„Der zerbrochne Krug“ in Stuttgart Studierende rücken Vergewaltigung ins Zentrum

Szene aus „Der zerbrochne Krug“ im Wilhelma-Theater Foto: HMDK/i

Schauspielstudierende der Hochschule für Musik und darstellende Kunst brillieren im Wilhelma-Theater in ihrer Inszenierung von Kleists „Zerbrochnem Krug“.

So spritzig, so witzig ist Kleists „Zerbrochner Krug“ selten zu sehen. Wo andere bis zu zweieinviertel Stunden brauchen, gelingt es den Schauspielstudierenden der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HMDK) im Wilhelma-Theater jetzt in knackigen einsfuffzehn.

 

Dabei lässt der Regisseur Alexander Marusch sogar den wortreicheren „Variant“ des Schlusses spielen, den Kleist für seine Happy-End-Fassung einst rabiat kürzte. So hat Eve, als Missbrauchsopfer des sich um Kopf und Perücke lügenden Dorfrichters Adam, jetzt wesentlich mehr zu sagen zum wahren Zerbrecher des Krugs.

Der unschuldig beklagte Ruprecht hat einen Migrationshintergrund

Die Ausstatterin Kersten Paulsen hat die Gerichtskomödie ins Heute geholt hat. Eine Wucht ist Marie Schröder als rabiate, bis zum Zerplatzen echauffierte Marthe, Besitzerin des Scherbenhaufens. Oder Furkan Yaprak, der den unschuldig Beklagten Ruprecht als einen jungen Mann mit Migrationshintergrund spielt. Wenn er seine Sicht aufs Geschehene zum Besten gibt, tut er’s in einer rasanten Performance samt virtuosem Switchen ins Türkische. Joscha Schönhaus als Schreiber Licht wirkt nicht nur korrekt, sondern auch elegant. Und Janina Fautz als Adams Bedienstete sorgt – ob mit oder ohne Text – für parallele Tempobeschleunigung.

Eine gute Komödie birgt einen ernsten Kern. Den Tatbestand der Vergewaltigung, der bei Kleist nicht ausgesprochen wird, holt Marusch ans Licht, indem er ihn als Leerstelle inszeniert: Die erstarrt dastehende Eve, die Annabel Hertweck als Traumatisierte spielt, bricht ihren Bericht über das, was am verhandelten Abend wirklich geschah, plötzlich ab. Es folgt eine verstörend lange Stille, in die hineinprojiziert werden kann, was sich auf der Bühne längst angedeutet hat.

David Richter spielt Adam als unangenehmen, ständig übergriffigen Mann

Schließlich spielt David Richter den Adam als einen unangenehmen, körperlich ständig übergriffigen Mann mit schraubstockartigem Zugriff und frei von Impulskontrolle. Für die Wahrheit interessiert sich am Ende selbst die Gerichtsrätin Walter nicht, die dank Maria Helena Bretschneider Kleists Blankvers am schönsten zur Geltung bringt. Schlussbild: Eve bleibt allein mit ihrem Peiniger zurück, während das Licht auf der Bühne langsam verdämmert.

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