Der VfB am Scheideweg Von oben abgehängt, von unten getrieben

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Der VfB tritt am Sonntag in Hamburg an. Es ist ein Duell zweier Traditionsclubs mit ähnlichen Problemen. Sie werden zerrieben, sagt der Sportanwalt Christoph Schickhardt.

Bruno Labbadia schaut nachdenklich in die Zukunft. Foto: dpa 30 Bilder
Bruno Labbadia schaut nachdenklich in die Zukunft. Foto: dpa

Stuttgart - Zusammen sind sie jetzt schon 244 Jahre alt. Der HSV wurde 1887 gegründet, der VfB 1893. Zusammen spielen sie auch bereits seit 98 Jahren in der Bundesliga – Hamburg ohne Unterbrechung seit 1963, Stuttgart nur nach dem Abstieg von 1975 bis 1977 nicht. Also treffen am Sonntag zwei klassische Traditionsvereine aufeinander. Das verbindet – sogar was die aktuellen Probleme betrifft, die bei beiden Fußball-Bundesligisten ähnlich gelagert sind. Beide tun sich schwer damit, den Spagat zwischen Vergangenheit und Neuzeit zu bewältigen. Wie ist das eine mit dem anderen in Einklang zu bringen? Und wie soll die Zukunft gestaltet werden? Und was ist die Tradition eigentlich – Fluch oder Segen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich vor dem Duell zwischen dem HSV und dem VfB der namhafte Sportanwalt Christoph Schickhardt (57) aus Ludwigsburg, der sich in der Bundesliga bestens auskennt. Er hat eine Antwort gefunden. „Tradition nützt überhaupt nichts – im Gegenteil, sie erschwert sogar einiges “, sagt Schickhardt.

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Denn Tradition verpflichtet und sorgt dafür, dass die Erwartungshaltung bei Fans, Medien und Sponsoren hoch ist. „Alle denken, wir gehören automatisch immer in den Europapokal“, sagt Schickhardt. Als Folge entsteht schnell Unruhe und somit ein Zustand, der es schwierig macht, Konstanz und Kontinuität in den Club zu bringen. Ein Indikator sind die vielen Trainerrochaden – siehe Hamburg, siehe Stuttgart.

HSV erzielt höhere Werbeeinnahmen

Bei allen Parallelen sieht Schickhardt jedoch auch Unterschiede zwischen den Vereinen. So sei der HSV gegenüber dem VfB strukturell im Vorteil, da er mehr Werbeeinnahmen erziele und sein Stadion seit fast zehn Jahren extrem gut vermarkte, sagt der Jurist, „von der Substanz her zählt der HSV eigentlich zu den Topvereinen in Europa. Und daneben gibt es in Hamburg mehr reiche Leute als in Stuttgart, die den Club finanziell unterstützen.“

Damit wird speziell der Milliardär Klaus-Michael Kühne angesprochen, der kürzlich einige Millionen Euro für die Verpflichtung des niederländischen Stars Rafael van der Vaart zur Verfügung gestellt hat. Allerdings hat das seinen Preis. Nicht nur, dass Kühne an einem Weitertransfer des Mittelfeldregisseurs beteiligt wäre und nun bei Erfolgen der Mannschaft selbst satte Prämien kassiert – er bestimmt jetzt auch die Vereinspolitik ganz entscheidend mit.

Denn sein Geld durfte in keinen anderen Profi als in van der Vaart investiert werden – obwohl die wirtschaftliche Not beim HSV so groß ist, dass in den Gremien unlängst darüber diskutiert wurde, ob man den 100.000-Euro-Etat für das Frauenteam eindampfen müsse. „Der VfB wäre lieber abgestiegen als van der Vaart zu kaufen – und diese Einstellung ist auch richtig“, sagt Schickhardt, der zu dem Schluss kommt, „dass der VfB auf allen Managementebenen besser aufgestellt ist als der HSV, der seinen strukturellen Vorteil nicht mal ansatzweise ausschöpft.“