Der Whistleblower veröffentlicht seine Biografie Edward Snowden – eine Chronik der Ernüchterung

Edward Snowden würde gerne in seine Heimat zurückkehren. Foto: AFP/Lotta Hardelin

Im Buch „Permanent Record“ beschreibt der Whistleblower seine Geschichte hinter den Enthüllungen

Washington - Auf der Zielgeraden, kurz vor der Flucht nach Hongkong, gab es eine Schrecksekunde. Da hatte Edward Snowden längst beschlossen, die Welt über die Lauschoffensive der NSA ins Bild zu setzen. In einem Betonbunker auf der Pazifikinsel Oahu sammelte er Geheimdokumente. Etliche speicherte er, um sie zu sortieren, auf ausrangierten Computern. Und als er einen dieser Computer zu seinem Schreibtisch schleppte, hielt ihn ein Vorgesetzter auf dem Flur an, um zu fragen, wozu er diese alte Maschine brauche. „,Um Geheimnisse zu stehlen‘, antwortete ich. Dann haben wir beide gelacht.“

 

Er habe mal für die Regierung gearbeitet, schreibt Snowden in seiner Autobiografie, heute arbeite er für die Öffentlichkeit. Fast drei Dekaden habe er gebraucht, um zu begreifen, dass sich das eine vom anderen unterscheide. Diese Erkenntnis, fügt er mit ironischem Understatement hinzu, habe ihm ein klein wenig Ärger im Büro eingetragen. „Permanent Record“ ist, wenn man so will, eine Chronik der Ernüchterung, der Wandlung eines technikbegeisterten Hackers zum Whistleblower. Sie beginnt mit dem Sechsjährigen, der im Elternhaus in Elizabeth City in North Carolina die Digitaluhren an Herd und Mikrowelle verstellt, damit er abends länger fernsehen kann. Als Ed Snowden acht Jahre alt ist, bringt sein bei der Küstenwache beschäftigter Vater einen Computer mit, einen Compaq Presario 425. „Von dem Augenblick an, in dem er auftauchte, waren der Computer und ich unzertrennlich“, schreibt er. Mit zwölf verbringt Snowden jede freie Minute vorm Bildschirm: Während die reale Welt nervt, allen voran die Schule, die aus seiner Sicht keinen Widerspruch duldet und kaum Freiräume zulässt, wird das Internet zum Zufluchtsort – Baumhaus, Festung und Klassenzimmer in einem.

Unter dem Schock des 11. September 2001 meldet sich Snowden freiwillig zur Armee

Einmal klärt das heranwachsende Genie die Forscher des Atomlabors in Los Alamos über eine digitale Schwachstelle auf, offen wie ein Scheunentor, leicht zu passieren für potenzielle Angreifer. Der Mann, der anruft, um sich zu bedanken, kapiert erst nach und nach, dass er es mit einem Teenager zu tun hat – bevor er ihm einen Job anbietet, sobald er volljährig ist.

Unter dem Schock des 11. September 2001 meldet sich Snowden freiwillig zur Armee. Zum einen will er Vergeltung üben, zum anderen will er, der Individualist, „Teil von etwas sein“. Bei einem Sturz verletzt er sich so schwer, dass er den Militärdienst quittieren muss. Er wechselt zur CIA, die ihn ins Ausland schickt, nach Genf. In aller Regel arbeitet er, der besseren Tarnung wegen, für private Auftragnehmer, die eng mit den Geheimen verbandelt sind. Nach Tokio beordert, bekommt er, eher durch Zufall, eine Ahnung davon, in welchem Maße das Internet zu Überwachungszwecken missbraucht werden kann.

Im Juni 2013 veröffentlicht er sein Wissen über die Überwachungspraktiken des CIA

Ein Top-secret-Symposium soll sich mit der Cyberoffensive Chinas befassen, Snowden muss als Sachkundiger einspringen. In der Nacht vor seinem Auftritt liest er vertrauliche Berichte über Programme, mit deren Hilfe die Regierung in Peking die Kommunikation von mehr als einer Milliarde Chinesen elektronisch kontrolliert. Die Perfektion trifft ihn wie ein Schlag. Als er darüber nachdenkt, stellt er sich die Frage, die ihn zum Whistleblower werden lässt. Wenn die Amerikaner so viel über die chinesischen Praktiken wissen, liegt es womöglich daran, dass sie sich ähnlicher Praktiken bedienen? Weltweit?

Vom Moment akuten Zweifels, so schildert es Snowden, führt eine Linie nach Hongkong, wo er Journalisten des „Guardian“, der „Washington Post“ und der Filmemacherin Laura Poitras im Juni 2013 übergibt, was er über die Maschinerie der NSA weiß. Im Übrigen, erzählte Snowden dem US-Sender CBS, würde er gern zurückkehren in seine Heimat. In Moskau wäre er nicht stecken geblieben, hätte die Obama-Regierung auf seiner Reise ins Asyl nach Ecuador seinen Pass nicht für ungültig erklärt. „Doch wenn ich vielleicht den Rest meines Lebens hinter Gittern verbringe, dann müssen wir uns wenigstens auf eines einigen: Dass ich ein faires Verfahren bekomme.“

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