Grafiker Anton Stankowski aus Stuttgart Striche für mehr Menschlichkeit
Sie sind schlicht und doch markant: Anton Stankowski hat mit seinen Logos die Bundesrepublik geprägt. Viele Zeichen aus seinem Stuttgarter Büro kennt man auch heute noch.
Sie sind schlicht und doch markant: Anton Stankowski hat mit seinen Logos die Bundesrepublik geprägt. Viele Zeichen aus seinem Stuttgarter Büro kennt man auch heute noch.
Stuttgart - Die „Bild“-Zeitung witterte einen Skandal: „Maler verdient mit fünf Strichen 100 000 Mark!“ Ob die Summe so stimmt, ist nicht bekannt, an sich aber hatte das Blatt durchaus recht. Denn Anton Stankowski hatte 1974 nichts anderes getan, als fünf Striche auf dem Papier zu einem Logo zu arrangieren. Das allerdings geriet so markant, dass bis heute die meisten Menschen auf Anhieb wissen: Es ist das Logo der Deutschen Bank. Ein Quadrat mit Diagonale darin, so schlicht wie genial.
Das war es, was Anton Stankowski meisterhaft beherrschte. Der Grafiker konnte Begriffe, Markennamen oder schnöde Funktionen auf den Punkt bringen – und dem eine Form geben, was man eigentlich nicht abbilden kann. „Alle reden von Marken – wir machen sie“, lautete die Devise seines Stuttgarter Büros. Ob es um Sport oder Stahl ging, um Heiztechnik oder einen Supermarkt, Stankowski und sein Büropartner Karl Duschek mischten die Werbegrafik auf mit ihren sprechenden Zeichen, die die Welt etwas besser machen sollten, verständlicher – und dadurch menschlicher. „Finden, vereinfachen, versachlichen und vermenschlichen“, nannte Stankowski das.
In diesen Tagen eröffnen gleich zwei Stankowski-Ausstellungen – in der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier und in der Berliner Kunstbibliothek. Denn Anton Stankowskis Werk hat nichts an Aktualität verloren. Dabei war ihm das Schöngeistige keineswegs in die Wiege gelegt. Der Vater arbeitete in Gelsenkirchen als Bergmann. Die Mutter stammte aus einem bäuerlichen Umfeld, ehrgeizig soll sie aber gewesen sein. Anton, 1906 geboren, machte eine Malerlehre und pinselte Küchen- und Kellerwände an. Als er zum Schrecken der Mutter den Kleiderschrank der Eltern, Gelsenkirchener Barock, in kräftiges Gelb tauchte, zeigte sich schon, dass er ein besonderes Gespür für Ästhetik besitzt.
So studierte Stankowski schließlich Gestaltung und Fotografie an der neu gegründeten Essener Folkwangschule. Die Grenzen zwischen freier und angewandter Kunst waren für ihn fließend. „Ob Kunst oder Design ist egal“, pflegte er zu sagen, „nur gut muss es sein.“ Der Student zeichnet, malt, fotografiert – aber macht auch mit dem Auto Geschwindigkeitsexperimente. Was er auch fotografiert – Straßenmarkierungen oder Zebrastreifen –, immer wird daraus eine perfekte abstrakte Komposition.
Denn im Scheibenwischer sah Stankowski auch eine dynamische Linie auf der nackten Fläche der Frontscheibe. Ob er Spargel für ein Rezeptbuch ablichtete oder umgekippte Schubkarren, Stromleitungen oder Spuren im Schnee, Stankowski lenkte den Fokus so beiläufig wie präzise auf Strukturen und Ordnungssysteme im Alltag – unspektakulär, charmant und ästhetisch sehr reizvoll. Letztlich sprengte er auch in seinen Fotografien die Gattungsgrenzen, indem er Bögen zwischen Kunst und Zeitgeschehen, Gesellschaftsanalyse und konkreter Komposition schlug.
So blieb es nicht aus, dass dieses junge Talent auffiel. Der Zürcher Grafiker Max Dalang wurde in einer Ausstellung auf Stankowski aufmerksam und holte ihn nach Zürich in sein renommiertes Reklame-Atelier. Stankowski machte sich auch hier einen Namen, arbeitete zunächst als Fotograf, entwarf dann aber auch Inserate und Plakate für Butter, Spritzgusswerke oder ein Reformhaus.
Als ihm die Zürcher Behörden 1934 die Arbeitserlaubnis entziehen, kehrt Stankowski mit seiner Frau Else Hetzler nach Deutschland zurück. Man lässt sich in Stuttgart nieder. Auch nach dem Krieg und russischer Gefangenschaft – „verlorene Jahre“, wie er es nannte – kehrt Stankowski nach Stuttgart zurück, wo er zunächst als Fotoreporter und Schriftleiter bei der „Stuttgarter Illustrierten“ arbeitet. 1951 eröffnet er schließlich sein eigenes Büro auf dem Killesberg. Er ist ein Arbeitstier, ackert rund um die Uhr. Auch am Wochenende wird gearbeitet, sofern es nicht in seinem Weinberg etwas zu tun gibt. Im Grunde ist Stankowski unermüdlich am Zeichnen und Ideenentwickeln. 155 Skizzenbücher hat er in seinem Leben gefüllt, um die Hand geschmeidig zu halten. „Ein guter Entwerfer“, meinte er, „muss trainieren wie ein Sportler.“
Rund 5000 Arbeiten auf Papier, 800 Gemälde, 40 000 belichtete Negative, Druck- und Werbegrafik, Skulpturen und Reliefs hat Stankowski hinterlassen, als er 1998 in Esslingen starb. Sein Partner Karl Duschek wurde Geschäftsführer der Stankowski-Stiftung und kuratierte auch Ausstellungen. Nach Duscheks Tod 2011 hat dessen Frau Meike Gatermann den gebrauchsgrafischen Nachlass von Stankowski und Duschek den Staatlichen Museen zu Berlin geschenkt, der nun in der Ausstellung „Marken: Zeichen“ in der Berliner Kunstbibliothek gezeigt wird.
Wenn Stankowski ein Markenzeichen hatte, so die Diagonale, die ja auch im Logo der Deutschen Bank steckt. „Die Schräge war mein Beitrag zur konkreten Kunst“, meinte Stankowski einmal, denn er habe den Eindruck gehabt, „dass das Quadrat in der konstruktiven Malerei etwas ausgebraucht ist“.
Schaut man sich Stankowskis Entwürfe an, stößt man auf viele alte Bekannte. Sein mit wenigen Strichen skizzierter Stuttgarter Fernsehturm wurde zum unverwechselbaren Logo des Süddeutschen Rundfunks. Für SEL übersetzte Stankowski 1954 das Thema Senden und Empfangen in ein Strahlenbündel. Ob es die Logos für die Münchner Rück, für Rewe oder die Betriebskrankenkassen waren – Stankowski hat das Gesicht der Bundesrepublik optisch mitgeprägt.
„Gute Zeichen sind einfach und knapp gefasst, schnell merkbar“, sagte er und verstand es wie kaum ein Gestalter, mit nichts als ein paar Strichen einprägsame Motive zu erfinden, die doch mehr als Logos waren. Denn das Bild, meinte er, könne helfen, abstrakte Vorgänge besser zu verstehen, und habe dadurch „erkenntnisvermittelnde Funktion“.
Das beherzigte er übrigens auch bei den Grabsteinen, die er für sich und seine Frau entworfen hatte. Else, 1980 verstorben, bekam eine runde Säule auf dem Feuerbacher Friedhof. Er hat sie um 18 Jahre überlebt. Die eckige Stele, die er für sich konzipierte, ist vielsagend: Sie drängt sich ganz nah und liebevoll an ihre Säule.