VfB Stuttgart Die Stunde der Routiniers

Von Dirk Preiß 

Sie haben viel erlebt – und wollen manches nicht mehr erleben: die Routiniers im Kader des VfB Stuttgart. Funktionieren sie derzeit deshalb so gut?

Christian Gentner (li.) und Mario Gomez kennen sich lange – nun wollen sie den VfB gemeinsam zum Klassenverbleib führen. Foto: Baumann
Christian Gentner (li.) und Mario Gomez kennen sich lange – nun wollen sie den VfB gemeinsam zum Klassenverbleib führen. Foto: Baumann

Stuttgart - Mario Gomez war bester Laune – was keinen der Anwesenden wunderte. Schließlich hatte der VfB Stuttgart gerade 3:2 beim 1. FC Köln gewonnen, den Abstand auf die Abstiegsränge womöglich vorentscheidend vergrößert, und der Stürmer war auch noch der Held des Tages. Mit seinen zwei Treffern hatte er die Partie in Müngersdorf noch vor der Pause gedreht. Und so stand er lächelnd da, hatte die Hände lässig am Hosenbund – und wurde dann doch ernst: Dem Manager, meinte er in gespielter Entrüstung, müsse man mal sagen, dass in der Kabine bleiben müsse, was in der Kabine gesprochen wird. Denn Michael Reschke hatte von der Halbzeitpause berichtet.

Der VfB hatte keine guten ersten 45 Minuten gespielt in Köln – das war trotz der schmeichelhaften 2:1-Führung allen Stuttgartern klar. „Der Trainer und der Kapitän haben gute Worte gefunden“, berichtete der spätere Torschütze Andreas Beck. Und Michael Reschke, der Sportvorstand des VfB, zog den Kreis bei seinem Lob noch weiter: „Christian Gentner, Ron-Robert Zieler und Mario Gomez sorgen für Klartext in der Kabine.“

Die Routiniers ergreifen das Wort

Gentner kommt diese Rolle qua seines Amts als Spielführer zu, in Köln redete er schon während der schwachen ersten Hälfte wieder und wieder auf seine Mitspieler ein. „Er ist ein echter Kapitän, das hat er zum wiederholten Male gezeigt“, sagte Reschke. Vor allem aber ist Gentner kein einsamer Mahner – sondern gehört zu einer Gruppe von Routiniers, die den VfB gemeinsam mit dem Trainer Tayfun Korkut derzeit auch abseits des Platzes in sichere Gewässer navigieren. „Viele unserer erfahrenen Spieler haben eine hohe Identifikation mit dem Verein“, sagt der Coach, „dass sie dann auch mal das Wort ergreifen dürfen, ist ganz normal.“ So gewöhnlich, wie Korkut die Lage darstellt, ist sie aber keineswegs.

Schließlich birgt es auch Gefahren, wenn sich Mitglieder einer Gruppe dazu berufen fühlen, anderen auch mal den Marsch zu blasen. Die aktuelle Konstellation beim VfB aber lässt das zu – aus mehreren Gründen.

Zum einen scheint sich die Gruppe der Routiniers untereinander bestens zu verstehen – und zu respektieren. Gentner, Gomez und Beck kennen sich bereits aus früheren Stuttgarter Zeiten. Gomez, Zieler, Dennis Aogo und Holger Badstuber haben sich einst im Nationalteam kennengelernt. Badstuber und Gomez haben beim FC Bayern zusammen gespielt. Alle gemeinsam wollen sie nun vermeiden, dass der VfB Stuttgart mit ihnen noch einmal in eine missliche Lage kommt, die am Ende einen weiteren Abstieg zur Folge haben könnte. Denn wie sich so etwas anfühlt, haben zumindest Gentner (Abstieg mit dem VfB), Zieler (Abstieg mit Hannover 96) und Gomez (Relegation mit dem VfL Wolfsburg) schon leidlich erfahren.

Korkut stärkt die älteren Spieler

„Jeder unserer älteren Spieler hat schon schwierige Momente in seiner Karriere erlebt“, weiß auch Korkut. Persönlich zu glänzen – dieses Ziel steht daher weit hinten auf deren Liste. Wie das Beispiel Mario Gomez zeigt. „Er gibt uns das Gefühl, dass er sich für nichts zu schade ist“, lobt Korkut den Champions-League-Sieger von 2013.

Der Cheftrainer stärkt seinen erfahrenen Kräften zudem mit einer mittlerweile eingespielten Startformation den Rücken. Zieler, Gentner und Gomez sind Fixpunkte im Team, auch für Badstuber hat sich ein Platz (im Mittelfeld) gefunden. Daniel Ginczek, fünftes Mitglied des (von Hannes Wolf übernommenen) Mannschaftsrats, ist mittlerweile ebenfalls Stammspieler. An­dreas Beck ist als Rechtsverteidiger aktuell gesetzt, Dennis Aogo zumindest eine der ersten Alternativen.

Am wichtigsten für das derzeit funktionierende Gebilde ist aber vor allem die Leistung der routinierten Gilde. „Ich habe ja immer gesagt: Die erfahrenen Spieler sollten performen“, sagt Tayfun Korkut, „denn wenn deren Leistung stimmt, hilft das auch allen anderen in der Gruppe.“ Zufrieden stellt der Trainer fest: „Im Moment performen sie.“ Und sollte einer mal patzen (wie Badstuber zu Beginn in Köln), sind genügend andere da, die das auffangen können. So steht der VfB Stuttgart tabellarisch so gut da wie lange nicht mehr. Weshalb auf die fußballerische Führungsriege zwei weitere Aufgaben zukommen.

Das Ziel ist nich nicht erreicht

Zum einen müssen sie mit dafür sorgen, dass unter den zuletzt wenig eingesetzten Spielern kein Frust aufkommt. Noch gilt, was Trainer Korkut am Montag sagte: „Im Moment gibt uns die komplette Truppe das Gefühl, dass sie sehr fokussiert und leistungsbereit ist.“ Aber das kann sich auch ändern. Zudem gilt es, einen aufkommenden Schlendrian früh zu erkennen und zu unterbinden.

Platz neun in der Liga, acht Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz – diese Fakten sollen nicht dafür sorgen, dass sich der eine oder andere schon zu sicher fühlt. „Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht“, mahnt daher Tayfun Korkut. Und der Trainer kann sich sicher sein, dass seine Routiniers ganz ähnlich denken.