Herr Zitzelsberger, beim Klimaschutz sind Sie derzeit der Tempomacher in der IG Metall. Liegt das daran, dass auch Ihre Organisation dieses Thema in der Vergangenheit verschlafen hat?
Ich würde es nicht verschlafen nennen. Die IG Metall hat schon seit Anfang der 1970er-Jahre regelmäßig große Konferenzen zum Thema Umweltschutz abgehalten und bekennt sich klar zu den Pariser Klimazielen.
Beim Thema Klimaschutz fällt einem aber nicht als erstes die IG Metall ein.
Wir haben uns in den vergangenen Jahren in erster Linie um unsere Kernaufgabe gekümmert, die darin besteht, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. In Zukunft müssen wir aber die Bedeutung des Umweltschutzes wieder stärker herausstellen. Für uns als Industriegewerkschaft ist entscheidend, dass sich die Menschen in den Fabriken nicht auf die Seite der Klimaleugner schlagen, denn wir bekommen den Klimawandel nur in den Griff, wenn sich in den Unternehmen sowohl bei den Produkten als auch in der Produktion Grundsätzliches ändert.
Wie wollen Sie Klimaschutz zu einem Thema für die Menschen in den Fabriken machen? Bislang ist er ein Thema für Akademiker – nur 4,5 Prozent der Teilnehmer bei den Fridays-for-Future-Demos geben an, dass sie aus der Arbeiterschicht kommen.
Das kann nur gelingen, wenn wir klarmachen: Leute, die Veränderung kommt. Und zwar unabhängig davon, ob ich als Individuum den Klimawandel ernst nehme oder nicht. Diese Veränderung wird kommen und sie wird brutal sein. Wenn wir wollen, dass der Wandel mit uns, in unseren Fabriken, an unserem Standort passiert, müssen wir ihn nach vorne treiben. Sonst werden wir abgehängt. Um das klarzumachen, ist es auch wichtig, dass die Leute am 29. Juni in Berlin auf die Straße gehen.
Weil Klimademos gerade im Trend liegen?
Nein, weil kein Tag vergeht, an dem uns nicht vor Augen geführt wird, wie gravierend die Folgen des Klimawandels sind. Wenn wir nichts unternehmen, schmelzen etwa Teile der Antarktis , der Meeresspiegel steigt und der Lebensraum von Millionen Menschen ist bedroht. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Die Anzeichen, dass wir aufgrund der Erderwärmung existenzielle Probleme bekommen, nehmen jeden Tag zu. Darum setzt sich die IG Metall dafür ein, dass sich unsere Industriepolitik künftig viel stärker nach dem Klimaschutz richtet als bislang. Wir müssen unsere Produkte und unsere Produktion auf CO2-Neutralität trimmen.
CO2-Neutralität bedeutet den Abschied von vielen Technologien, auf denen der Wohlstand in Baden-Württemberg basiert, wie zum Beispiel der klassische Verbrennungsmotor. Dem Getriebebauer wird wichtiger sein, wie er seine Familie die nächsten zehn Jahre ernährt als die Frage, wie das Land seine Klimaziele erreicht.
Das ist mehr als nachvollziehbar und es ist unser Kernanliegen , dass die Arbeitsplätze im Land weiterhin sicher sind. Darum kritisiert die IG Metall beispielsweise die Vorgehensweise bei den Klimavorgaben der Europäischen Union. Ab 2021 darf der CO2-Ausstoß für die gesamte europäische Flotte im Durchschnitt nur noch bei 95 Gramm pro Kilometer liegen und bis 2030 müssen die Hersteller die CO2-Werte ihrer Flotte um weitere 37,5 Prozent senken. Diese 37,5 Prozent sind aber Folge eines politischen Kuhhandels und kein nachvollziehbares Ergebnis der Debatte wie diese Absenkung gelingen soll.
Alle Autohersteller arbeiten jetzt mit Hochdruck an ihrer E-Offensive. Daimler will seine Neuwagenflotte bis 2039 klimaneutral machen. Hätten sich die Autobauer auch ohne diese Vorgaben und die Androhung drakonischer Strafen so stark bewegt?
Ich bin nicht gegen ambitionierte Ziele. Sie springen mir nur zu kurz. Diejenigen, die die Normen setzen, müssen sich doch mit den Menschen aus der Praxis zusammensetzen und besprechen, was in welcher Zeit möglich ist. Im Übrigen glaube ich schon, dass sich Daimler auch ohne die EU bewegt hätte. Für die deutsche Autoindustrie geht es nicht nur um die Einhaltung der EU-Vorgaben, sondern auch um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Ich komme gerade aus China. Im Vergleich zu der Dynamik, mit der China die Arbeit an alternativen Antriebsformen vorantreibt, wirken unsere Bemühungen teilweise wie Jugend forscht. China ist ein gigantischer Treiber von Veränderung. Wenn Baden-Württemberg mit seinen Produkten im Weltmarkt weiterhin an der Spitze mitspielen will, braucht es eine viel stärkere Dynamik, damit wir den Anschluss nicht verpassen.
Ist es ein Widerspruch, wenn Sie einerseits fordern, die Industriepolitik müsse sich jetzt schneller nach den Belangen des Klimaschutzes orientieren und andererseits die EU-Vorgaben kritisieren?
Weniger als Vorgaben brauchen wir Antworten auf die Fragen, wie genau die Verkehrswende mit hoher Geschwindigkeit umsetzbar ist und welche konkreten Maßnahmen dafür getroffen werden müssen. Die 37,5 Prozent heißen für Premiumautohersteller , dass mindestens die Hälfte ihrer Flotte voll- oder teilelektrifiziert sein muss. Da wäre es einfach angebracht gewesen, dass sich die Politiker mit den wesentlichen Verantwortlichen über die Folgen auseinandersetzen. Die IG Metall hat ermittelt, dass durch die CO2-Ziele der EU 150 000 Jobs verloren gehen könnten. Das lassen wir nicht zu. Wir fordern, dass auch die Komponenten für die Mobilität der Zukunft in unseren Fabriken entwickelt und produziert werden. Die Innovation muss hier stattfinden
Selbst bei hoher Fertigungstiefe werden bei der Produktion von Elektrofahrzeugen aber weniger Beschäftigte benötigt, da sie nicht so komplex aufgebaut sind.
Darum brauchen wir Alternativen und müssen die Menschen für diese Alternativen qualifizieren. Die Politik und die Wirtschaft müssen die Zusage treffen, dass wir bei dieser Veränderung niemanden auf der Strecke lassen.
Das sagt sich immer so leicht. Aber man wird doch aus einem Getriebebauer nicht von heute auf morgen einen studieren Softwareexperten machen. Im Moment hat man den Eindruck als würden die Firmen diese IT-Fachkräfte vor allem im Ausland finden.
Das muss aber nicht so bleiben. Es gibt durchaus positive Beispiele. Ein großes Unternehmen, dessen Name ich noch nicht nennen darf, bietet derzeit allen Beschäftigten vom Produktionsmitarbeiter bis zum Angestellten an, sie zum Softwareentwickler auszubilden. Das sind einzelne Leuchttürme, die aber zeigen, dass man die Menschen mitnehmen kann. Ja, es ist ungewöhnlich, wenn aus einem Maschinenarbeiter im Laufe seines Berufslebens ein Softwareexperte wird, aber so ein Weg ist denkbar.
Sie befinden sich als IG Metall aber schon in einem Spannungsverhältnis, wenn Sie Klimaschutz einerseits und Beschäftigungssicherheit andererseits fordern, oder?
Klar. Aber das ist doch auch unsere Aufgabe, in Spannungsverhältnissen nach Lösungen zu suchen. Noch mal: Ob die IG Metall es will oder nicht. Die Arbeitswelt wird sich verändern. Und uns ist daran gelegen, dass diese Veränderung mit unseren Beschäftigten passiert. Das betrifft nicht nur die Autoindustrie, sondern viele Branchen. Trotzdem kümmern sich viele Betriebe nach wie vor nicht oder zu wenig um ihre Zukunftsfähigkeit. Diese Betriebe wollen wir aufrütteln. Denn Ökologie und Arbeitsplätze stehen nicht im Widerspruch zueinander– im Gegenteil: Wenn wir den Wandel jetzt angehen, können durch innovative, ökologische Produkte und Produktionsweisen auch neue Jobs entstehen.
Jetzt klingen Sie wie der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Ich klinge schon allein wegen meines badischen Dialekts ganz anders. Aber im Ernst: Ich sage deutlich, dass wir uns intensiver um den Klimaschutz kümmern müssen, aber nicht indem wir uns einschränken und ein Nullwachstum anstreben. Wir brauchen einnachhaltiges , ökologisches Wachstum. Wenn wir von nun an , nur noch Tofu essen und Fahrrad fahren, wird der Wohlstand dieses Landes unter die Räder kommen. Die einzige Chance unseres Industrielandes Baden-Württembergs ist, dass wir unsere Industrie so umbauen, dass sie den Anforderungen des Klimaschutzes so schnell wie möglich entspricht.