Designierter Landrat Markus Möller „Ich bin kein Fan der Trostpflaster-Politik“
Markus Möller ist von 1. Juli an neuer Landrat im Kreis Göppingen. Wie wird er mit vielen Erwartungen, dem Klinik-Defizit, der AfD und Falschmeldungen umgehen?
Markus Möller ist von 1. Juli an neuer Landrat im Kreis Göppingen. Wie wird er mit vielen Erwartungen, dem Klinik-Defizit, der AfD und Falschmeldungen umgehen?
Sechs Wochen ist es her, dass Markus Möller als Solo-Bewerber mit 44 Stimmen im ersten Durchgang zum neuen Landrat im Kreis Göppingen gewählt wurde. Sechs Wochen bleiben ihm, bis er offiziell das Amt übernimmt – Zeit, die er in erster Linie für Kennenlerngespräche mit seinen künftigen Mitarbeitern nutzen will, denn mit dem Amtsantritt wird die inhaltliche Arbeit Priorität haben.
Bereits in seiner Bewerbungsrede hatte der 50-Jährige unangenehme Wahrheiten ausgesprochen und ein Sparprogramm, auch im öffentlichen Nahverkehr, angekündigt. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, unter anderem vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). „Ich habe noch gar nicht angefangen, da beginnt schon die Kritik“, sagt Möller etwas verwundert. Normalerweise gilt die 100-Tage-Frist, sie bemisst die Zeitdauer, die einem neuen politischen Amtsinhaber oder einer neuen Regierung zugestanden wird, um sich einzuarbeiten und erste Erfolge vorzuweisen. „Ich hatte minus 100 Tage“, sagt der designierte Landrat. Die Kritik vor allem in den sozialen Medien habe er als ungewöhnlich scharf empfunden, „das kenne ich aus Ulm und aus dem Alb-Donau-Kreis so nicht“. Zumal ihm ein guter ÖPNV im Landkreis „eine Herzensangelegenheit“ sei, er wolle lediglich alle Ausgaben auf den Prüfstand stellen, dies müsse erlaubt sein. „Das bewusste Missverstehen ist heute Teil der Politik“, startet er einen Erklärungsversuch für die Debatte.
Möller macht sich Sorgen wegen des Trends, dass eigene Wertvorstellungen immer häufiger über gesellschaftliche Interessen gestellt werden. „Dem müssen wir als Gesellschaft entgegentreten“, sagt Möller. Es dürfe nicht passieren, „dass kleine, laute Minderheiten den öffentlichen Diskurs bestimmen“. Er will als Landrat Entscheidungen umfassend und gut erklären, mit Fakten untermauern und so ein „neues Miteinander“ schaffen. „Und ich werde nicht zulassen, dass mit Halbwahrheiten Kritik verbreitet wird und Falschmeldungen unwidersprochen bleiben.“
Neben der Frage, wie der Landkreis diese Minderheiten und Fake News handhabt, hat der CDU-Mann auch klare Vorstellungen, wie er mit der AfD umgehen wird. Die Partei ist seit ihrer Gründung nach Einschätzung des Verfassungsschutzes immer weiter nach rechts gerückt und wurde jüngst als „gesichert rechtsextremistisch eingestuft“. Möller ist überzeugt: „Der demokratische Rechtsstaat bewährt sich dann, wenn er sich mit Gruppierungen von rechts und links sauber und korrekt auseinandersetzt.“ Deren Mitglieder seien durch eine Wahl demokratisch legitimierte Vertreter, „die Partei ist nicht verboten, daher werde ich mit den Kreisräten der AfD fair und rechtsstaatlich umgehen“. Die Rolle des Landrats lasse auch nichts anderes zu als eine Gleichbehandlung ohne Benachteiligung. Dennoch sieht der künftige Verwaltungschef den Rechtsextremismus als „eine der größten Gefahren für unseren Rechtsstaat“. Möller macht auch kein Hehl daraus, dass er viele Inhalte der AfD, insbesondere die Geschichtsnihilierung des Holocaust, „furchtbar“ findet: „Politisch trennen uns Welten“, betont er.
Möller versteht sich als Brückenbauer, als „Übersetzer vom Kreistag zur Bevölkerung“. Er will erreichen, dass die Menschen die Arbeit des Landkreises verstehen und nachvollziehen können. „Ich strebe an, ein Vertrauensverhältnis hinzukriegen. Ich stelle fest, es wird sehr viel hinterfragt“, sagt er. Entweder liege es daran, dass die Dinge nicht gut genug erklärt seien oder es gebe ein gewisses Misstrauen, vermutet Möller. An dieser Stelle will der künftige Landrat eine Fehlerkultur etablieren, sprich auch offen ansprechen, wenn mal etwas schiefgelaufen ist: „So schafft man Vertrauen.“ Möller weiß, dass nicht nur durch die Schließung der Geislinger Helfenstein-Klinik tiefe Risse durch den Landkreis gehen. Das obere Filstal fühlt sich abgehängt, aber gerade von dort bekomme er viel Zuspruch. „Ich will den Landkreis in all seinen Regionen gleich behandeln“, nimmt er sich vor. Aber er sei kein Fan der Trostpflaster-Politik. „Wir werden nicht immer dort nachlegen, wo sich jemand benachteiligt fühlt. Politik muss der Vernunft folgen.“
Vernunft will Markus Möller an verschiedener Stelle walten lassen. Bei der Konsolidierung der Kreisfinanzen genauso wie bei der Konzentration auf die Aufgaben, die dem Landkreis wirklich zugewiesen sind. Auch die Klinik-Geschäftsführung nimmt er in die Pflicht auf dem Weg hin zur Schwarzen Null oder zumindest der schrittweisen Reduzierung des Defizits. Der designierte Göppinger Landrat setzt auf Ehrlichkeit: „Wir brauchen einen genehmigungsfähigen Haushalt, und spätestens da kommen die Wahrheiten auf den Tisch.“ Dann denkt er laut nach: „Wenn wir das Defizit nur zur Hälfte senken würden, was könnten wir mit diesem Geld alles machen.“
Wohnsitz
Markus Möller ist 50 Jahre alt und lebt in Ulm. Er habe Stand jetzt auch nicht vor, in den Kreis Göppingen zu ziehen. Er sei mit dem Regionalexpress in 34 Minuten hier, erklärt er. „Es geht auch eher um eine emotionale Verbundenheit. Die Menschen wollen keinen kalten Verwalter, sondern einen Landrat, der Teil ihrer Lebenswelt ist“, ist er überzeugt. Mit einer „starken Präsenz“ im Kreis Göppingen will er „ein greifbarer Landrat“ sein.
Vita
Möller hat Jura und Verwaltungswissenschaften studiert. Aufgewachsen ist er in Eriskirch am Bodensee. Der künftige Landrat ist nicht verheiratet, „aber seit Jahren glücklich liiert. Wir haben entschieden, dass wir Berufliches und Privates konsequent trennen“. Möller ist Christdemokrat und praktizierender Katholik. Der aktuell stellvertretende Landrat des Alb-Donau-Kreises verbringt gerne Zeit in der Natur, Sport ist ihm wichtig – ob beim Wandern, im Fitnessstudio oder beim Motorradfahren. Der designierte Landrat mag bodenständiges Essen und auch mal ein Glas Wein am Wochenende. Markus Möller sieht sich als verlässlich, durchsetzungsstark, entscheidungsfreudig, empathisch und geerdet.