Bauhaus Stuttgarter Möbelbauer Knoll erobert Amerika

Der in die USA ausgewanderte Stuttgarter Möbelbauer Hans Knoll und seine Gattin Florence entwarfen und produzierten Möbel und gestalteten Inneneinrichtungen im Geiste des Bauhaus-Stils. Sie wurden damit weltberühmt. Die Sessel von Breuer und Mies van der Rohe sind Klassiker des modernen Designs. Foto: Knoll

Wie das Paar Hans und Florence Knoll das Wohnen revolutionierte und Ikonen des Bauhauses für die Firma gewann. Jüngst haben auch Stuttgarter Designer für die Weltfirma einen Sessel entworfen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Der New Yorker Millionär Nelson Rockefeller, das US-Konsulat in Stuttgart, Botschaften in Stockholm und Havanna, die Elite der deutschen Industrie von Krupp bis Daimler-Benz, Ausstatter der stilvollsten Fernsehserie der vergangenen Jahre „Mad Men“: Sie alle kauften Möbel oder ließen ihre Büros und Wohnungen gestalten von einem Schulabbrecher aus Stuttgart und einer Schweizer Emigrantentochter.

 

Und das kam so.

Hans Knoll wird 1914 als Sohn des Möbelfabrikanten Walter Knoll in Stuttgart geboren. Er beginnt 1934 eine kaufmännische Lehre, nachdem er das Internat Schloss Salem am Bodensee ohne Abschluss verlassen hat. Und er ist beeindruckt vom neuen Bauen, von Architekten und Designern des Bauhauses. 1933 schließen die neuen Machthaber das Bauhaus, 1938 entscheidet sich Hans, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen, und siedelt in die USA über.

Hans Knoll kurvt im Cabrio durch die USA

Hans Knoll gründet eine Möbelfirma in New York. 1941 tut sich der 27-Jährige mit dem zwei Jahre jüngeren dänischen Designer Jens Risom zusammen. Mitten im Zweiten Weltkrieg kurven die jungen Männer wochenlang in einem brandneuen Plymouth Cabrio durchs Land, um zu sehen, was für Möbel Amerika brauchen könnte, wie Brian Lutz in „Knoll: A Modernist Universe“ schreibt.

Die erste Möbelserie sollte ein Welterfolg werden: Fallschirmriemen, die für den militärischen Gebrauch nicht gut genug waren, und Holz dienen als Material für den Lounge Sessel 650. Günstig, vorfabriziert, leicht zusammenzubauen; was gedacht ist als Notbehelf in Zeiten der Materialknappheit, wird eine Ikone des modernen Designs.

Design im Geiste des Bauhaus-Stils

1943 lernt Knoll eine junge Dame kennen, Florence Schust aus Saginaw, Michigan, deren Großeltern aus der Schweiz emigriert waren. 1946 heiratet das Paar. In die geschäftliche Ehe bringt Florence wertvolle Verbindungen ein. An der Cranbrook Academy of Art, die als Wiege des amerikanischen Modernismus gilt, hatte sie bei dem finnischen Architekten Eliel Saarinen studiert und auch dessen Sohn Eero kennengelernt, der ebenfalls Architekt und Designer wurde.

Am Illinois Institute of Technology studierte sie dann bei dem Architekten und ehemaligen Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe. Und sie arbeitete im New Yorker Architekturbüro von Marcel Breuer und dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius.

Sie lernt: Architektur soll funktional, klar, geradlinig sein – die Inneneinrichtung auch. Weg von Plüsch und Pomp, verschnörkeltem und wuchtigem Kram.

Die Knolls sahen nicht nur blendend aus, sie müssen auch Verkaufstalente gewesen sein. Sie überzeugten ehemalige Studienkollegen und Lehrer, ihnen ihre Entwürfe anzuvertrauen. Bis heute sieht man in Wohnungen und Häusern gestaltungsaffine Menschen, die es sich leisten können oder lange darauf gespart haben: Möbel wie Ludwig Mies van der Rohes Barcelona Chair, den Wassily-Sessel von Marcel Breuer, Stühle von Harry Bertoia und Eero Saarinen.

Revolution des modernen Wohnens

Eine glückliche Liaison von handwerklichem Wissen, Unternehmergeist und Stilbewusstsein. Aus dem Zweimenschenbetrieb wird ein internationales Großunternehmen. Selbstbewusst zieht man in die feine Madison Avenue. Florence hat zudem eine wegweisende Idee und gründet ein Studio für Innenarchitektur.

Sie entwirft maßgeschneiderte Einrichtungen auch für Büros großer Firmen, für Hotels, Banken und Krankenhäuser. Möbeleinrichtung vom Raum her zu denken, ist damals einigermaßen revolutionär. Bevor Knoll ein Büro neu konzipierte, wurde recherchiert, wie arbeiten die Leute, was brauchen sie? Wenn ein Chef vor allem Meetings abhielt, bekam er einfach keinen klobigen Schreibtisch, sondern schlicht einen Besprechungstisch.

Stilbildend wirkte die vielfach preisgekrönte Firma nicht nur in den USA. 1951 eröffnete man Niederlassungen in Deutschland – in Knolls Heimatstadt Stuttgart – und in Frankreich. 1960 widmete das Magazin „Der Spiegel“ Knoll eine Titelgeschichte. Hier war auch zu lesen, wie Gestalter staunten über Stühle aus Kunststoffschalen und Tische ohne viele Beine: „Der Tisch: eine runde Platte aus mattweißem, schwarzgeädertem Marmor, die wie das Dach eines Pilzes auf einem schlanken Träger ruhte“.

Knolls Möbel in der TV-Serie „Mad Men“

Diesen Triumph in der ehemaligen Heimat konnte Hans Knoll nicht mehr genießen, 1955 starb er bei einem Autounfall. Florence Knoll, die über 60 Jahre länger lebte (sie starb im Januar 2019 mit 101 Jahren), machte allein weiter. Sie zog sich aber Mitte der 60er Jahre aus dem Geschäft zurück und erlebte noch, wie die Midcentury-Ästhetik wieder Trend wurde – auch dank der von 2007 bis 2015 ausgestrahlten TV-Serie „Mad Men“ über die Werbebranche im New York der 60er. Serien-Erfinder Mathew Weiner achtete penibel auf stilechte Kulissen: Die Lobby der Agentur ist mit Florence Knolls Sofa ausgestattet, die Helden Don Draper und Roger Sterling fläzen in Stühlen von Eero Saarinen.

Während der Kreativchef in der Serie, Don Draper, gegen Ende von „Mad Men“ mit dem Zeitgeist der 68er fremdelt, ruht sich die Firma nicht aus. Man setzt weiter auf sich fast von selbst verkaufende Klassiker, die in immer neuen Varianten produziert werden. Zeitgenössisch zu sein, wie es der Anspruch von Knoll ist, bedeutet aber auch, Designer von heute um Ideen zu bitten, die dabei bitte schön die Tradition im Blick haben.

Stuttgarter Designer arbeiten für Knoll

Der berühmte Designer Richard Sapper (1932–2015) etwa, der seine Karriere in der Styling-Abteilung von Mercedes-Benz begonnen hatte und an der Stuttgarter Kunstakademie lehrte, entwarf im Jahr 1979 für Knoll Bürostühle, die mit dem Preis „Die gute Form“ bedacht wurden.

Verbindungen zu Stuttgart wurden auch jüngst wieder aufgenommen. Knoll kontaktierte die Designer Jehs + Laub. „Der Designdirektor von Knoll“, sagt Jürgen Laub, „erzählte, er erhalte 200 Entwürfe am Tag“. Bewerbungen zwecklos. Es war also eine ziemliche Auszeichnung, als Knoll bei Jehs + Laub anfragte.

Mit der Firmen-DNA von Knoll verbindet Markus Jehs und Jürgen Laub einiges, darunter das erklärte Ziel, so Jürgen Laub, „gegen die Beliebigkeit zu arbeiten“. Markus Jehs: „Wir sind nicht an Mode interessiert, sondern an richtig guten Produkten, die möglichst für immer Gültigkeit haben.“

Ein Sessel wie eine Quilt-Decke

Um „den Geist der Firma zu schnuppern“, wie Jürgen Laub sagt, besuchten sie Knoll in New York und reisten nach Pennsylvania, um zu sehen, wie dort produziert wird. Bei der Recherche stießen sie auf die Handwerkskultur des Quilting, die in der Gegend von den frühen Siedlern und heute immer noch von den Amischen praktiziert wird, die wiederum überwiegend von Südwestdeutschen oder Deutschschweizern abstammen.

Beim Quilting fügt man kleine Stoffstücke aneinander. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger kunstvoll aussehende Decke, die man als Bettüberwurf oder als Wandbehang benützen kann. Auch Florence Knolls Sofas hatten geometrische Raster. So konnten die Designer Bezug nehmen auf Traditionen der Gegend und die Firma. Laub: „Wir haben ein Stofftuch zusammengeklebt, Taschen wie kleine Ravioli gebastelt und in Form geknüllt.“

Kopiert werden nur Originale

Das Minimodell zeigte es schon, eine Decke, die aber eben ein Sessel ist. Markus Jehs: „Der Designchef von Knoll verstand es gleich und sagte nur: ,Fantastisch.‘“ Ihr Sessel wird bis heute gefertigt. Schaut man sich auf Möbelmessen um, sieht man an Ständen anderer Hersteller einige Lookalikes. Das war schon früher der Fall bei Knoll. Florence Knoll, so referierte es der „Spiegel“, habe sich nicht vor Gericht gegen Plagiate gewehrt. Man kann es auch als Ritterschlag sehen. Kopiert wird immer nur ein Original.

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