„Tarzan“ in Stuttgart Lukas aus Ludwigsburg spielt in Musical mit

Lukas (Zweiter von links) mit den anderen Kindern bei der Probe Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Lukas Czimbaras aus Ludwigsburg probt mit Jungs seiner Altersklasse die Rolle des kleinen Tarzan im Stuttgarter Disney-Musical. Für den zierlichen Zehnjährigen erfüllt sich der Traum vom Fliegen.

Aiaaiaaaaaaaaaaa! Wuhhh, wuhhh, wuhhh!“ Archaisch klingende Schreie mischen sich in ohrenbetäubende Trommelklänge. Wie wild geworden fuchteln fünf Kinder mit den Armen, gehen immer wieder in die Hocke, springen hoch und intonieren dieses „Wuhhh“. Vor ihnen ist Thomas Hirschfeld mit ebenfalls gespreizten Beinen in die Hocke gegangen, feuert die Jungs an.

 

Der große Probenraum im Stage Palladium Theater Stuttgart. Das Warming-up. Der Kindercoach des Musicals „Tarzan“ gibt die Kommandos. „Etwas höher, schön die Arme schwingen“, ruft Hirschfeld. Die Übungen im Sekundentakt haben es in sich. Aber die Acht- bis Elfjährigen sind Konditionswunder. Fast jeder Erwachsene würde wohl schlappmachen. Spätestens beim Affenmove auf allen vieren. Die jungen Dschungelbewohner haben die Bewegungen voll drauf, angetörnt von den rhythmischen Trommelwirbeln. Auf dem 20 Meter breiten, hellblauen Bühnenteppich geht es etliche Male rauf und runter. Bis Hirschfeld in die Hände klatscht. „Gut gemacht. Trinkpause.“

Zehn Jungs werden Tarzan

Nach zwei Castings sind zehn Jungs ausersehen, in der neuen Disney-Produktion den jungen Tarzan zu spielen. Vier weitere halten sich zu Einsätzen bereit. Klar, immer nur einer von ihnen wird Teil des Bühnenspektakels sein. Trainiert wird zeitweise in Fünfergruppen. Einer davon ist Lukas Czimbaras aus Ludwigsburg-Oßweil. „Ein zarter, dennoch ein athletischer Typ“, wie seine Mutter sagt. Er wurde zunächst aus mehr als 200, danach unter 80 Bewerbern ausgesucht.

Lukas ist Disneyfan. Das Musical „Der König der Löwen“ hat er als Fünfjähriger gesehen. Zuletzt drei Vorstellungen seines Lieblingsmusicals „Tanz der Vampire“. „Meine Mama hat mir dann während der Show zugeflüstert, dass ein kleiner Tarzan gesucht wird, und gefragt, ob ich mitmachen möchte“, erzählt der Junge. Nach einer Weile fügt er hinzu: „Ich hab Ja gesagt.“ Typisch. Der Zehnjährige mit dem prüfenden Blick und den großen braunen Augen denkt erst nach, bevor ihm etwas über die Lippen kommt.

Tarzan! Der Gedanke elektrisierte Lukas. Natürlich bewundert er diesen Supermann des Dschungels. Ein paar Erfahrungen hatte er schon gesammelt. In der Grundschule in Oßweil durfte er im Opernprojekt „Die Zauberflöte“ den Prinzen Tamino spielen. In einer Zirkusaufführung war er ein Clown, und in einem Theatermärchen war er ein Großvater gewesen. Wichtige Rollen.

„Im Januar musste ich beim Casting ein sehr trauriges Lied vorsingen“, erinnert sich Lukas. Das war nicht so einfach, aber er fand sich in die Rolle hinein. Der Silberrücken Kerchak, Chef der Affensippe, setzt ihn im Dschungel aus. Weil er anders ist, nicht so gut klettern und nicht so toll an den Lianen schwingen kann wie die anderen. „Ich muss doch irgendwo hingehören“, klagt der kleine Urwaldbewohner in dem Song.

„Lukas kann nicht nur sehr gut singen, seine Stärke liegt vor allem im Schauspielerischen, in der Gestik und Mimik“, sagt Thomas Hirschfeld. Wie alle Jungs habe auch Lukas beträchtliche Fortschritte gemacht. Das Musical fordere die Kinder auch intellektuell. Im Song „Warum, wieso“ werde die Sinnfrage gestellt. „Tarzan ist auf der Suche nach sich selbst“, sagt der Kindercoach. Die Kinder seien davon mehr oder weniger berührt. „Die meisten denken in diesem Alter wahrscheinlich noch nicht so viel nach.“ Primär gehe es um den Spaß.

„Lukas ist sehr nachdenklich“

„Lukas ist anders als die anderen“, sagt die Gesangslehrerin Tanya Newman. Das Musical lasse ihn in eine neue Gedankenwelt tauchen, in ein fremdes Universum – in den Dschungel. Die australische Opernsängerin, ausgebildet am renommierten Salzburger Mozarteum, ist an zahlreichen Theatern aufgetreten und hat zahllose junge Stimmen ausgebildet. Die Grande Dame der Disney-Produktionen muss es wissen: „Lukas guckt immer so ernst. Er ist sehr nachdenklich und konzentriert. Von einem Moment auf den anderen kann er aber auch sehr witzig sein.“

Ein „Bibibibibibibibibibibi“ schrillt durch den großen Probenraum. Die Stimmlage der Kinder wechselt rauf und runter. „Beim Einatmen Bauchmuskeln entspannen“, weist die Gesangspädagogin die Jungs an, die wie Chorknaben in einer Reihe stehen. Tanya Newman gibt am Klavier die Tonlage vor. „Tief Luft holen, locker werden“, ruft sie. „Die Sonne, die Sonne, die Sonne, die Sonne, die Sonne, die Sonne, die Sonne.“ Die Singstimme der jungen Tarzane erreicht schrille Höhen, um dann wieder tief abzufallen.

An Heiligabend ist Lukas immer der lauteste, wenn die Familie Weihnachtslieder singt. Er spielt Klavier und schmettert auch schon mal zu Papas Gitarrenklängen „What shall we do with the drunken sailor?“. Überhaupt: der Papa. Er ist sein Vorbild, betreibt alle möglichen Sportarten. Wie jetzt auch er. Flink und furchtlos. Skifahren, Tennis, Surfen, Klettern, Fußball. Lukas spielt beim FSV Oßweil.

Ein Turntrainer des MTV Ludwigsburg half ihm zeitweise, für seine Musicalrolle die Oberkörpermuskulatur zu stärken. Bei der Akrobatiktrainerin Tressa Schreiber lernte Lukas den Makako – aus der Hocke nach hinten in den Stand springen. Flickflack gelingt ihm inzwischen auch ganz gut. Am Otto-Hahn-Gymnasium in Ludwigsburg besucht er seit Herbst den Sportzug. „Er ist kräftiger geworden“, sagt seine Mutter. „Unterricht ist wegen der Proben bisher kaum ausgefallen“, versichert sie. Generell habe die Schule grünes Licht für das Engagement gegeben. Das Jugendamt auch. Die Noten hätten bisher nicht gelitten. Im Englischtest schrieb Lukas jüngst eine Zwei.

„Kinder, die auf der Bühne stehen, werden selbstbewusster und selbstständiger. Oft verbessern sich die Leistungen in der Schule“, weiß Thomas Hirschfeld. Der 54-jährige Tänzer und Theaterpädagoge hat schon viele Kinder für Musicalshows fit gemacht. Vor 1800 Zuschauern wie im Stage Palladium zu spielen, damit werde ihnen eine große Verantwortung aufgetragen, sagt er. Auf seine kumpelhafte Art hat Hirschfeld bei den Jungs Vertrauen aufgebaut und will ihnen so viel Druck wie möglich nehmen. Stress habe er bei den Jungs bisher kaum bemerkt. Auch Lukas fühlt sich nicht gestresst – sagt er jedenfalls. Noch nicht. Natürlich fiebert auch er allmählich der Premiere entgegen. „Die Kinder müssen so gut trainiert werden, die Szenen so oft wie möglich wiederholen, damit sie die Aufregung meistern und alles im Schlaf sitzt“, sagt Hirschfeld. Denn am Ende sei doch eines klar: „Sie müssen funktionieren“, wie es im Bühnenjargon heißt. „Und wenn es mal einen Hänger gibt, heißt es einfach weitermachen.“

Der Junge darf 30-mal im Jahr auftreten

Die Wände im großen Probenraum des Stage Palladium hören kaum auf zu zittern. Bei Trommel- und Schlagzeugklängen eilen Lukas, Tim, Maurice, Tino und Jonah aufrecht und im Affenschritt über den Teppich. Die Füße nach außen, die Arme leicht nach oben schwenkend, stets mit einem kleinen Hüpfer, geht es minutenlang hin und her. „Hey, huuuhhh – und jetzt“, macht Thomas Hirschfeld die Bewegungen vor. „Ihr müsst weiter nach vorne, ihr müsst genau wissen, wo ihr euch bewegt.“ Auf dem Boden sind die gleichen Markierungen angebracht wie auf der Musicalbühne. Dort wird natürlich auch noch geprobt, mit dem gesamten Ensemble.

Seit April wird dreimal die Woche mindestens zwei Stunden trainiert. Mit dem Elterntaxi geht es ins SI-Centrum und wieder zurück. „Die Kinder lernen in dieser Zeit, was sich Erwachsene in zwei Jahren aneignen“, sagt der Kindercoach. Am meisten Spaß macht Lukas das Fliegen. Während der Flugnummer hat er den Song „Du brauchst einen Freund“ zu singen. Mit seinem Dschungelpartner Terk schwebt er dann zum Obstpflücken vier Meter hoch an einer Liane, die in Wirklichkeit ein Bergsteigerseil ist. Es wird an den Lendenschurz geklickt. Angst? „Hab ich nicht“, versichert Lukas. Ob er später mal als Profi in Musicals auftreten oder Schauspieler werden will? „Weiß ich noch nicht“, sagt er etwas schüchtern. Mit breitem Grinsen fügt er hinzu: „Vielleicht werde ich Fußballprofi oder gehe zum Spezialeinsatzkommando der Polizei.“

30-mal im Jahr darf Lukas in der Show auftreten, so die Vorschrift für Kinderdarsteller. Ein Jahr lang wird achtmal pro Woche gespielt, die Jungs wechseln sich ab. Alle sollen eine Gage erhalten. Wer in einer Preview oder in der Premiere auftritt, wird kurzfristig festgelegt. Lukas weiß schon, dass er erst später dran ist. Wenn das Musical super läuft, wird die Spielzeit verlängert. Die Chance für Lukas, oft genug den kleinen König der Lüfte zu mimen, dem Ruf des Dschungels zu folgen und dabei die archaischen Schreie auszustoßen: „Aiaiaaaaaaaaaaaa! Wuhhh. Wuhhh, wuhh.“

Aufführung: „Tarzan“ feiert an diesem Donnerstag, 16. November, um 19.30 Uhr Premiere. Das Musical wird im Stage Palladium Theater im Stuttgarter SI-Centrum, Plieninger Straße 109, aufgeführt.

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