Der Leichtathlet Guido Müller, Ehrenmitglied bei Salamander Kornwestheim, ist amtierender Weltsportler der Senioren. Und er hat noch immer Ziele.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Kornwestheim - Vierhundert Meter sind vierhundert Meter, eine Stadionrunde. Aber das sagt nur, wer nicht läuft. Man läuft nämlich niemals dieselben vierhundert Meter und schon gar nicht, wenn auch noch Hürden auf der Bahn stehen, zehn Stück, um genau zu sein, dann das Ziel.

 

Guido Müller hat damals einmal hochgeschaut, als er über die letzte Hürde drüber war, das war in Berlin, wo die letzten Tickets gelöst wurden für die Olympischen Spielen in Tokio 1964. Deutschland, gerade frisch geteilt, trat, obwohl längst konfrontiert unter den Ländernamen BRD und DDR, absurderweise noch einmal als gemeinsame Mannschaft an. Es gab deshalb viele 400-Meter-Hürdenläufer aus Ost und West, viele gute, aber Guido Müller hatte sich keine Sorgen gemacht. Er kam als Dritter von den westdeutschen Meisterschaften, er war 51,3 Sekunden gelaufen, der Vorlauf ging locker vorbei. Er hatte kürzergetreten kurz vor dem Ziel. Kraft gespart, dachte er.

Müller bekam die Außenbahn im Finale, Bahn sechs, das war ein bisschen ungünstig. An der 200-Meter-Marke stand ein Freund, der hat reingerufen: „Gleich“, also gleichauf. Drei kamen mit nach Japan. Alle hatten noch Chancen. Müller hat sogar gedacht, dass er vorne liegt, dass er führt. Dann hat er hochgeschaut, nach der letzten Hürde. „Und die Meute war vorbei.“ Er ist dann weitergelaufen, „mit letzter Kraft“. Die Zeit war gut: 51,3, seine Bestzeit, der Abstand minimal, aber eben ein Abstand. Müller war Fünfter und „traurig, enttäuscht“. Kein Tokio.

Die traurigen Geschichten des Sports

Die anderen schauten nach vorne, die „Kameraden und der Verband“. Vom DLV kam nichts, „kein Brief, kein Trost.“ Müller sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in München-Waldtrudering, ein Körper wie eine lange Sehne, und zieht unwillkürlich an den Knien ein wenig an seiner Hose. Aber da sind keine Falten. „So ist der Sport“, sagt er.

Der Sport ist oft so, dass er dem Sieger, wie der Sieger meint, in einem Augenblick alles schenkt, den ganzen Lohn. Aber dann kommt das Leben, ein paar Augenblicke später, und nimmt dem Sieger einfach eine ganze Menge wieder weg. Bei John Akii-Bua, dem außer Edwin Moses vielleicht berühmtesten 400-Meter-Hürdenläufer im 20. Jahrhundert, ist das so gewesen. Keiner, der den Lauf gesehen hat, wird je vergessen, wie Akii-Bua aus Uganda in München bei den Spielen 1972 über die Bahn geflogen ist. Es war Sommer, und Akii-Bua war leicht, ganz leicht, er tanzte mit den Hürden und sprang ins Ziel, er lief Weltrekord mit 47,82 Sekunden, und dann küsste er die Medaille, wie noch kein Mensch vor ihm eine Medaille geküsst hatte: diesen Kuss der ganzen Welt. Vier Jahre später wurde John Akii-Bua – in Uganda herrschte der Schlächter Idi Amin – inhaftiert. Amin war Muslim, wie er vorgab, jedenfalls hasste er die Christen. Akii-Bua war Christ. Er konnte nach Deutschland fliehen und trat sogar nochmal für Uganda 1980 in Moskau an, als der Westen die Spiele boykottierte. Akii-Bua schied im Zwischenlauf aus. Dann ging er, Amin war tot, zurück in sein Heimatland. 1997 starb John Akii-Bua in Kampala an Magenkrebs. Das ist eine der traurigsten von vielen traurigen Geschichten im Sport.

Jugendmeister mit 51,6 Sekunden

Guido Müllers Geschichte hingegen ist eine der glücklichsten von etlichen glücklichen Geschichten im Sport. Allerdings sah es im Sommer 1964 in Berlin nicht unbedingt danach aus, als könne eben dieser Sport Müller noch einmal geben, was er sich ursprünglich von ihm versprochen hatte.

Vom Spätentwickler zum Rekordjäger

Guido Müller ist im Dezember 1938 in Stuttgart geboren. Der Vater kommt aus Heilbronn, es ist seine zweite Ehe, er hat schon vier Kinder. Die Mutter stammt aus Riedlingen, schafft beim Tritschler am Markt. Die Familie – es gibt noch einen zwei Jahre älteren Bruder, der 1998 gestorben ist – zieht nach Kornwestheim. Guido Müller geht aufs Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart. Es ist nicht die Intelligenz, an der es ihm mangelt, als er mit 14 dort aufhört, sondern etwas anderes, etwas Unbestimmtes, er kann es sich auch heute noch nicht richtig erklären: „Vielleicht, weil ich keine Lust mehr zum Lernen hatte“, sagt er.

Der Vater ist zu alt, um ihm reinzureden. Guido Müller bleibt die Schuhfabrik Salamander. Arbeiterlehre, Milieuwechsel. „Das war ein Abstieg“, sagt er. Aber er lernt das ganze Haus kennen, „von der Pike auf“, und er geht seinen Weg, lernt alles übers Leder, entwickelt neuen Ehrgeiz. Dabei hilft ihm der Sport, den er mit elf Jahren anfängt, als er vor der Haustür der Müllers im südlichen Kornwestheim ein paar Jugendliche auf der Aschenbahn trainieren sieht: Start, Sprint, Stopp. Start Sprint, Stopp. Nach jedem Training läuft die Gruppe noch eine Runde, und Guido Müller, der Kleine, als Typ ein Spätentwickler, wie er heute sagt, merkt, dass ihm die Strecke liegt, die Runde, vierhundert Meter. 1956 wird er Württembergischer Jugendmeister mit 51,6 Sekunden. Guido Müller weiß alle seine Zeiten auswendig.

6.40 Uhr Arbeitsbeginn bei Salamander. 16.30 Uhr Arbeitsschluss. Und dann ist Guido Müller zum Training, zweimal die Woche, „ha ja!“ . Er wird jetzt Dauerabonnent auf den Württembergischen Meistertitel, hat aber die Hürden im Auge. Alle raten ab: „So steif, wie du bisch!“ Aber Müller will, und wenn man am Ende seine ganze Geschichte kennt, weiß man wieder, dass der Glaube Berge versetzen kann oder Hürden bezwingen. „Kannst du tanzen?“, fragt sein Trainer. Und Guido Müller kann: 53,7; 51,3, Olympiakader, Förderung – und immer den Blick nach Fernost gerichtet. Dann kommt Berlin – und kein Tokio.

Wiedereinstieg mit 43 Jahren

Müller hat Glück im Unglück. Er geht für die Firma nach New York und bleibt zwei Jahre in den USA. Auf der Rückreise lernt er seine Frau kennen, eine Münchnerin. Gemeinsam gehen sie, Müller wiederum für Salamander, nach Italien, gemeinsam bauen sie ein Haus in Waldtrudering, wo sie 1975 einziehen. Gemeinsam machen sie sich selbstständig: Müller wählt die Kollektionen aus, seine Frau übernimmt das Büro. Sie arbeiten viel. Und der Sport? Macht Pause. Manchmal ein bisschen Alibijoggen, aber kein Training, keine Wettkämpfe. Hat ihm da was gefehlt? „Zwölf Jahre lang nicht viel“, sagt Müller, der in dieser Zeit, 1,80 Meter groß, zehn Kilo drauflegt.

Ein neuer Anlauf mit 30 Jahren

Dann nimmt er buchstäblich einen neuen Anlauf und schaut beim Training der Seniorenabteilung vom TSV Vaterstetten vorbei. 1981 ist das, Müller ist Altersklasse M 45, wobei so etwas wie Alterssport, und in der Leichtathletik ist man mit 30 Jahren schon alt, noch keinen nennenswerten Zulauf hat. Müller wechselt den Lebensmodus. Anfangs schummelt er sich über die Hürden, aber dann hat er den Rhythmus wieder, kann wieder tanzen: 1983 stellt er bei den deutschen Meisterschaften in seiner Altersklasse zunächst Rekorde über 200 Meter und 400 Meter flach auf. 1984 kommt der erste Weltrekord in Brighton dazu. Mittlerweile hält Müller, nun 76 Jahre alt, über 300 und 400 Meter Hürden alle Weltrekorde zwischen Männer 45 und Männer 75, das ergibt zusammen ein Dutzend. Anfang der achtziger Jahre ist Müller durch viel Training wieder ein relativ junger Mann mit guten Zeiten, nur seiner Frau mag das alles nicht immer so recht gefallen: „weil die Muße zum Zusammensein dann doch fehlt“. Gleichwohl fährt sie meistens mit, wenn ihr Mann meldet.

Die Konkurrenz im Übrigen wird mehr, wiewohl nicht besser. „Mal sind sie da verletzt und mal dort“, sagt Müller. Das ist ihm erspart geblieben. Einmal wurde er an der Achillessehne operiert, die aber noch nicht mal gerissen war, einmal am Sprunggelenk, gute Gene. „Ein Geschenk Gottes“, sagt Guido Müller. Und er trinkt schon gerne Wein, doch in Maßen. Alle zwei Tage ist Training, und danach horcht er hinein in seinen Körper. Was kann er noch, was darf Müller von ihm verlangen?

Noch immer ist er nicht am Ziel

Er hat keinen Trainer. Dass im Alter die Zeiten schlechter werden, kann er sich auch selber sagen. Sein Handbuch ist die Kladde, jeder Meter, jedes Training, zwei Stunden in der Regel, wird aufgezeichnet. Sein letzter ständiger Coach war bei Salamander, wo Müller inzwischen Ehrenmitglied ist. Er ist dreifacher Europäischer Seniorenathlet und Best Male Master Athlet, also Weltsportler der Senioren, vergangenen Monat war die Auszeichnung in Monte Carlo.

Große Frage natürlich: wen besiegt Guido Müller eigentlich immer, wenn die anderen nach dem Finale sagen „du, ich war Erster“ – Pause – „hinterm Guido“?

Es ist das erste Mal während des langen Gesprächs, dass Müller, ein hellwacher Mann auch jenseits der Bahn, zögert, bevor er antwortet. Dann sagt er: „Mich, weil ich mein Potenzial in der Jugend nicht ausgeschöpft habe. Ich habe zu früh aufgehört.“ Umgedrehte Frage: Denkt er auch schon mal ans Schlussmachen? Solange es läuft, eher nicht. „Wettkampfmäßig“, sagt er, sei er jetzt besser vorbereitet als am Anfang seiner Laufbahn, und niemals schaue er mehr nach rechts oder links – oder gar hoch hinter der letzten Hürde wie damals in Berlin. Das geht ihm schon öfter durch den Kopf, ja, oft sogar. Guido Müller, Rekordmann und Lebensgewinner, ist noch nicht am Ziel.