Köln - Sebastian Herkner, in Bad Mergentheim, Baden-Württemberg, geboren, zählt zu den international bekanntesten und vielfach ausgezeichneten Designern. Bei der Möbelmesse Köln zeigt er neue Entwürfe für renommierte Firmen wie Ligne Roset, Thonet und ClassiCon. Im Interview spricht der 38-Jährige über geizige Käufer, nachhaltiges Produzieren und seine Liebe zum Handwerk.
Herr Herkner, Sie wurden in Paris zum Designer des Jahres gekürt, erhalten wichtige Designpreise, aber in Ihrer Geburtsstadt Bad Mergentheim fehlen Sie auf der Prominentenliste. Warum?
(Lacht) Da müssten Sie dort im Rathaus nachfragen. Ich vermute, dass Design für manche nicht so einen hohen Stellenwert hat. Auch in der Schule haben wir im Kunstunterricht etwas über Architektur und Fotografie gelernt, aber nichts über Design. In Italien, erst recht in Dänemark ist das anders.
Inwiefern?
Wenn Sie durch Kopenhagen gehen, sehen Sie in jedem Fenster eine Designleuchte hängen. Man legt dort auf Design im Alltag mehr Wert und ist eher bereit, Geld für einen Klassiker auszugeben. In Deutschland investiert man lieber in ein großes Auto. Ansonsten kauft der Deutsche ja gern günstig. Der Slogan „Geiz ist geil“ hat eine ganze Generation geprägt. Am selben Tag, an dem fürs Klima gestreikt wird, findet ein „Black Friday“ mit Billigangeboten in Modeläden statt und sicher sind auch unter den Demonstranten einige, die nach dem Kampf für Klima und Nachhaltigkeit schnell und billig shoppen gehen.
Muss gutes Design zwangsläufig teuer sein?
Nein. Aber handwerklich gut gemachte Dinge haben einen Preis wegen des Materials und wegen der Arbeitszeit. Ich habe das Privileg zu wissen, wie etwas produziert wird. Für einen Stuhl von Dedon zum Beispiel braucht ein Handwerker vier Tage, und so etwas muss dem Kunden natürlich auch erzählt werden, damit er den Preis versteht.
Nicht jeder kann sich aber einen Stuhl oder einen Tisch für Hunderte oder gar Tausende Euro leisten.
Wer ein paar Monate auf einen Tisch, eine Leuchte, einen Stuhl spart und bewusster kauft, schätzt die Dinge besser. Ich halte es für nachhaltiger, nicht schon nach einem halben Jahr oder beim nächsten Umzug die Möbel zu entsorgen und neue zu kaufen. Wir haben den Respekt für den Wert der Dinge verloren. Die Balance fehlt. Und wir haben keine Geduld mehr.
Wie meinen Sie das?
Alles muss zack, zack verfügbar sein. Man kauft schnell, will alles sofort haben und wirft auch schneller wieder etwas weg. Ich finde es schön, wenn Möbelstücke Begleiter durchs Leben sind. Ist die Qualität besser, repariert man auch mal etwas, wenn es kaputtgeht – weil es sich lohnt. So etwas ließe sich auch politisch steuern, wenn etwa der Mehrwertsteuersatz für Reparaturarbeiten gesenkt würde.
Sie selbst befeuern mit einigen neuen Produkten pro Jahr die Kauflust. Was ist Ihr Beitrag zur Nachhaltigkeit?
Wenn ich zum Beispiel für einen chinesischen Hersteller etwas entwerfe und ihn überzeuge, dass Marmor aus China ebenso gut sein kann wie aus Italien. Viele Leute glauben irrtümlich, woanders sei alles besser. Wir müssen aber überlegen, wie wir mit Material und Ressourcen umgehen, und verantwortungsvoll produzieren. Ich arbeite gern mit Firmen, die ihre Waren im eigenen Land herstellen, so wie Thonet etwa . . .
. . . für die Sie einen Stuhl entworfen haben, der jetzt schon im Bauhaus-Museum Dessau ausgestellt ist.
Ich schätze Qualität im Handwerk enorm und übersetze Traditionelles gern in eine neue Formensprache. Wir haben zum Beispiel einmal Kacheln aus Seife hergestellt – leider gibt’s die Firma nicht mehr, weil jeder heute Flüssigseife benützt. Die Form aber kam so gut an, dass wir mit der Firma Kaufmann richtige Kacheln in der Form gemacht haben. Ein Freund hat davon ein Bild im Internet gepostet und plötzlich wurden die Kacheln bis in die USA verkauft. Da sieht man auch die Macht der sozialen Medien und der Influencer.
Porzellanherstellung zählt auch zum Handwerk. Für Fürstenberg haben Sie aber nicht Teller entworfen, sondern Leuchten. Wie kam’s?
Ich finde es spannend, wie klassische Handwerksfirmen ihr Wissen benützten, um sich umzuorientieren. Bei Fürstenberg stieß ich auf viel Wissen und Erfahrung und so konnten wir mit Material arbeiten, das einen Millimeter dick, also hauchdünn ist und Licht durchlässt. LED wirkt sonst oft künstlich, gibt nun aber eine schöne Lichtwärme.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie mit einer Firma arbeiten?
Instinkt zunächst. Und Erfahrung. Wichtig ist, dass man im Dialog gut zusammenarbeitet. Das ist wie in einer Beziehung. Manchmal merkt man, man passt doch nicht zusammen, dann arbeitet man nur einmal miteinander. Da wir Designer mit Lizenz bezahlt werden, verdienen wir nur etwas, wenn die Produkte, die hergestellt werden, sich verkaufen. Manchmal arbeitet man drei, vier Jahre an einem Produkt und es wird kurz vor der Präsentation noch abgesägt. Oder wenn die Firma etwa keinen guten Agenten und keinen guten Vertrieb hat, dann verdienen wir auch nichts.
Und wie kommt ein Möbeldesigner dazu, auch noch Brillen zu entwerfen?
Neugierde! Und Lust auf interdisziplinäres Arbeiten. Ich wurde von der Firma ic! Berlin gefragt und habe Ja gesagt. Man rückt mit so einem Produkt dem Menschen noch näher und hat viele andere neue Parameter zu bedenken, zum Beispiel, wie kombinieren wir Glas und Rahmen. Das ist ein spannender Entwicklungsprozess gewesen. Wir haben uns von der Stadt Berlin inspirieren lassen und vier Brillen entworfen: „Avus“, eher sportlich, die „Bellevue“ ist eher extravagant, „Dahlem“ eher retro und „Hansa“ – vom Hansaviertel – ist also eher eine Architekten-, eine Intellektuellenbrille.
Immer mehr Designer entwerfen auch Innenräume. Sie gehen jetzt bei der Möbelmesse Köln für die deutsche Firma Thonet unter die Interior-Gestalter.
In Ländern wie England und den USA zum Beispiel werden Immobilien oft möbliert verkauft, da hat Innenarchitektur einen höheren Stellenwert als in Deutschland. In Deutschland ändert sich inzwischen einiges, da einige Hochschulen auch Innenarchitekturstudiengänge anbieten. Wir haben in letzter Zeit immer häufiger Anfragen bekommen und machen das jetzt auch hin und wieder, etwa für ein Restaurant in Lörrach und jetzt zur Messe. Vergangenes Jahr hat das Studio Besau-Marguerre bei Thonet den Kaffeehausgedanken verfolgt; den greifen wir auf und entwickeln ihn weiter, indem wir unter anderem das klassische Sitzgeflecht des Kaffeehausstuhls als Raumteiler verwenden.
Info
Sebastian Herkner, 1981 in Bad Mergentheim geboren, wurde 2019 bei der Messe Maison & Objet in Paris zum Designer des Jahres ausgezeichnet. Schon wenige Jahre nach dem Studium erhielt er im Jahr 2011 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland als bester Newcomer. Er hat auch bei der Modedesignerin Stella McCartney gelernt. Seit seinem Studium an der Hochschule für Kunst und Design in Offenbach arbeitet er als Designer. 2006 hat Sebastian Herkner ein eigenes Studio in Offenbach gegründet. Die vielfach mit Designpreisen ausgezeichneten Arbeiten Herkners sind handwerklich hochwertig, farbenfroh und elegant.
Die Kölner Möbelmesse imm cologne findet vom 13. bis 19. Januar statt. Publikumstage für die internationale Einrichtungsmesse sind am 17. und 18. Januar von 9 bis 18 Uhr, am 19. Januar von 10 bis 17 Uhr.