Der Zeitungskünstler Gerhard Kühn Collagen aus Druckbuchstaben

Von Jessica Sabasch 

Der Botnanger Künstler Gerhard Kühn ist seit 30 Jahren Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Noch nicht ganz so lange macht er Collagen aus den Druckbuchstaben.

„Die geteilte Stadt“ : die  Auseinandersetzung Foto:   7 Bilder
„Die geteilte Stadt“ : die Auseinandersetzung Foto:  

Stuttgart - Gerhard Kühn nimmt die Stuttgarter Zeitung von gestern auseinander. Erst grob, dann fein. Kleingedrucktes lässt er unter den Tisch fallen. Sein Interesse gilt vor allem den Großbuchstaben und den Überschriften. Jede Lektüre ist für ihn ein einschneidendes Erlebnis. Der 80-jährige Künstler sammelt Buchstaben und Worte. Ein bisschen wie die Maus Frederick aus dem berühmten Kinderbuch von Leo Lionni. Während die anderen Mäuse Vorräte von Körnern, Nüssen, Weizen und Stroh anlegen, sammelt Frederick stattdessen Farben und Wörter für die kalten und grauen Wintertage. Der Beginn der Rente war für Gerhard Kühn der Beginn seiner Buchstabenkunst.

Jeden Morgen steckt ihm seine Frau einen Apfel in die Tasche, dann macht sich Kühn zu Fuß auf den Weg. Eine Viertelstunde von seiner Wohnung entfernt, vorbei an der Apotheke und am Einkaufszentrum, liegt sein Atelier in einem Botnanger Hinterhof. „Atelier Kühn“ steht auf dem Schild vor der Außentreppe, die hinunter in die Kellerräume führt. Ein altmodisches Klingelgeräusch. Die Tür öffnet sich. „Willkommen in meiner kleinen Welt!“, sagt der akkurate Mann mit gepflegtem Dreitagebart, Pilotenbrille. Er wirkt jünger, als er ist. Nur seine Stimme hat etwas Brüchiges.

In der Mitte des Arbeitsraums steht ein großer Tisch. Seine Oberfläche ist unter eingetrockneten Farbklecksen kaum noch zu erkennen. Auf dem Fensterbrett stehen Gläser mit Pinseln in allen Formen und Größen, darunter hängen Lineale, Winkel und Schablonen, im Regal daneben eine Reihe von Farbtuben. Gerhard Kühn ist jeden Tag hier, fünf bis acht Stunden. „Ich habe einen Vollzeitjob, obwohl ich Rentner bin“, sagt er, „aber manchmal, wenn das Wetter schön ist, gehe ich lieber mit meiner Frau spazieren.“ Das Licht ist schummrig. Es riecht nach Farbe und Klebstoff. In der Ecke bollert ein Ofen. An den Wänden lehnen quadratische Leinwände, 80 auf 80, 100 auf 100 Zentimeter, fertige Bilder, darüber Regale mit Papier und Pappe. Der Raum ist beides: Werkstatt und Archiv.

Geboren in Lettland, aufgewachsen in Polen

Seit 30 Jahren ist Kühn Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Noch nicht ganz so lange ist die Zeitung für ihn auch Arbeitsmaterial. „Als ich vor 17 Jahren in den Ruhestand ging, dachte ich, ich mache irgendwas mit Buchstaben“, sagt er. Seine Liebe zu Wörtern und Zahlen kommt aus seinem Beruf. Für Firmen wie Kodak und Fielmann arbeitete Kühn als freier Werbegestalter. „Folienbuchstaben kleben, Preisschilder schreiben, in Fenstern und auf Messen. Das war meine Haupttätigkeit. Es war eine schöne, stressige Zeit.“

Geboren 1935 in Lettland, verbrachte Gerhard Kühn seine ersten Jahre in Polen. Später ging er in Pritzwalk in der ehemaligen DDR zur Schule. 1955 flüchtete er in den Westen, studierte Gebrauchsgrafik in Darmstadt. Darauf folgten dann „Wanderjahre“ in Werbeabteilungen von Industrie- und Handelsunternehmen.

Vielleicht sind die Stationen seines Lebens ein guter Schlüssel für Gerhard Kühns Kunstrichtung: die Collage. Er setzt sich darin (unbewusst) auch mit Grenzen auseinander. Mit dem Ausschneiden löst er die Wörter und Buchstaben aus ihrem alten Zusammenhang und bringt sie auf der ästhetischen Ebene in eine neue Ordnung. Es geht ihm darum, konkrete Themen zu veranschaulichen, aber auch um ein Innehalten und Staunen über seltsame Wörter. „Ich möchte, dass sich die Worte dem Betrachter einprägen“, sagt er. Den Titeln aus der Zeitung von gestern verhilft er dadurch zu neuem Glanz und Dauer. Kühns thematisches Repertoire reicht von Tomatensoße über Fußball, die Stuttgarter Kommunalpolitik bis hin zu Barack Obama. „Mir schwebt etwas vor, und wenn ein Wort dazu passt, dann kommt es in den Umschlag.“

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