wie in einem riesigen Bilderrahmen auftauchen, dann aber höhnisch lachend daraus heraustreten, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
Die Darsteller gehen ins Extrem, das Setting ist konventionell
Die Menschen, denen Karl in Amerika begegnet – vom Heizer auf dem Schiff über den Onkel bis hin zu den Landstreichern, der Oberköchin, dem Oberportier, dem Oberkellner, der Sängerin Brunelda, die wie Königin Salome in roten Schleiern und auf der Treppe wandelt – sie werden alle von vier Männern und zwei Frauen in schnellen Rollenwechseln dargestellt. Victor Tahal ist als eiskalter und undurchschaubarer Geschäftsmann Green genauso überzeugend wie als Häufchen Elend, als er Karl sein Leid als misshandelter Diener der unberechenbaren Brunelda klagt. Was genauso für Lisa Wildmann als ebendiese Femme fatale gilt, die wenige Minuten zuvor noch die warmherzige, aber auch unbelehrbare Oberköchin war.
Sie alle spielen oft bis ans Extrem, wie Klara Pfeiffer, die als Klara den jungen Karl wie aus dem Nichts heraus verprügelt. Diese Ausbrüche ragen umso deutlicher heraus, weil das Setting ziemlich konventionell geraten ist: Mit historisierenden Kostümen im Stil des frühen 20. Jahrhunderts und einem Bühnenbild aus hohen Turmelementen und Treppen, die ständig in Bewegung sind (Kostüme und Bühne: Christian Held). Der Kafka-Roman als Schauspiel: Das ist in der Inszenierung im Alten Schauspielhaus einerseits eine Engführung, weil sie vor allem der Handlung hinterher hetzt – einschließlich einer etwas albernen Umsetzung des vermeintlich hoffnungsfrohen Schlusses, bei dem Karl doch noch eine Stelle im Naturtheater von Oklahoma findet. Dass es Catja Baumann in den rund zweieinhalb Stunden Spielzeit aber immer wieder gelingt, theatrale Bilder für die bedrohliche, rätselhafte Grundstimmung zu finden, macht den Abend sehenswert.
Kafka im Alten Schauspielhaus Stuttgart
Termine
8. bis 13., 15. bis 19., 22. bis 26. und 28. bis 30. November
Karten
unter Tel. 07 11 / 22 77 00 oder unter https://schauspielbuehnen.de/