Philippe Starck hat ein Hotel in Metz entworfen. Vorlage war ein von ihm verfasster Roman. Foto: AFP/Joel Saget, Julius Hirtzberg
Aus unserem Archiv – Philippe Starck hat wie kaum ein anderer die 80er Jahre geprägt. Ein Gespräch über demokratisches Design und das Interieur von Restaurants.
Ich gehe nicht ins Kino, ich besuche keine Museen, ich esse nicht in Restaurants, ich spreche nicht mit Menschen.“ Dies erzählt der Designer Philippe Starck auf die Frage, woher seine Ideen kommen. Aber auch, warum er Angst vor der Zukunft hat.
Das Interview erschien erstmals am 18. April 2025.
Herr Starck, wie geht es Ihnen?
Ich versuche zu überleben. Um es mit den Worten von Steve Jobs zu sagen: „still vertical“, „ich stehe aufrecht“. Ich mochte die Idee, als er das sagte.
Wo erreiche ich Sie eigentlich?
Ich bin überall und nirgends. Denn ich bin immer weit weg von allem. Ich bin mitten im Schlamm, mitten im Meer, mitten im Wald, aber mitten in der Stadt finden Sie mich nicht. Heute bin ich auf dem Berg. Genauer gesagt, auf dem wunderschönen Berg Sintra in Portugal.
Ich bin zuhause in Portugal. Ich lebe hier seit elf Jahren mit meiner Frau Jasmine und meiner Tochter Justice. Wir sind jetzt auch Portugiesen.
Wie viele Nächte im Jahr schlafen Sie in Hotels?
Ich schlafe mehr als die Hälfte in Hotels. Und das gefällt mir normalerweise nicht.
Warum?
Das physische Reisen stört unseren Biorhythmus, und ich hasse es. Ich bin überhaupt kein Tourist. Vielleicht könnte ich ein Forschender sein, der an Orte reist, die es früher gab, aber nicht mehr existieren, die ich als „Grauzonen“ bezeichne: Vorstädte, die ausgestorben sind, alte Industriegebiete, in denen nichts mehr passiert. Ich liebe dieses Dazwischen, und es sind die einzigen Orte, die ich außerhalb meines Zuhauses besuche. Ich bevorzuge emotionale Reisen.
Dennoch: Wenn Sie in einem Hotel übernachten müssen, was ist Ihnen wichtig, damit Sie sich wohlfühlen?
Eine Sache, die ich mag, ist das Gefühl, willkommen zu sein, erwartet zu werden, wenn der Rezeptionist oder Maître d’hôtel mich persönlich mit einem warmen Satz begrüßt: „Herr Starck, ich freue mich, Sie zu sehen, und ich habe eine Flasche sulfatfreien Wein für Sie. Es war schwierig, ihn zu bekommen, aber ich bin sicher, dass er Ihnen schmecken wird.“ Dann ist die Qualität des Bettes und des Kissens entscheidend. Und natürlich die Gesellschaft, denn in einem Hotel allein zu sein oder sich allein zu fühlen, ist das Schlimmste.
Kissen und Herzlichkeit des Personals, das heißt, Sie brauchen keine Suite und ein großes Spa?
Keineswegs. Im Gegenteil: Ich mag keine große Suiten. Ich benutze sie nicht. Ich habe in meinen Vertrag festgelegt, dass ich keine Suiten gebucht bekomme. Ich brauche ein ganz normales Zimmer, nicht zu groß, nicht zu klein. Ich brauche einen Tisch mit einer guten Designlampe und einem Stuhl. Mehr brauche ich nicht.
Stühle von Philippe Starck: der „Louis Ghost Chair“ Foto: imago images / Arcaid Images/Stacy Bass
Womit wir beim Stuhl wären. Warum beschäftigen sich Designer immer wieder mit Stühlen? Ist da nicht schon das Ende der Möglichkeiten erreicht?
Einen Stuhl zu entwerfen ist immer geheimnisvoll, äußerst schwierig und eine große Herausforderung, denn schon ein Millimeter Unterschied entscheidet darüber, ob der Stuhl bequem und harmonisch ist oder nicht. Viele verschiedene Parameter spielen eine Rolle, und man muss eine Menge wissen, um es richtig zu machen. Das ist so etwas wie der Heilige Gral für Designer. Einen guten Designer erkennt man immer daran, dass er einen guten Stuhl entwerfen kann. Alles andere ist sehr einfach. Vor ein paar Jahren habe ich einen Aluminiumstuhl entworfen. Als ich den Raum betrat, um den Prototyp zu prüfen, konnte ich schon aus zwanzig Metern Entfernung sehen, dass der Stuhl zwei Millimeter zu niedrig war. Die Harmonie stimmte nicht. Harmonie ist das Wichtigste im Leben. Ob in der Musik, in der Literatur oder in unseren Beziehungen zu anderen Menschen – hinter allem steckt Harmonie.
Sie gelten als einer der einflussreichsten Designer des 20. und 21. Jahrhunderts. Ihr Designansatz wird oft als demokratisch beschrieben. Was bedeutet das?
Demokratisches Design ist ein zentraler Kampf meines Lebens. Ich bin ein großer Demokrat, fast ein „Kommunist“. Gutes Design sollte so vielen Menschen wie möglich in höchster Qualität zugänglich sein. Die Idee von limitierten Auflagen ist für mich sehr vulgär. Es ist eine Ehre, wenn so viele Menschen wie möglich das Ergebnis teilen.
Ihr jüngstes Projekt ist ein Hotel in Metz, auf dem oben über dem neunten Stock ein Haus für das Restaurant gebaut wurde. Es erinnert an den Baustil im 19. Jahrhundert. Wie kam es dazu?
Manche Hotelbesitzer denken, dass es ausreicht, Kunstwerke an die Wände zu hängen, um ein Hotel in ein Kunstprojekt zu verwandeln. Ich glaube, das ist nicht der Fall, und das Ergebnis ist oft ein Misserfolg. Ich nenne das „art washing“. Für Maison Heler habe ich keine Kunst ins Hotel gebracht, sondern eine kristallisierte 3-D-Version eines Kunstwerks geschaffen. Das Hotel wurde nach einem Kunstkonzept gebaut, es wurde aus der Kunst heraus geschaffen, basierend auf der surrealistischen Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, mit dem Titel „The Meticulous Life of Manfred Heler“. Das Hotel wurde aus dieser Geschichte geboren.
Das Maison Heler in Metz ist eindrucksvoll. Foto: www.JuliusHirtzberger.com/Julius Hirtzberger
Damit ich Sie richtig verstehe: die Vorlage für das Hotel ist ein Roman?
Das Konzept des Maison Heler ist weltweit einmalig. Alles im Hotel ist nach Manfreds Leben gestaltet. Das Haus auf dem Dach ist das Haus seiner Eltern, das er geerbt hat. Das Erdgeschoss ist sein ehemaliges Atelier, das in Roses Küche umgewandelt wurde, als Hommage an Rose, die Liebe seines Lebens – auch wenn niemand weiß, ob Manfred wirklich eine Verlobte hat. Er ist wie ich im Spektrum der Neurodivergenz. Er hat seine eigene Sprache, seine eigene Typografie, seine eigenen Buchstaben. Vom Roman bis zum Hotel gibt es für jeden Besucher alles zu entdecken, zu suchen und zu entschlüsseln.
Wie entwickeln Sie solche Ideen? Beginnen Sie mit einer Skizze oder einem Gefühl? Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Ich halte mich nicht für besonders intelligent, aber ich bin ein Monster der Intuition. Mein Gehirn arbeitet ununterbrochen, um neue Ideen zu entwickeln. Dann entscheide ich, ob ich sie in die Tat umsetze, je nachdem, ob sie eine Daseinsberechtigung haben. Das Verfahren ist ganz einfach. Ich habe ein spezielles, unverwüstliches Pauspapier und einen japanischen Bleistift, den ich nie aus der Hand gebe. Alles, was ich tun muss, ist, meine Idee auf das Papier zu drucken, wie bei einem Drucker, bei dem ich nur darauf achten muss, dass die Tintenpatrone voll ist. Um diese Kreativität aufrechtzuerhalten, tue ich nichts Besonderes. Ich gehe nicht ins Kino, ich besuche keine Museen, ich esse nicht in Restaurants, ich spreche nicht mit Menschen. Ich lebe allein mit meiner Frau und meiner Tochter. Und wenn ich eine Idee habe, kann ich sie in ein paar Minuten umsetzen. Einen Stuhl baue ich in fünf Minuten, ein Hotel höchstens in einem Tag.
Ob Hotels oder vor allem Restaurants, meistens müssen die Räume für Instagram gut aussehen. Ist man es nicht leid, wenn eine Schaukel im Raum hängt? Oder Pflanzen an den Wänden?
Ich bin nicht von dieser Welt, ich bin nicht hip. Und um ehrlich zu sein, stört mich das nicht, aber es interessiert mich auch nicht. Ich habe mir meine eigene Logik geschaffen, kämpfe immer gegen Trends, die per Definition veraltet sind. Trends sind etwas für Leute, die Design um des Designs willen lieben. Aber wie kann man sich für einen Stuhl begeistern? Was mich interessiert, sind die Menschen, die auf diesem Stuhl sitzen werden, und der Service, den ich ihnen durch das Objekt bieten kann.
Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was war Ihr wichtigstes Projekt?
Es ist keine Karriere, es ist mein Leben. Um eine Karriere zu machen, muss man Ambitionen haben, eine Idee oder einen Traum, dies zu tun. Ich hatte nie etwas davon. Und letztendlich glaube ich nicht, dass ich auf ein Projekt, das ich geschaffen habe, besonders stolz sein werde, denn man kann nicht stolz darauf sein, Materialität zu produzieren. Vielleicht wäre ich stattdessen stolz auf mich selbst. Stolz darauf, ein Kämpfer zu sein, ehrlich, naiv und rein. Egal, was ich getan habe – und immer noch tue, ich wollte immer etwas tun, um die Gesellschaft zu verbessern, immer vorausschauend, was die Zukunft bringen würde.
Wenn Sie heute in die Welt blicken, haben Sie dann Angst vor der Zukunft?
Zurzeit stehen wir vor unumkehrbaren Veränderungen. Wir haben 2500 Jahre gebraucht, um ein wertvolles demokratisches System aufzubauen, das nun in sehr kurzer Zeit zerstört wird. Ich wusste, dass dies geschehen würde, aber ich kann nicht glauben, wie schnell und gewaltsam es geschieht. Meine fünf Kinder tun mir sehr leid, denn die Zukunft könnte für Andersdenkende gefährlich sein. Aber durch unsere Evolution haben wir in den letzten Milliarden Jahren etwas Bemerkenswertes erreicht, was uns Anlass zu Hoffnung und Optimismus geben sollte.
Zur Person
Philippe Starck , geboren am 18. Januar 1949, in Paris ist ein weltbekannter französischer Designer und Architekt, bekannt für seine innovativen und funktionalen Entwürfe. Er prägte das demokratische Design und schuf ikonische Werke wie den „Louis Ghost“-Stuhl und die Zitronenpresse „Juicy Salif“. Starck gestaltet Möbel, Hotels, Fahrzeuge und Raumfahrtmodule und wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Ritterorden der Ehrenlegion.