Dermatologin Yael Adler klärt auf „Skin-Care schadet der Haut“
Bestsellerautorin und Hautärztin Yael Adler berichtet im Gespräch, warum Cremes nicht gegen Falten helfen und gibt Tipps, wie wir dennoch eine schöne Haut erhalten.
Bestsellerautorin und Hautärztin Yael Adler berichtet im Gespräch, warum Cremes nicht gegen Falten helfen und gibt Tipps, wie wir dennoch eine schöne Haut erhalten.
Yael Adler hat nicht nur ein umfangreiches Wissen, sondern verfügt auch über die Gabe, dieses vermitteln zu können. Die Dermatologin und Ernährungswissenschaftlerin klärt deswegen nicht nur die Patienten ihrer Berliner Praxis auf, sondern bringt ihre Erkenntnisse durch Sachbücher und Auftritte als Expertin im Fernsehen unter die Leute. Dabei klärt die 52-Jährige auch über Mythen auf, die sich hartnäckig halten.
Frau Dr. Adler, in den Sozialen Netzwerken teilen Influencerinnen ihre umfangreichen Skin-Care-Routinen. Ist es sinnvoll, die Haut mit Reinigungsölen, Seren und Lotionen zu behandeln?
Rund 20 Prozent meiner Patienten und Patientinnen kommen in die Praxis wegen Hauterkrankungen, die sie sich selbst durch übermäßige, falsche oder unpassende Pflege zugefügt haben. Wenn Menschen diese Skin-Care-Routinen anwenden, stören sie häufig die Hautbarriere. Die Industrie möchte uns viele Produkte verkaufen, aber dieses mehrschichtige Auftragen von Produkten, die zum Beispiel Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Duftstoffe, Emulgatoren oder andere Zusatzstoffe enthalten, ist für die Hautbarriere nicht förderlich. Diese hat sich seit der Steinzeit nicht verändert; sie kann sich im Grunde selbst schützen, pflegen und reinigen.
Aber etwas Pflege benötigt die Haut doch?
Wir dürfen sie natürlich unterstützen, zum Beispiel wenn die Haut zu trocken ist. Dann kann man an den betroffenen Stellen eincremen, an denen sie spannt und es allein nicht mehr schafft. Um herauszufinden, ob die Haut Unterstützung braucht, sollte man die Reinigung milder gestalten – also nicht mit aggressiven Produkten, sondern nur mit warmem Wasser und einem Handtuch für die großen Hautflächen. Eine Ausnahme ist das Hände waschen nach der Toilette, vor dem Essen und nach Aufenthalten an öffentlichen Orten und sind von mir aus auch die schwitzigen Körperfalten. Nach etwa vier Wochen merkt man, wie viel eigenes Hautfett durch die Oberhaut und die Talgdrüsen bereitgestellt wird. Wenn die Haut stellenweise trocken bleibt, helfen sogenannte Derma-Membran-Struktur-Cremes, Cremes mit hautähnlichen Lipiden, Lipolotionen mit Harnstoff (Urea) oder auch kaltgepresste Sheabutter.
Also sind die vielen Kosmetikprodukte, die überall beworben werden, im Grunde gar nicht gut für die Haut.
Wir wollen auf unserer Haut einen intakten Säureschutzmantel haben, der durch körpereigene Schweißproduktion und die natürliche Hautflora entsteht. Dieser wird durch viele Produkte gestört. Außerdem sind Reinigungsprodukte oft zu aggressiv. Mild sind Tenside auf Basis von Kokos- oder Zuckerstoffen, während viele andere Tenside stark entfettend wirken. Alkalische Seifen zerstören sogar den Säureschutzmantel. Wird zu viel Hautfett entfernt, kann die Haut weniger Feuchtigkeit speichern. Dadurch können Allergene, Reizstoffe und auch Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze oder Eiter und Stinkbakterien leichter eindringen.
Wenn man aber Falten im Gesicht glätten möchte, benötigt man doch Anti-Aging-Cremes, oder nicht?
Wirkstoffe in Kosmetikcremes erzielen maximal oberflächliche Effekte. Panthenol fördert die Wundheilung, Urea erhöht die Feuchtigkeit in der obersten Hornschicht, Hyaluronsäure ebenfalls. Die Vitamine A, C und E können oberflächliche antioxidative Wirkungen haben. Aber der Wunsch, dass Cremes Falten sichtbar glätten, tief in die Lederhaut eindringen und dort Kollagen wiederaufbauen, Hyaluronsäure auffüllen oder elastische Fasern regenerieren, ist nicht erfüllbar. Das gelingt nur mit Maßnahmen, die die Oberhaut überwinden – also mit Arzneimitteln wie zum Beispiel Tretinoin, dem „Ur-Vitamin A“ oder Hormonen – Injektionen oder apparativen Verfahren wie Lasern oder Radiofrequenz.
Die natürliche Kollagenproduktion des Körpers nimmt mit zunehmendem Alter ab. Deshalb greifen viele Menschen zu Kollagenpulvern, um die Haut wieder frischer aussehen zu lassen. Ist das sinnvoll?
Kollagen können wir tatsächlich über die Ernährung aufnehmen, etwa durch Omas Knochenbrühe, die traditionell zubereitet wird. Ein Glas täglich – mit etwas frischer Petersilie für das Vitamin C – kann die Hautdurchfeuchtung verbessern, die Knochenfestigkeit unterstützen und auch Haare sowie Nägel stärken. Hydrolysiertes Kollagenpulver oder flüssige Supplemente zeigen in Studien bei Dosierungen von 5 bis 12 Gramm pro Tag messbare Effekte auf Hautelastizität und Hautfeuchtigkeit. Tiefe Falten oder Gewebeerschlaffung lassen sich dadurch jedoch nicht beheben.
Was macht darüber hinaus eine schöne Haut?
Wichtig ist der tägliche Sonnenschutz. Auch die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle. Sport ist gut für die Haut, da er die Durchblutung fördert; außerdem stärkt Schwitzen den Säureschutzmantel. Bewegung steigert zudem die körpereigene Bildung von Antioxidantien, die schädliche Stoffe neutralisieren. Ebenso wichtig oder hilfreich sind ausreichend Schlaf, Saunieren, Kälteanwendungen und Stressreduktion. Auch soziale Kontakte und positive Emotionen wirken sich auf die Hautgesundheit aus – Die Liebe ist eine tolle Maßnahme für den Glow!
Wir wissen heute um die Schäden, die UV-Strahlen an unserer Haut anrichten. Trotzdem gilt eine gebräunte Haut für viele als erstrebenswert. Was empfehlen Sie?
Jede Bräunung ist eine Verzweiflungstat der Haut. Wenn man das trotzdem möchte, kann man im Gesicht mit Terracotta-Puder arbeiten. Man kann Betacarotin zu sich nehmen als Kapsel oder noch besser als Möhrensaft – ein Glas pro Tag mit einem Tropfen Öl. Es wurde in Studien bewiesen, dass das einen attraktiven Hautton macht. Nicht so orange wie bei Trump oder einem Möhrenbaby – sondern wirklich eine gesunde, frische Hautfarbe. Wem das nicht reicht, der kann auch Selbstbräuner verwenden. Solange dieser frisch ist, ist er unschädlich für die Haut. Solarien würde ich dagegen verbieten, das ist vorsätzliche Körperverletzung.
Hautärztin und Ernährungswissenschaftlerin
Dr. Yael Adler ist Dermatologin in einer privaten Praxis in Berlin. Als Expertin für die Haut, aber auch als Ernährungswissenschaftlerin klärt sie häufig im Fernsehen auf. Über Podcasts und Instagram (docyaeladler) erreicht sie ebenfalls viele Menschen.
Autorin
Yael Adler hat bereits fünf Sachbücher veröffentlicht. Auch ihr 2025 erschienenes Buch „Genial ernährt – Klüger essen, entspannter genießen, besser leben“ ist wieder ein Bestseller.