Der zweite Rosensteintunnel 100 Jahre und kein bisschen leise

Von Jürgen Löhle 

Im Jahr 1915 ist der zweite Rosensteintunnel eröffnet worden. Er vereinfachte die Zugfahrten von Stuttgart nach Bad Cannstatt. Der viergleisige Ausbau markierte auch den Beginn einer neuen Verkehrspolitik – der Trennung von Nah- und Ferntrassen.

100 Jahre Bahnverkehr   – Bezirksbeirat Peter Mielert (Zweiter von rechts) kann sich künftig Fahrräder vorstellen. Foto: Christian Hass
100 Jahre Bahnverkehr – Bezirksbeirat Peter Mielert (Zweiter von rechts) kann sich künftig Fahrräder vorstellen. Foto: Christian Hass

Stuttgart - Es war schon eine gewaltige Rinne, die da von 1913 an vom Neckar weg durch den Rosensteinpark gegraben wurde: Gut 350 Meter lang und auf Höhe des Schlosses etwa 35 Meter tief. Als der Graben fertig war, wurden auf seinem Grund zwei Tunnelröhren betoniert und das Ganze danach wieder zugeschüttet. Am 25. November 1915 fuhr schließlich der erste Zug schnaufend und ratternd von Stuttgart aus durch den neuen Tunnel Richtung Bad Cannstatt.

100 Jahre ist das nun her. Am gleichen Tag, als Albert Einstein seine Relativitätstheorie präsentierte, wurde die Zugfahrt von Stuttgart nach Cannstatt relativ einfach. Die Bahnverbindung hatte es zwar schon vorher gegeben, aber nur zweigleisig. Der viergleisige Ausbau 1915 markiert auch den Beginn einer neuen Verkehrspolitik, nämlich der Trennung von Nah- und Ferntrassen. „1915 war auch die Geburtsstunde des Nahverkehrs“, sagte Bahnexperte Hermann Gökeler, als der Cannstatter Bezirksbeirat am Mittwoch auf der Plattform über dem Tunnel auf das 100-Jahr-Jubiläum des Bauwerks anstieß.

Das Bauwerk hat sich bis heute als sehr robust erwiesen

Übrigens nicht nur auf den Tunnel. Mit ihm untrennbar verbunden ist die Brücke über den Neckar. 1915 war das Bauwerk die längste Betonbrücke der Welt. Und die hat sich bis heute als sehr robust erwiesen. Das Ganze für aus heutiger Sicht bescheidenes Geld. Tunnel und Brücke kosteten damals 2,5 Millionen Mark, das entspricht heute etwa 9,3 Millionen Euro.

Heute rauschen täglich Hunderte von Zügen und S-Bahnen durch die zwei Röhren, deren Bau vor 100 Jahren mühsam war. Nur ein paar Meter weiter nördlich des aktuellen Tunnels verläuft übrigens bis heute die erste Röhre unter dem Rosensteinpark, die von 1846 bis 1914 in Betrieb war. Der alte Tunnel ist noch erhalten und Hermann Gökeler hat in den vergangenen Jahren schon mehr als 1500 Besucher durch das Dunkel geführt. Früher wurde die Röhre für allerlei Dinge wie zum Beispiel für die Championzucht genutzt. Heute ist der Tunnelmund zugemauert, Gökeler hat aber einen Schlüssel für die Tür und bietet Führungen an, bei denen man zum Beispiel Tropfsteine bewundern kann.

Grüner Brückenschlag über den Neckar?

Die Vergangenheit ist also spannend, die Zukunft könnte es werden. Mit der Eröffnung des neuen Tiefbahnhofs wird der Zugverkehr durch den Rosensteintunnel Geschichte. Für Tunnel und Brücke bleibt dann nur Abriss oder eine andere Nutzungsidee. Davon gibt es einige. Eine davon wird neben dem Cannstatter Bezirksbeirat unter anderem auch von OB Fritz Kuhn (Grüne) und der Stuttgarter Bürgerschaft unterstützt, die das Projekt im Bürgerhaushalt 2016/17 auf Platz 79 der 100 bestbewerteten Vorschläge gehievt hat.

Nach dem Plan soll die Brücke eine begrünte Verbindung für Fußgänger und Radfahrer zwischen dem Cannstatter Bahnhof und der Stuttgarter City werden. Ein grüner Brückenschlag über den Neckar mit Parkbänken, Radweg und einem Restaurant am Eingang des Tunnels. Dazu müsste aber die Stadt nach der Fertigstellung von Stuttgart 21 die historische Brücke und den Tunnel von der Bahn übernehmen. „Eine solche Zukunft wünschen wir der Brücke zum 100. Geburtstag“, sagte Bezirksbeirat Peter Mielert (Grüne), ein bekennender S-21-Gegner und jetzt ein glühender Verfechter des Projekts, damit der neue Tiefbahnhof für ihn wenigstens etwas Gutes hat.

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