Design: Terrakotta im Trend So schön sieht gebrannte Erde aus
Aus unserem Plus-Archiv: Nach Bling-Bling-Material wie Messing, Chrom und Kupfer arbeiten Designer jetzt gern mit dem natürlich matten Terrakotta.
Aus unserem Plus-Archiv: Nach Bling-Bling-Material wie Messing, Chrom und Kupfer arbeiten Designer jetzt gern mit dem natürlich matten Terrakotta.
Stuttgart - Das Trendmaterial der Zeit passt zur gefühlten emotionalen Lage der Welt: matt, reduziert aufs Wesentliche, naturverbunden. Man denke allein an all die Neu-Spaziergänger, die seit dem ersten Corona-Lockdown 2020 ihre schneeweißen Stadt-Turnschuhe beim Marsch über Stock und Stein auf Feldern und in Wäldern ruinierten. Gemeint ist Terrakotta, nach „terra cotta“, gekochte Erde.
Der mal eher gelblich und kalkhaltige, mal rötlich eisenhaltige Ton wird tatsächlich gebrannt statt gekocht. Bei etwa 900 bis 1000 Grad Celsius und das schon in prähistorischer Zeit. Wie viele Terrakotta-Scherben Archäologen ausgegraben haben, wie viele Vasen, Götter- und Tierfiguren? Eine Menge, wie in den Museen der Welt zu sehen ist.
Schon früh wurde das Material beim Bau römischer oder griechischer Villen verwendet. In der Kunst dann auch weiter nördlich: Wenn die Museen öffnen, könnte man im Berliner Bode-Museum eine Terrakotta-Gruppe bestaunen, die aus der Pfarrkirche St. Martin in Lorch im Rheingau stammt – geschaffen um 1400.
Das unglasierte, keramische Produkt wird seit einiger Zeit auch wieder von Architekten und Designern von Skandinavien bis Italien verwendet. Bekannte Hersteller wie Fritz Hansen, Hay, Muuto, Ferm Living, Marset oder Wästberg lassen sich von der Materialfarbe inspirieren bei Sofas, Stühlen, Leuchten, Salzstreuern, Strohhalmen, Kerzenhaltern.
Terrakotta-Fliesen und -Ziegel, die wie Waben an der Wand angeordnet sind und so Schuhregale zur Skulptur machen, schmücken etwa eine Schuhboutique von Camper in Barcelona. Der Entwurf stammt von dem international bekannten japanischen Architekten Kengo Kuma.
Beim Umbau des Bistros 28 Posti in Mailand kombiniert die Architektin Cristina Celestino den Naturbaustoff mit Industrieschick und unverputzten Wänden. Und in einem Dorf in England wurde von Emil Eve Architekten die Erweiterung eines Bauernhauses außen und innen mit Ton-Fliesen gestaltet und in Architekturmagazinen gefeiert.
Nicht jeder wird jetzt sein Haus umbauen, seinen Boden erneuern, es geht auch eine Nummer kleiner. Aparte Teeservice und Vasen aus Terrakotta gibt es von dem Hersteller Skagerak. Die Firma Ames hat Schalen aus Terrakotta im Programm, entworfen von Designern wie Sebastian Herkner und Cristina Celestino. Celestinos Serie „Coyar“ ist schwarz, das gibt es so in einer Region Kolumbiens, wo die Produkte in Tolima von Hand gefertigt werden. Die Provinz ist seit mehr als 300 Jahren Entstehungsort aufwendiger Tonprodukte. Den Glanz erhält das Gefäß durch die Politur mit Halbedelsteinen.
So wie Kupfer, Messing, Marmor und Terrazzo vor einigen Jahren wiederentdeckt wurden und so gar nichts mehr mit der leicht altbackenen Nachkriegsästhetik gemein haben, sind auch Terrakotta-Produkte heute eher schlicht und klar in der Form, nichts erinnert mehr an die rustikale Ökoanmutung der 70er Jahre.
Womöglich sehnen sich die Designer und ihre Kunden nach all dem qualitativ hochwertigen Bling-Bling nach Ruhe. Und es lässt sich auch damit gut kombinieren, wie die Gestalterin Eva Marguerre vom Designstudio Besau-Marguerre sagt: „Terrakotta ist im Kommen, auch weil es sich abhebt von den eher unruhigen und glänzenden Materialien wie Messing, Kupfer und Terrazzo.“
In Kombination mit Rosa- und Rottönen wirkt es harmonisch ruhig, etwas extravaganter mit Gelb und Grau. Das sind übrigens auch die vom Institut Pantone ausgerufenen Trendfarben des Jahres 2021.