Der Zirkus Charles Knie gastiert in Göppingen Nein, der Clown ist nicht traurig

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Ihre Heimat ist die Manege – und ein Wohnwagen. Wenn es irgendwie geht, versuchen Tatiana Kundyk und Henry Ayala vom Zirkus Charles Knie aber, die Städte, in denen sie gastieren, ein klein wenig kennenzulernen.

Hoch über dem Zeltdach macht Henry Ayala artistische Werbung für die Vorstellungen. Foto: Zirkus Charles Knie
Hoch über dem Zeltdach macht Henry Ayala artistische Werbung für die Vorstellungen. Foto: Zirkus Charles Knie

Göppingen - Schon lange, bevor sich im großen Zelt im Göppinger Stauferpark der erste Vorhang hebt, sind die Drahtseilkünste von Henry Ayala gefragt. Kaum dass der Zirkus Charles Knie auf dem Dr.-Herbert-König-Platz angekommen ist, turnt der artistische Tausendsassa und Clown aus Venezuela auf dem Zeltdach herum und schwingt sich auf ein Hochseil: Werbung für das fünftägige Gastspiel in der Hohenstaufenstadt und anscheinend Routine für den 39-Jährigen, ehe es zurück in den Wohnwagen geht, den er „meinen großen Koffer auf Rädern“ nennt.

Seine Freundin Tatiana Kundyk wartet mit einem Kaffee auf ihn. Auch die 33 Jahre alte Ukrainerin ist Artistin, zeigt ihre Künste auf dem sogenannten Schlappseil und gehört mit ihrer Nummer ebenfalls ins Tourneeprogramm der Traditionsfirma Charles Knie. Das Paar geht hinaus in den „Garten“: ein grüner Kunststoffteppich, zwei Klappstühle und ein Tischchen in der Wohnwagengasse. Für eine kurze Pause zum Durchschnaufen muss das reichen. Beide sind etwas angeschlagen. Den Clown Henry zwickt es im Oberschenkel, seine Freundin ist in der Manege umgeknickt und humpelt, weil der Knöchel schmerzt. Aber: The show must go on.

Das Internet bezeichnet Ayala als „mein Zuhause“

Seit drei Tagen steht ihr kleines, aber komplett eingerichtetes Zuhause in der Hohenstaufenstadt. Am Mittwoch geht es weiter nach Schwäbisch Gmünd, der nächsten Station. Ein Dreivierteljahr dauert ein Engagement in aller Regel, ständig auf Achse, von einer Stadt zur nächsten. Davor und danach werden andere Verträge abgeschlossen, etwa für Auftritte in einem der mittlerweile zahlreichen Weihnachtszirkusse. Erlaubt es die Zeit, schauen sich Tatiana Kundyk und Henry Ayala gerne in der Gegend um, in der sie gastieren.

„Das geht, wenn wir irgendwo fünf oder sechs Tage am Stück auftreten. Ist das Gastspiel kürzer, kann es sein, dass du nicht mal weißt, wie die Stadt heißt, in der du auftrittst“, sagt die ukrainische Akrobatin. Von Göppingen aus hätten sie zumindest Stuttgart erkunden und die schöne Landschaft rund um den Hohenstaufen genießen können, fügt sie hinzu. „Das ist das schöne an unserem Beruf, dass wir die Arbeit mit Sightseeing verbinden können“, erklärt Henry Ayala. Ganz offensichtlich hat er keine Probleme mit dem Nomadentum.

Genau genommen, kennt er es, als Sprössling einer Zirkusfamilie über fünf Generationen hinweg, gar nicht anders, er tanzte mit vier Jahren erstmals auf dem Seil. „Wenn ich irgendwo länger bin als einen Monat, werde ich unruhig“, erzählt der Clown, der das Internet als „mein Zuhause“ bezeichnet. Und Venezuela? „Ich informiere mich und bekomme mit, was dort los ist. Auch, dass es dort drunter und drüber geht.“ Henry Ayala muss kurz überlegen: „Zuletzt war ich dort allerdings vor acht Jahren.“ Er sagt dort, nicht zu Hause.

Die Kollegen sind keine Ersatzfamilie, sondern Nachbarn

Tatiana Kundyk hingegen ist das erste Mal so richtig auf Tour, nachdem sie sonst eher im Varieté und in ähnlichen Shows aufgetreten ist. Sie vermisse das stete Leben schon ein wenig, räumt sie ein, ist aber froh, „dass wir dieses Mal zusammen sein und zusammen arbeiten können“. Geht das nicht, versucht das Paar die Zeiträume der Trennung so kurz wie möglich zu halten. Für die beiden ist die rund 100-köpfige Kollegenschar bei Charles Knie denn auch keine Ersatzfamilie. „Das sind unsere Nachbarn, die man, wie in jedem kleinen Dorf, gut kennt“, beschreibt Ayala die Situation. Man kriege alles mit, und so sei die Freude am vergangenen Freitag natürlich groß gewesen, da just an diesem Tag der Raubkatzenlehrer Alexander Lacey Vater geworden sei. Eine Auszeit oder gar eine kleine Feier war dem Dompteur indes nicht vergönnt. Am Samstag stand er wieder, wie immer, im Staub der Manege.

„So ist unser Leben nun mal“, sagt der Clown und wirkt kein bisschen traurig. Zum einen würden die schönen Momente überwiegen. „Wenn du im Scheinwerferlicht stehst und die Besucher applaudieren, dann fühlst du dich ein bisschen wie ein Filmstar“, erklärt er, und er weiß ganz genau, dass seine Profession für einen Zirkus wichtig ist. „Ich vergleiche mich immer mit einem Arzt“, sagt er und grinst. So seien in einem Krankenhaus zwar alle Beschäftigten gleich wichtig, ohne einen guten Arzt funktioniere aber die beste Klinik nicht.

Bis Mittwoch gibt es noch fünf Vorstellungen

Das Gastspiel des Zirkus Charles Knie in Göppingen dauert noch bis Mittwoch, 10. Oktober. In dem Zelt auf dem Dr.-Herbert-König-Platz werden bis dahin fünf weitere Vorstellungen gegeben. Am Montag und am Dienstag, 8. und 9. Oktober, heißt es jeweils um 16 Uhr und um 19.30 Uhr Manege frei. Zum Abschluss am Mittwoch findet dann um 16 Uhr die Abschlussaufführung statt.

Familiennachmittag
Je nach Platz und Ermäßigung liegt der Eintritt für die Aufführungen im Stauferpark in der Regel zwischen zwölf und 34 Euro. Beim Familiennachmittag an diesem Montag um 16 Uhr kosten sämtliche Tribünenplätze hingegen nur zehn Euro und alle Logenplätze lediglich 15 Euro.




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