Ein schlichtes CD-Cover, darauf das Bild eines ernst blickenden Mannes in mittlerem Alter, der die Hände in den Taschen seiner Anzughose verbirgt. Man liest: „Bruckner 1/2“ „Gürzenich-Orchester Köln“ und „François-Xavier Roth“. So weit, so gewöhnlich. Ungewöhnlich indes: Der CD, die an die Presse verschickt wird, liegt ein Schreiben bei. „Falls Sie“, so der Geschäftsführer des Labels Myrios Classics, Stephan Cahen, „das Album dennoch rezensieren wollen, würden wir uns natürlich freuen.“
Er hat sich entschuldigt
„Dennoch“? Seitdem das französische Magazin „Le canard enchaîné“ Ende Mai einen Artikel über den designierten Chefdirigenten des SWR-Symphonieorchesters veröffentlichte, in dem dieser sexueller Übergriffe beschuldigt wird, rumort es in der Klassikszene. François-Xavier Roth soll, so die Zeitung, mindestens sieben Musikerinnen und Musikern über Whatsapp anzügliche Nachrichten und schließlich auch Bilder seines Geschlechtsteils, so genannte Dicpics, geschickt haben; die Namen der Betroffenen seien der Redaktion bekannt. Wörtlich zitiert wurde die Aussage einer früheren Konzertmeisterin beim Orchestre Philharmonique de Radio France.
Das Online-Klassikmagazin „Van“ behauptete daraufhin, die Vorfälle seien schon länger bekannt gewesen und Roth habe versucht, deren Veröffentlichung zu verhindern – auch mithilfe einer Rechtsanwaltskanzlei. Tatsächlich hat er aber auch eingelenkt. Und sich mit diesen Worten entschuldigt: „Es ist vorgekommen, dass ich am Telefon intime Gespräche geführt habe. Wenn ich zu weit gegangen bin, entschuldige ich mich bei denjenigen, die ich schockiert habe.“
Die Veranstalter haben schon viel umgeplant
Wird nun ausgerechnet Roth, dieser exzellente, ungemein breit aufgestellte, weltoffene, nahbare Dirigent, ein Sachwalter der Klarheit in der Musik, zum nächsten entlarvten Täter und zum nächsten bestraften Opfer der Metoo-Bewegung im Klassikbetrieb? Die Aussagen der französischen Zeitung sind noch nicht bestätigt, bis zum Abschluss der Untersuchungen gilt die Unschuldsvermutung. Zurzeit wird aber schon Vieles umgeplant. Die für November geplante Asientournee von Roths eigenem Orchester Les Siècles wurde von den Veranstaltern „wegen der unsicheren Situation“ abgesagt. Für die Konzerte im Juli und August hat man andere Dirigenten verpflichtet, und der Name des Ensemblegründers und -chefs Roth taucht auf der Homepage nirgends mehr auf. Im Gürzenich-Orchester, dem Roth bis 2025 als Chefdirigent und Kölner Generalmusikdirektor vorsteht, lässt Roth nach den Vorwürfen alle Geschäfte ruhen, auch für die mit ihm geplanten Opernaufführungen wurden Gäste verpflichtet. Gleiches gilt für Roths eigene internationale Gastengagements. Und beim SWR-Symphonieorchester, wo er nach seinem Kölner Vertragsende Chefdirigent werden soll, hat man für das letzte Konzert der laufenden Spielzeit am 18./19. Juli die Finnin Eva Ollikainen als Ersatzdirigentin aus dem Hut gezaubert.
Wie sieht die Stuttgarter Orchestermanagerin den Fall Roth? „Bis jetzt“, sagt Sabrina Haane, „berufen sich alle Informationen und sämtliche Berichterstattungen in dieser Sache auf einen einzigen Zeitungsartikel, und nach meinem Kenntnisstand sind noch keinerlei offizielle Beschwerden bei den Orchestern eingegangen, bei denen Roth als Chefdirigent beschäftigt ist.“ Auch Musikerinnen und Musiker des ehemaligen Freiburger SWR-Sinfonieorchesters hätten sich bis jetzt nicht bei der AGG-Beschwerdestelle des SWR gemeldet. Fazit: „Wir werden erst nach dem Abschluss der Untersuchungen vor Ende der Spielzeit entscheiden, wie wir weiter verfahren.“
Tatsächlich steht der SWR nach den Debatten um Teodor Currentzis’ Nähe zum System Putin vor dem nächsten Chefdirigenten-Problem. Er will eine Entscheidung treffen, wenn die Untersuchungen bei Roths Orchestern in etwa zwei Wochen abgeschlossen sind. Bleibt Roth, oder muss er gehen? „Für das Orchester“, sagt Haane, „wäre es aus rein künstlerischer Sicht ein Tiefschlag, wenn Roth sein Amt als Chefdirigent nicht antreten würde. Die Planung für die Spielzeiten ab 2025/26 haben wir mit ihm schon vor Monaten begonnen, und diese Zusammenarbeit war immer konstruktiv und von gegenseitigem Respekt geprägt. Daraus resultieren aber keine Automatismen, was eine zukünftige Zusammenarbeit anbelangt.“
Und was ist nun mit Bruckner? Bis zu dessen 200. Geburtstag am 4. September wollte Myrios Classics die Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien mit dem Gürzenich-Orchester unter Roth als Box auf den Markt bringen. Das wird sich nun verzögern. „Wir verfolgen“, schreibt Geschäftsführer Cahen an die Presse, „die jüngsten Enthüllungen im Zusammenhang mit dem Verhalten von François-Xavier Roth, die vor kurzem ans Licht gekommen sind, mit großer Sorge. Wir stehen für Respekt und Würde am Arbeitsplatz und im menschlichen Miteinander.“
Ensemblegründer François-Xavier Roth
Vita
Der Dirigent wurde 1971 im französischen Neuilly-sur-Seine geboren. 2003 gründete er sein eigenes Ensemble Les Siècles, das Kompositionen mit Instrumenten der jeweiligen Entstehungszeit aufführt. Von 2011 bis zur Fusion mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart 2016 war Roth Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Seit 2015 ist er Chef des Kölner Gürzenich-Orchesters, das auch Orchester der Kölner Oper ist. 2025 soll er Nachfolger von Teodor Currentzis als Chef des SWR-Symphonieorchesters werden.
Aufnahmen
Roth hat mit seinen Orchestern zahlreiche CDs eingespielt. Viel Lob bekam er für seine laufende Bruckner-Gesamteinspielung mit dem Gürzenich-Orchester. Mit Les Siècles hat er einen Schwerpunkt auf Werke von Strawinsky, Strauss und französischen Komponisten gesetzt.