Christian Schmidt ist normalerweise nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. In diesen Tagen fällt es dem Fanbetreuer des VfB Stuttgart aber schwer, nicht den Überblick zu verlieren. Vor dem ersten Auftritt in der Champions League am kommenden Dienstag (21 Uhr) ist rund um den Club die Real-Madrid-Mania ausgebrochen. Alle wollen in die spanische Hauptstadt, am kommenden Diensttag steht eine Invasion in Rot bevor. „Alle in Rot“, lautet das vom Commando Cannstatt formulierte Motto.
„Es ist schon der Wahnsinn“, sagt Schmidt. 40 000 Kartenanfragen sind beim Club aus Cannstatt eingegangen – nur für das offizielle Kontingent der 4000 Auswärtstickets. So viele Anfragen für ein Auswärtsspiel gab es noch nie, seit Schmidt seine Arbeit beim VfB vor 14 Jahren begonnen hat. Alle Bemühungen seitens des Vereins, mehr als die obligatorischen fünf Prozent zu ergattern, schlugen fehl. Die Bereitschaft des Champions-League-Rekordsiegers, den Deutschen entgegenzukommen, mündete in einem schnöden „No“. Spätestens seit der Invasion Frankfurter Fans beim Gastspiel in Barcelona blickt man in Spanien argwöhnisch auf auswärtige Anhänger. Die Kultur des Auswärtsfahrens gilt in Spanien als nicht stark ausgeprägt.
40 000 Anfragen für 4000 Tickets
Entsprechend hoch sind die Hürden, die Real Madrid beim Verkauf seiner eigenen Tickets gezogen hat. Der Verkauf funktioniert nur über ein spanisches Konto oder über internationale Kreditkarten. Deutsche Bezahlsysteme werden nicht akzeptiert. Findig, wie Fans im Fußballfieber nun einmal sind, haben sie dennoch Mittel und Wege gefunden, an ausreichend Heimtickets zu kommen. Über spanische Bekannte sowie über eine spontan abgeschlossene Mitgliedschaft bei den Madridistas. Das ermöglicht ein Vorkaufsrecht. Was sind da schon 35 Euro?
Was niemand mit Gewissheit vorhersagen kann, ist das, was die Stuttgarter Fans in der spanischen Hauptstadt erwartet. Zwar sind die Eintrittskarten im Heimbereich nicht personalisiert. Auf einen reibungslosen Einlass kann sich dennoch niemand verlassen. Laut Christian Schmidt von der VfB-Fanbetreuung gibt es aus Madrid unterschiedliche Aussagen zu diesem Thema. Sicher ist nur, dass der Weg ins Stadion in VfB-Fankleidung außerhalb des Gästeblocks versperrt bleibt.
Strengen Regularien unterliegen auch all jene, die für die Stimmung bei den Spielen zuständig sind. Die Ultras werden sich in ihrem Tun einschränken müssen. Fahnen sind ein Tabu, von Pyrotechnik gar nicht zu reden. Auch Zaunfahnen müssen vorher genau mit den Gastgebern abgestimmt werden. Was manches nicht einfach macht, wenn der Begriff „Ultra“ in spanischen Stadien verboten ist.
Die spanische Polizei gilt als nicht zimperlich
„Dazu sind wir im Austausch mit Real und den spanischen Behörden“, sagt Schmidt, der in diesen Tagen zu einem Treffen mit Fanvertretern der anderen Champions-League-Teilnehmer und der Uefa in der Schweiz unterwegs ist. Das Zusammenspiel zwischen aktiver Fanszene, Vereinen und der Polizei stößt schon in Deutschland schnell an Verständnisgrenzen. International ergeben sich neue Herausforderungen. Zumal, wenn man weiß, dass die spanische Polizei im Umgang mit Fußballfans nicht lange fackelt. Vertreter der VfB-Ultras äußerten bereits vor der Auslosung ihr Unbehagen vor einem möglichen Auswärtsspiel in Madrid oder Barcelona. Dass es nun so kommt, wird mehr hingenommen als gefeiert. Hingefahren wird freilich trotzdem – viele stilecht mit dem Bus.
Die meisten aber fliegen. Für viel Geld und mit Umwegen über Amsterdam oder Mallorca. Auch Joachim Schmid nimmt die lange Anreise (für viel Geld) in Kauf. „Wenn der VfB im Bernabeu spielt, ist doch klar, dass man dabei sein will“, sagt das Fan-Urgestein vom Fanclub RWS Berkheim stellvertretend für alle Gleichgesinnten. Schmid berichtet von Fans, die fünf Minuten nach der Auslosung Flüge nach Madrid gebucht haben – ohne Aussicht auf ein Ticket. Immerhin ein Drittel aller Kartenwünsche konnte der Fanclub-Vorsitzende erfüllen. Er und viele andere aus der weiß-roten Familie werden sich am Dienstag rund um die Plaza Mayor einfinden und feiern. Ein Fanmarsch zum Stadion ist geplant. Wie viele Fans es am Ende sein werden, lässt sich schwer voraussagen. Die Schätzungen variieren zwischen 10 000 und 25 000. Sicher ist nur: Sie werden für einen kräftigen roten Farbtupfer beim weißen Ballett sorgen.