Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt das Werk des Gestalters Gerrit Rietveld. Seine architektonischen wie designerischen Entwürfe wirken revolutionär und inspirierend – auch für Ikea.

Weil am Rhein - Dass er einmal einer der bedeutendsten Designer und Architekten seiner Zeit werden und zu den großen Erneuerern auf beiden Gebieten zählen würde, das wurde Gerrit Rietveld nicht in die Wiege gelegt. Allenfalls in dem Sinne, dass er als Sohn eines Tischlers frühzeitig mit jenem Werkstoff in Berührung kam, aus dem später seine wichtigsten Designkreationen waren: Holz. Den Rot-Blauen Stuhl, eine Ikone des modernen Designs, entwarf er 1923, als er noch selber eine Tischlerwerkstatt betrieb. Auch seine ebenfalls mit den Grundfarben Gelb, Rot und Blau operierenden hölzernen Kindermöbel fallen in diese Zeit.

 

Als Jugendlicher besuchte Rietveld, der im Alter von elfeinhalb Jahren die Schule verließ, um in der Tischlerei seines Vaters zu arbeiten, zwar Abendkurse im Utrechter Bildungswerk für Kunst und Industrie. Studiert aber hat er nie – ein Mann der Praxis, der sich seine Fertigkeiten durch learning by doing aneignete und erst im Alter von 56 Jahren, als Dozent für Architektur und Design, an die Hochschule kam.

„Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums“ ist die große Retrospektive des Vitra Design Museums in Weil am Rhein zum Schaffen des Niederländers überschrieben. Mit überwältigender Materialfülle – ausgestellt sind rund 320 Objekte, darunter Möbel, Architekturmodelle, Entwurfszeichnungen, Filme, Fotografien und Gemälde – zeichnet sie nicht nur Rietvelds Entwicklung als Architekt und Designer nach. In Vergleichswerken von Zeitgenossen wie Theo van Doesburg, Le Corbusier oder Marcel Breuer macht sie auch seine Auseinandersetzung mit den gestalterischen Tendenzen seiner Zeit sowie seine Wirkung auf die Zeitgenossen und nachfolgende Generationen anschaulich.

„Ein gewaltiger plastischer Effekt“

Der Untertitel bezieht sich auf die architektonischen wie designerischen Entwürfe gleichermaßen. Denn so, wie die Öffnung des Raums die Maxime des Architekten Rietveld war, ermöglichen auch seine Möbel eine neue Raumerfahrung. Sitzen wird in dem formal aufs Äußerste reduzierten Zickzack-Stuhl zum beinah schwerelosen Schweben im Raum, und von seinem Rot-Blauen Stuhl sagte Rietveld selbst, er habe damit demonstrieren wollen, „dass man sogar aus völlig geradlinigen, maschinell gefertigten Elementen etwas Schönes machen“ könne – „ein Objekt, das einen gewaltigen plastischen Effekt erzeugt“. Tatsächlich strahlt der Stuhl wie eine Skulptur auf seine Umgebung aus, er taucht sie in ein gänzlich neues Licht, er formt sie regelrecht um.

Zur radikal reduzierten Formensprache seiner abstrakten Kompositionen aus Linien und farbigen Flächen wurde Rietveld durch die Ideen und revolutionären Neuerungen inspiriert, mit denen er im Kontext der Künstlerbewegung de Stijl um Theo van Doesburg und Piet Mondrian bekannt wurde. Später schuf er Stahlrohr- und Faltmöbel. Seine asketisch lineare Formensprache lockerte er – auch als Architekt – in den dreißiger Jahren nach dem Vorbild von Bruno Taut durch Kurven und Rundungen auf. Mit seinen Kistenmöbeln aus Holzfertigteilen, als Serie für Wochenend- und Sommerhäuser vermarktet, wurde er zum Vater von Do-it-yourself-Bewegung, Ikea-Hacking und heutigem Open Design.

„Als ich die Gelegenheit erhielt, ein Haus zu bauen, das denselben Prinzipien folgte wie der Stuhl, griff ich begierig zu“. Das architektonische Pendant zum Rot-Blauen Stuhl ist Rietvelds ein Jahr später entstandenes Schröder-Haus – gleich dem Möbel eine Design-Ikone der Moderne, seit 2000 gehört es zum Unesco-Weltkulturerbe. Entstanden ist es im Auftrag der verwitweten Anwaltsgattin Truus Schröder-Schräder, mit der Rietveld später ein Architekturbüro gründete und mit der ihn eine lebenslange Liebesbeziehung verband.

Der stapelbare Stuhl „Mondial“ wurde ausgezeichnet

Innovativ an dem Gebäude ist insbesondere der offene Grundriss des Obergeschosses mit Schiebewänden, die eine individuelle Aufteilung des Raums erlauben. Konventioneller gestaltet ist das Erdgeschoss mit Küche, Essbereich, Diele und Empfangszimmer. Doch auch hier gelingen durch Gestaltung von Wänden und Mobiliar bemerkenswerte neue Raumkonzepte.

Nach 1945 arbeitete Rietveld vornehmlich als Architekt. Er entwarf Prestigebauten wie den niederländischen Pavillon auf dem Biennale-Gelände von Venedig oder den Presseraum der Unesco in Paris. Erfolgreich war er weiterhin auch als Designer: Sein stapelbarer Stuhl Mondial beispielsweise wurde bei der Triennale in Mailand mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.