Der Weg aus dem Gefängnis Yoga gehört hinter Gitter

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Dieter Gurkasch, ein verurteilter Mörder und Gewaltverbrecher, hat 25 Jahre im Gefängnis gesessen. Durch die Meditation fand er den Weg heraus aus Hass und Gewalt. Jetzt hat der Hamburger ein Buch geschrieben – und eine Mission.

Dieter Gurkasch hat sich durch die Meditation verändert Foto: privat
Dieter Gurkasch hat sich durch die Meditation verändert Foto: privat

Hamburg - Der Mann scheint zunächst einmal eine Zumutung zu sein: Voll mit Drogen, sprang Dieter Gurkasch bei einem Raubüberfall 1985 einer 55 Jahre alten Kioskbesitzerin, die wimmernd am Boden lag, mit beiden Füßen auf den Kopf – er bekam 13 Jahre wegen Mordes. Aus dem Knast brach er aus, wurde gefasst, mischte dann bei einer Revolte mit und saß deshalb jahrelang in Isolationshaft. Nach seiner vorzeitigen Entlassung 1996 machte er weiter, wo er aufgehört hatte: Drogengeschäfte, Diebstähle, Waffenhandel, Raubüberfälle. Zu stoppen war Gurkasch erst ein gutes Jahr später durch eine wilde Schießerei mit der Polizei – weitere zwölf Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Doch heute ist er ein freier Mann, läuft gerne in weißer Kluft herum und spricht von Licht und Liebe. Was soll das?

„Klar, als Mörder könnte ich den Rest meines Lebens mit gesenktem Kopf herumlaufen“, sagt Gurkasch, heute 51 Jahre alt. „Aber wem würde das etwas bringen?“ Mit seiner Schuld müsse er leben, die Taten könne er nicht ungeschehen machen. „Ist es nicht trotzdem besser, wenn ich versuche, für andere Gefangene und Kriminelle ein Vorbild zu sein?“ Er habe sich geändert, Wut und Hass hinter sich gelassen. „Und wenn einer wie ich sich ändern kann, dann kann das jeder.“

Zweimal war er fast tot – dann machte es klick

Zunächst musste Dieter Gurkasch allerdings erst einmal sterben, um zu leben – zweimal, um genau zu sein. Das erste Mal setzte sein Herz aus, als er am 9. Juli 1997 spätabends nach der Schießerei mit der Polizei verblutend auf der Hamburger Emmastraße lag. Eine Notärztin belebte ihn wieder. Ein zweites Mal starb Gurkasch auf dem Operationstisch im Universitätskrankenhaus Eppendorf. Dort haben die Ärzte sein frei liegendes Herz massiert und ihn so ins Leben zurückgeholt, schreibt er in seinem Buch „Leben Reloaded“, das gerade erschienen ist. Danach habe sich etwas verändert: „Ich konnte einfach nicht mehr so hassen, nicht mehr so wütend werden“, berichtet er, und dass er eine immense Kraftquelle –  den Hass – verloren habe.

Warum so viel Wut und Gewalt in ihm gewesen ist, kann Gurkasch heute im Rückblick nicht so recht erklären. Seine Kindheit war bürgerlich und behütet, vielleicht nicht immer so liebevoll, wie er es sich gewünscht hätte. In ihm sei der Irrglaube gewachsen, dass er nur geliebt werde, wenn er stark sei, sagt er. Als Jugendlicher bekam er von einem Arzt Beruhigungsmittel verschrieben, weil ihn die Bäckerlehre zutiefst frustrierte – der Einstieg in die Drogensucht. Heute schreibt Gurkasch von „hypnotischen Scheißegal-Tabletten“. Drogen, eine kaputte Beziehung zu einer wesentlich älteren Frau, die falschen Bekannten und die ersten Überfälle bildeten den Humus, auf dem eine blutige und tödliche Episode Hamburger Kriminalgeschichte wucherte.